aufstieg mit undercut – alex eisenach will in hannover ganz nach oben

Die Cumberlandsche hat sich fein gemacht. Die eigentliche Bühne ist jetzt eine Blackbox, ganz unten locken Brot, Butter und Salz an einen langen Holztisch und ins schönste Treppenhaus – wir sind seit dem Atlas der abgelegenen Inseln verliebt – hat Bühnenbildner Andreas Alexander Straßer in mutigem Kontrast zum alten Gemäuer die Spielorte für die neue Theaterserie Eine Stadt will noch oben gebaut. Zehn Folgen soll es geben, die ersten beiden eröffneten am letzten Wochenende die neue Cumberland.

Eine Stadt will nach oben © Isabel Winarsch

Eine Stadt will nach oben © Isabel Winarsch

Ein Holzsarg poltert die Treppe hinunter den Premierengästen direkt vor die Füße und heraus klettert höchstlebendig Hagen Oechel, spricht als Pastor ein paar warme Worte und führt die Trauergemeinde sodann zum Begräbnis hinauf bis unters Dach. Damit sind wir direkt in der niedersächsischen Valla Pampa anno 1907 zwischen Schweine- und Geflügelmastbetrieben, ganz viel Nichts und traditioneller Engstirnigkeit. Dem jugendlichen Helden ist nach der Mutter soeben auch der Vater weggestorben und weg ist auch genau das, was dieser Karl jetzt schleunigst muss: raus aus dem Dorf, rein in die Stadt!

Lieber einmal fliegen als ein ganzes Leben kriechen

Locker um Falladas Ein Mann will nach oben gestrickt, folgt die Story Karl bei seinen ersten Schritten in der großen Stadt. Die hier natürlich Hannover heißt und nicht Berlin. Hier schließt sich unser Neu-Städter der toughen Arbeitergöre Rieke an. Hier gibt er beim Chef der Hanomag geschickt den Kapitalistenflüsterer und klettert infolgedessen steil die Karriereleiter rauf. Hier erlebt er verbitterte Arbeiter im Suff und Proletarier aller Länder …! -AktivistInnen, die sehr kreativ die Übernahme des Hanomag-Werkes planen, und mit diesem schrägen Himmelfahrtskommando an den Umständen und an sich selbst scheitern. Hier ziehen seltsame Machtmänner, eine geheimnisvolle Liga und Sherlock Holmes persönlich im Hinter-Untergrund die Fäden.

Eine Stadt will nach oben © Isabel Winarsch

(Ver)doppeltes Spiel: Die Arbeiterwohnung. Eine Stadt will nach oben © Isabel Winarsch

Gespielt wird treppauf und -ab auf allen Ebenen, derweil die Zuschauer auf den Stufen platznehmen und per Live-Kamera mit dem Geschehen aus den anderen Stockwerken versorgt werden. Die farbflächig-bunten Bühnenbilder – unter anderem gibt es eine formidable Spiegel-Show-Drehtür – setzen nochmal eine eigene Welt in das ohnehin schon aus der Zeit gefallene, morbid-charmante Galerie-Universum. Die Brüche und Reibungen in Raum und Spiel nimmt Christian Decker (Fury-Bassist und seit dieser Spielzeit hannoverscher Schauspielkapellmeister) musikalisch geschickt auf. Allein schon die Titelmelodie behauptet frech fette Dramatik und erzählt von großen Dingen, die da kommen werden:

(Selbst)ausbeutung und Backshop, Revolution und Yogamatte, Netflix und Klassenbewusstsein: So klug und erfrischend wie die Raum-Zeit-Ebenen kreuzt Regisseur Alex Eisenach  auch falladasche Story und kapitalismuskritischen Diskurs, Gag und Ernst, Schicksal und Show, verpasst der Historie feste Gegenwartsseitenhiebe und mischt alles noch einmal mit dem Gesetz der Serie auf. Denn hier wird fernsehserienmäßig zitiert, dass selbst dem Binge-Watcher blümerant zu Mute ist: die Jungs tragen fesche Peaky-Blinders-Undercuts, Game of Thrones (You know nothing, Jon Snow) bekommt ganze Szenen, Stranger Things stecken drin und Twin-Peaks-like schaffen die Cumberländer hier in der Tat einen Ort both strange and beautiful.

