der spaziergang – drei schweizer auf gastspiel am schauspiel leipzig

Vermutlich hat so mancher Theaterfreund die Stimme von Jürg Kienberger schon unbewusst gehört: Jahrelang lief in der Warteschleife des Kassentelefons der Volksbühne seine Interpretation des Liedes „Danke“ aus Marthalers Murx-Inszenierung. Seit ein paar Jahren kommt Kienberger zu Gastspielen nach Leipzig …

Diesmal wurde er von Ueli Jäggi begleitet. Auch Jäggi ist einer aus der Marthaler-Familie, zusammen konnte man die beiden sowohl beim legendären Marthaler-Einstand an der Volksbühne mit „Murx den Europäer“ (Premiere vor 25 Jahren) als auch bei Marthalers Abschied („Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ im Herbst 2016) in Berlin sehen.

Und die beiden Schweizer haben noch einen dritten Schweizer mitgebracht – Robert Walser und eine von dessen bekanntesten Erzählungen: „Der Spaziergang“. Walser selbst war leidenschaftlicher Spaziergänger und man kann annehmen, dass auch manche in diesem Text geäußerte Meinung seine persönliche ist – so die Kritik am Autoverkehr und an Menschen, die den Schmuck der Landschaft, einen hohen alten Nußbaum, umhauen „um schnödes, törichtes Geld damit zu erhandeln“. Walsers Prosa ist auf den ersten Blick heiter und auch schrullig, geprägt von etwas umständlichen Satzkonstruktionen und ab und an ausufernden Sätzen. Die Qualität seiner Werke wurde zwar von anderen Schriftstellern seiner Zeit hoch geschätzt, große Publikumserfolge blieben aber aus. Zu Lebzeiten ist er nie ein erfolgreicher und angesehener Autor geworden, viele Jahre hat er schließlich in einer Heilanstalt verbracht.

Doch zurück zu seinem „Spaziergang“. Als Einstieg haben Kienberger und Jäggi die Szene gewählt, in der der Ich-Erzähler einen Buchlanden betritt und dort weitschweifig nach dem neuesten Bestseller fragt:

In der Tat interessiert mich ungemein, erfahren zu dürfen, welches von allen hier aufgestapelten oder zur Schau gestellten Werken der Feder dieses fragliche Lieblingsbuch ist, dessen Anblick mich ja sehr wahrscheinlich zum sofortigen, freudigen, begeisterten Käufer machen wird.

Als ihm der Händler eben diesen Bestseller reicht, nimmt der Spaziergänger nur kurz Notiz, lässt das Buch ungekauft liegen und verlässt den Laden. Diese Szene wird auf halber Treppe gespielt, dort, wo sich im Schauspielhaus sonst wirklich ein kleiner Buchstand befindet. Anschließend geht es auf zu einem kurzen Spaziergang quer durchs Haus, treppauf, durchs Rangfoyer, Probebühne, dann wieder treppab und schließlich landen die Zuschauer auf der Hinterbühne.

Hier beginnt nun eine Art szenische Lesung, Jäggi trägt etliche Passagen aus dem „Spaziergang“ vor, Kienberger unterbricht ihn immer wieder mit musikalischen Einlagen oder wird zu jenem singendem Mädchen, an das der Spaziergänger sich mit folgenden Worten wendet:

In Ihrer gesanglichen Leistung tönt bereits ein hoher Grad von Natur, eine reiche Summe ahnungslosen, lebendigen Wesens und eine Fülle von Poesie und Menschlichkeit, weshalb man Ihnen die Versicherung geben zu müssen glaubt, dass Sie eine echte Sängerin zu werden in jedem Sinne versprechen.

Kienberger begründet seine musikalischen Zwischenspiele damit, dass Musiker mehr Lärm als Dichter machen dürfen, weil das Publikum die Sprache der Musik nicht versteht.

Mag sein, aber die Sprache der Dichter versteht es dafür umso besser, jedenfalls lauscht es Walsers Text bis zum Ende mit großem Interesse. Viel Beifall dann für die beiden Künstler. Vielleicht nimmt ja der eine oder andere Besucher diesen Abend zum Anlass, um daheim auch mal wieder in einem Buch von Walser zu lesen, von Robert Walser natürlich.