bildgewaltiges fest der schauspieler – hartmanns löwe brüllt am deutschen theater

Um ein Stück von Sebastian Hartmann sehen zu können, mußte man bisher nach Leipzig kommen – noch läuft hier die Studioinszenierung Der große Marsch. Seit letzten Freitag hat nun auch Berlin wieder einen Hartmann-Abend. Am Deutschen Theater inszenierte er Der Löwe im Winter, ein Stück von James Goldman, das in den 60er Jahren ein großer Broadway-Erfolg war und 1968 mit Peter O’Toole und Katharine Hepburn verfilmt wurde.

Der Löwe im Winter. Foto: Arno Declair

Almut Zilcher (Eleanor, die Frau des Königs), Michael Schweighöfer (Henry II., König von England). Foto: Arno Declair

Die Zeit der Handlung erinnert ein wenig an Shakespeares Königsdramen, es geht um ein Stück englische Geschichte des Mittelalters. Eigentlich aber nur um einen ganz kleinen Ausschnitt daraus: Zum Weihnachtsfest 1183 kommen König Henry II. und seine Familie zusammen: seine Frau Eleanor und seine Söhne Richard, Geoffrey und John. Außerdem dabei sind Phillip II., König von Frankreich, und seine Schwester Alais. Das Stück beschreibt die vielfältigen Intrigen, die sich im Königshaus Plantagenet im Kampf um die Macht abspielen. Der König ist 50 und die Frage steht im Raum, wer von seinen Söhnen sein Nachfolger werden soll: der vom Vater bevorzugte jüngste Sohn John, der die Ränkespiele am Hof nicht durchschaut, Richard, der Liebling der Mutter, der ein Mann der Tat ist, oder doch Geoffrey, der zwar nicht von den Eltern bevorzugt wird, seinen Brüdern aber intellektuell überlegen ist. Egal, wen die Wahl treffen wird, die beiden anderen werden dann gegen ihn kämpfen. Henry fürchtet sich davor, daß nach seinem Tod sein großes Reich durch diese Erbstreitigkeiten zerfallen wird. Was dann auch passiert ist, aber die folgenden historischen Ereignisse spielen keine Rolle im Stück, sondern es geht um die Intrigen, die jeder gegen jeden im Verlauf des Weihnachtsfestes spinnt.

Der Löwe im Winter. Foto: Arno Declair

Der Löwe im Winter. Foto: Arno Declair

Eine überwältigende Flut der Bilder

Es ist Sebastian Hartmanns erste Inszenierung am Deutschen Theater. Und den Namen Deutsches Theater spricht der Theaterfreund mit einer gewissen Ehrfucht aus, denn dieser Ort war praktisch der Olymp der Theaterszene der DDR. Hier waren die großen Namen zu Hause: Kurt Böwe, Eberhard Esche, Inge Keller, Dieter Mann und wie sie alle hießen. Die Generationen haben mittlerweile gewechselt, ein Verbliebener der alten Garde ist Christian Grashof, der an diesem Abend ein paar Plätze neben mir sitzt. Aber tolle Schauspieler stehen auch jetzt auf der Bühne. Beim Löwen im Winter sind es die folgenden: Michael Schweighöfer, der in Leipzig I hired a contract killer inszenierte, spielt den Henry. Auf der Bühne des Centraltheaters standen auch Felix Goeser (in Publikumsbeschimpfung, er spielt jetzt den Richard), Benjamin Lillie und Natalia Belitski. Außerdem dabei: Almut Zilcher, Peter Moltzen und Andreas Döhler. Neben dem tollen Ensemble waren die Bühne (Sebastian Hartmann) und die Musik (PC Nackt) weitere Pfunde, mit denen der Regisseur wuchern konnte. Hinzu kamen die Videokünstler von Transforma, auch sie waren in Leipzig schon beim Apparat-Konzert zu erleben.

Schwindelerregende Höhe und verborgene Winkel

So konnte auf der Bühne wieder das entstehen, wofür Hartmanns Theater bekannt ist: eine Flut überwältigender Bilder. Die Live-Videos erinnern an die Oberflächen ferner Planeten und andere Bilder aus dem Weltraum und heben damit die Handlung aus der konkreten historischen Situation auf eine Ebene des Zeitlosen, Allgemeingültigen. Auf der Drehbühne dominieren zwei große Eisenkonstruktionen: an der Rampe ein Gerüst, das einige Meter in die Höhe fahren kann und die Schauspieler in schwindelerregender Höhe präsentiert, wobei andererseits darunter ein Gemach mit Winkeln und Verstecken ensteht, das für eine Szene gebraucht wird, in dem die Söhne den Vater und sich gegenseitig belauschen. Weiter hinten auf der Bühne dann eine weitere Konstruktion aus Eisengittern, ein Halbrund, in dem die Schauspieler ab und an herumklettern. Beide Gebilde wecken auch Assoziationen an die Zinnen einer mittelalterlichen Burg. Auf der Drehbühne befinden sich die Musiker, die den Abend untermalen, mit einer Musik, die die Handlung und die oft nüchternen machtpolitischen Dialogen kommentiert, ohne sie zu überdecken.

Der Löwe im Winter. Foto: Arno Declair

Peter Moltzen (der mittlere Sohn), Benjamin Lillie (der jüngeste Sohn), Andreas Döhler (Philipp II). Foto: Arno Declair

Ungewohnte Textreue beim well-made-play

Was die Schauspieler bieten, ist große Klasse. Hervorzuheben aus meiner Sicht vor allem Peter Moltzen, der es schafft, mit kleinen Gesten auch dann Präsenz zu zeigen, wenn er eigentlich nicht im Mittelpunkt steht. Ungewöhnlich für alle, die Sebastian Hartmanns Inszenierungen aus Leipzig kennen, ist die Tatsache, dass es nach der Pause keinen deutlichen Stilbruch gibt und der Regisseur durchgängig dem Originaltext vertraut. Das hat sicher zu tun mit der Textvorlage. Der Löwe im Winter erinnert zwar vom Sujet her an Shakespeare, ist aber kein Shakespeare-Stück, sondern eher ein „well-made play“. Und in diesem Text steckt eben auch nicht soviel drin wie z.B. in den Romanvorlagen Der Zauberberg oder Krieg und Frieden, aus denen Hartmann in Leipzig fünfstündige Theaterabende schuf, die sich mit großen Menschheitsfragen beschäftigten. Hier bleiben diese Dinge nur angedeutet und die Konzentration gilt den innerfamiliären Auseinandersetzungen, die von Machtgier geprägt sind. Die Schlussszene ist dann doch eine Neuerfindung. Die Familie ist noch einmal an der Bühnenrampe versammelt und nach einer fast zärtlichen Berührung durch Henry sinken sie alle tödlich getroffen um, auch Henry selbst liegt am Ende am Boden. So enden die drei Stunden im jubelnden Beifall des Publikums. Nach mehreren Monaten Pausen ist Sebastian Hartmann endlich wieder zurück und wir erwarten mit Spannung seine nächste Inszenierung: O’Caseys » Purpurstaub bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen am 17. Mai.

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Nächste Vorstellungen: 4./6./12. und 23. März,  3./9./13. und 15. April 2014 – www.deutschestheater.de