das kunstwerk der zukunft VI volume 2 – es geht um die wurst

An der Oper Halle baut man weiter am Kunstwerk der Zukunft. Vom Beitrag, den Clemens Meyer und Johannes Kirsten dabei leisten, hat reihesiebenmitte vor zwei Wochen berichtet. Nun gab es den zweiten Abend mit dem Titel „Der Herr der Nibelungen oder mein Schatz gehört dem Volk. Vol. 2 Es geht um die Wurst“. Der war nach dem Motto „Live und improvisiert“ ganz anders als Teil 1, der erneute Besuch hat sich also gelohnt.

Clemens Meyer © Anna Kolata

Clemens Meyer © Anna Kolata

Zuschauerandrang im Operncafé, es müssen noch etliche Stühle geholt werden, damit alle Platz finden. Johannes Kirsten, Enrico Meyer und Ivo Nitschke sind wie schon vor zwei Wochen dabei, neu ist die Unterstützung aus Leipzig: Dietrich Enk und sein Koch Matthias Leisching haben einen kleinen Teil des Raums zur Küche umgewandelt. Nur Clemens Meyer ist noch nicht präsent, zumindest nicht körperlich, seine Stimme aber ist bereits zu hören, er eröffnet den Abend mit einer Radiomoderation. Im gewohnten assoziativen Plauderstil steigt er in den Abend ein, liest aus diversen literarischen Werken, so aus einer Autobiographie von Karl Marx (oder doch Karl May?), einem englischsprachigen Werk, in dem es um „composers in exile“ geht und aus einer wohl aus den 60er Jahren stammenden Science-Fiction-Geschichte.

Als er dann auf der Bühne erscheint, wird auch gleich der erste Gast vorgestellt: Frank Förster ist eine Art Handlungsreisender oder genauer gesagt Vertreter für die belorussische Wodkamarke „Bulbash“. Natürlich werden gleich Kostproben aus dem Sortiment verteilt, nicht nur an die Akteure, sondern auch an die Zuschauer. Das Danziger Goldwasser, am letzten Meyer-Abend aus dem Rheingold erschaffen, wird nun nicht mehr gebraucht und deshalb gleich versteigert. Ziemlich schnell kommt das Gespräch dann auf das für den Abend titelgebende Objekt: die Wurst. Clemens Meyer hat dazu natürlich eine Anekdote auf Lager: Als weiland Karl Marx und Friedrich Engels beim Essen saßen, verglich Marx die Bratwurst mit dem Staat: Nach außen hin begrenzt durch Staatsgrenze oder Darm, gefüllt mit einer Mischung verschiedener Klassen, das Schweinefleisch steht fürs Proletariat, das Rindfleisch für die Bourgeoisie, die Gewürze sind die Intelligenz. „Oder die Kümmeltürken“, wird aus dem Publikum eingeworfen, was Meyer zu der Replik veranlaßt, da würde sich ja zeigen, wie wichtig die Türken für den Staat sind. Was wäre eine echte Bratwurst denn ohne Kümmel? Während sich also Clemens Meyer und sein Gesprächspartner mit der Theorie der Wurst beschäftigen, geht es bei der Firma Enk praktischer her. Da werden nämlich Würste gemacht, Fleisch und Speck werden durch den Wolf gedreht, das entstehende Brät in Därme gefüllt, der Geruch der Gewürze erfüllt den Raum. Zwischendurch kann man auch Wagner-Musik live erleben: Opernsänger Vladislav Solodyagin ist wieder mit dabei.

Mittlerweile hat Johannes Kirsten als zweiter Gast die Bühne betreten und da es ja um Schätze gehen soll, berichtet er über modernes Schatzgräbertum. Zusammen mit seinem Vater ist er des öfteren durchs Oderbruch und über die Seelower Höhen gewandert, ausgerüstet mit einem Metalldetektor. Bilder von gefundenen Waffen und anderen Kriegsutensilien, nicht nur aus dem 2. Weltkrieg, werden gezeigt. Ein Stahlhelm mit Einschußloch inspiriert Clemens Meyer zu der These, daß ein Helmschuß besonders gefährlich sei, weshalb es für den Soldaten bei einem Schußwechsel eigentlich sicherer ist, den Stahlhelm abzulegen. Und wenn es um Schätze geht, bleibt natürlich auch der vor wenigen Tagen stattgefundene spektakuläre Raub einer Goldmünze im Berliner odemuseum nicht unerwähnt. Auch in Osteuropa haben Johannes Kirsten und sein Vater nach Schätzen oder besser gesagt Artefakten gesucht, in Gegenden, in denen vor langer Zeit die Sarmaten lebten. Das waren Stämme von Reitervölkern, von denen es kaum Fundstücke gibt, wahrscheinlich, weil sie Tauschhandel betrieben und so etwas wie Geld gar nicht kannten. Womit der Bogen zur Marxschen Kapitalismuskritik geschlagen wäre. Erwähnt werden in diesem Zusammenhang auch Johannes Bobrowski und sein Gedichtband „Sarmatische Zeit“; Bobrowski wäre am kommenden Sonntag 100 Jahre alt geworden.

Mittlerweile sind die Bratwürste gestopft und wandern in die Pfanne, der Abend findet sein Ende als Grillparty, der Großteil des Publikums bleibt noch, genießt Wodka und Wurst und freut sich über einen gelungenen Abend, der für alle Sinne etwas zu bieten hatte.