das herz ist schwach, der himmel weint – das war das volksbühnen-finale

Während der Derniere von „Baumeister Solness“, der letzten Vorstellung an Castorfs Volksbühne, tönt ein Schlager mit folgenden Worten aus dem Radio: „Heut‘ schreiben wir Geschichte.“ Ja, hier wurde Geschichte geschrieben, nicht nur heute, sondern seit 25 Jahren. Nun verschwindet der magische Theaterort Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Es wird die Volksbühne Berlin geben und irgendwann im November soll wohl auch hier am Haus wieder gespielt werden. Das dürfte an diesem Abend aber die wenigsten Gäste interessieren.

© Volksbühne / facebook.com

Der letzte Applaus © Volksbühne / facebook.com

„Baumeister Solness“, das Stück mit dem Castorf schon 2014 einen selbstironischen Blick auf seine Intendanz geworfen hat (» reihesiebenmitte berichtete Anfang 2017), läuft natürlich vor ausverkauftem Saal. Zusätzlich gibt es eine Videoübertragung im Foyer, auch dafür waren die Karten in wenigen Minuten weg. Gegen 20.30 Uhr beim letzten Applaus stehen nicht nur die Darsteller des Abends auf der Bühne, sondern viele, die Castorfs Volksbühne über die Jahre begleitet haben. Auch Henry Hübchen – einer der Protagonisten der ersten Jahre – ist da. Dreißig Minuten stehende Ovationen, dann werden die Pforten endgültig geschlossen.

 

Volksbühne ©Andrea Tatjana Wigger

Alles muss raus! Nach der letzten Vorstellung … © Andrea Tatjana Wigger

Das gesamte Areal vor der Volksbühne ist eine Partymeile. Eine lange Tafel zieht sich über die Rosa-Luxemburg-Straße bis vors Theatergebäude. Nach Kultursenator Klaus Lederer tritt Frank Castorf ans Mikrofon und wünscht sich einen „symbolischen Tag mit viel Regen“. Dieser Wunsch wird prompt erfüllt, immer wieder nieselt es herab, passend zu diesem Abend, an dem nicht nur der Himmel weint. Dann noch ein symbolischer Moment: Die Flaggen auf dem Dach werden eingeholt, ebenso die beiden Transparente mit den Ausrufezeichen rechts und links vom Portal. Das eine will nicht und bleibt trotzig in seiner Position.

Leider lädt das Wetter nicht zum Sitzen ein, dennoch verfolgen Tausende das abschließende Programm vor den Toren der Volksbühne. Da wird noch einmal gerockt, was das Zeug hält, Milan Peschel, Martin Wuttke, Alexander Scheer, Daniel Zillmann, Kathrin Angerer, Sir Henry u.v.a. heizen die Stimmung an. Der Abschied auf Raten, der sich über Wochen hingezogen hat, findet hier sein Ende. Bereits vor einer Woche wurde der Schriftzug OST vom Dach der Volksbühne entfernt, jenem Ort, auf dem Alexander Scheer in den „Brüdern Karamasow“ die Geschichte vom Großinquisitor gespielt hat – ein Glücksmoment der Theatergeschichte! Am Freitag vor der Schließung schließlich wurde das große Räuberrad per Kran auf einen Transporter verladen. Castorf will das Haus „besenrein“ übergeben.

Volksbühne ©Andrea Tatjana Wigger

Da weint nicht nur der Himmel © Andrea Tatjana Wigger

Seit Wochen standen allabendlich Menschen vor dem Theater, die auf eine Karte für die letzten Vorstellungen hofften. Doch es sind nicht nur Dernieren, die man erleben kann. Im Juni gibt es auch noch letzte Premieren. Castorfs Abschiedsinszenierung sollte ja eigentlich der Faust sein, nun gibt es quasi als Zugabe noch „Ein schwaches Herz“ – eine Art Satyrspiel mit Texten von Dostojewski, einem Stück von Bulgakow und dessen Verfilmung. Das muntere Springen zwischen den Texten ist mit Filmausschnitten unterlegt und lässt die Zuschauer  noch einmal einige der Volksbühnen-Protagonisten aus nächster Nähe erleben.

Im gesamten, noch von Bert Neumann gestalteten Innenraum der Volksbühne sind Sitzsäcke verteilt, längs zieht sich eine Gasse, in der Betten, Tische, Sofas und Türen stehen und von den Schauspielern bespielt werden. Der Abend beginnt damit, dass sich Kathrin Angerer an Senftenberg erinnert fühlt (der ersten Station von Castorf als Dramaturg) und endet mit einem Stummfilm: Wassja (gespielt von Georg Friedrich), die Hauptperson der Erzählung „Ein schwaches Herz“ läuft im Exerzierschritt über den Rasen vor der Volksbühne. Er hat den Verstand verloren und wird schließlich von einem Krankenwagen abgeholt. In der letzten Szene des Films blickt die Kamera aus dem Inneren des Krankenwagens durch ein vergittertes Fenster auf die Volksbühne, dazu das unendlich traurige Gesicht Wassjas. Ein Bild, mit dem nicht nur diese Inszenierung schließt, sondern zugleich das » Fotoalbum 1992-2017, das am 1. Juli im Alexander-Verlag erschienen ist und an diesem Tag im Buchladen an der Volksbühne zum Bestseller wird.

Volksbühne ©Andrea Tatjana Wigger

Es ist noch lange nicht Schluss © Andrea Tatjana Wigger


Die nächste Premiere von Frank Castorf gibt es am 1. Dezember 2017 und das wieder in Berlin. Der Meister inszeniert am » Berliner Ensemble  „Les Misérables“.