Anfangs wirkt alles vielleicht noch ein klein wenig zäh – spätestens nach der Pause aber haben sich alle freigespielt. Reine Zuschauerfreude, wenn Hagen Oechel als holy Freak in black durch die Kulisse stakst oder Andreas Schlager sich als weinerlicher Kapitalist – keiner leidet scheener als der Wiener – selbstmitleidig, aber dichtend durchs Geschehen greint. Maximilian Grünewald springt so überaus ernsthaft von 0 auf 100 in seine hochkomischen Szenen, dass das beinahe sogar eine Sarah Franke überfordert, die – irgendwo zwischen Revoluzzerin und Khaleesi – sonst auch noch die schrägsten Szenen mit wunderbar aberwitziger Ernsthaftigkeit besteht.

Ich treffe eine Abmachung mit der Welt, dass die Sonne nachts scheine und im August Schnee fällt …

Susana Fernandes Genebra zweifelt und verzweifelt als tragisch-versoffen-philosophierender Arbeiter an Fortschrittsglauben und -gläubigern und Antonia Eleonore Hölzel gibt ihrer Rieke neben einer gehörigen Portion Schnodderschnauze auch eine große Tragik mit. In Jonas Steglichs Karl schließlich hat es der naive Junge vom Land schon faustdick  hinter den Ohren, im später durchtrieben intrigierenden Head of Human Ressources steckt aber immer noch ein gutes Stück vom kleinen, über alles staunenden Knaben. Adoptieren, sofort ;)!

Eine Stadt will nach oben © Isabel Winarsch

Was kostet der Weg nach oben? Jonas Steglich, Sarah Franke und Maximilian Grünewald in Eine Stadt will nach oben © Isabel Winarsch

I saw you standing in the corner
On the edge of a burning light
Come to me again in the cold, cold night

Mag der Abend gegenüber Eisenachs » Frankfurter Finanzwestern oder den hiesigen » Gerechten auch mehr wie eine lockere Fingerübung daherkommen, mit Gedankenfäden, die zwar aufgenommen, aber nicht wirklich weitergesponnen werden – das macht glatt die Hälfte. Denn, was kostet die Stadt? Ach, was: Die Welt! Eine fröhliche Behauptung ist dieses Cumberland, mit ner Menge kluger Gedanken, viel Heute im Gestern, so manchem ja, stimmt!-Erkenntnisgewinn und vor allem: ein großer Spaß. Und das alles mit so viel Charme, dass der Schmetterling, der in einer Szene ganz bezaubernd durchs Scheinwerferlicht flattert, glattweg als Regieeinfall durchgehen könnte.

Mag die Übernahme der Hanomag durch Dani Rosenbaum und Jon Snow auch vorerst gescheitert sein, die Übernahme von Cumberland ist eindeutig geglückt. Jetzt geht der Staffelstab an Gordon Kämmerer und Team, die – dem Vernehmen nach – im Oktober in Folge 3 und 4 diesselbe Geschichte ganz anders (weiter)erzählen werden.


» Eine Stadt will nach oben – Folge 1+2
Schauspiel Hannover, Cumberland
Regie Alexander Eisenach. Bühne Andreas Alexander Straßer. Musik Christian Decker. Es spielen Sarah Franke, Jonas Steglich, Hagen Oechel, Andreas Schlager, Maximilian Grünewald, Susana Fernandes Genebra und Antonia Eleonore Hölzel

Folge 3+4  am 14. Oktober 2017 (Regie Gordon Kämmerer)
Folge 5+6 am 18. November 2017 (Regie Martin Laberenz)