der teufel tanzt backstage – das schauspielstudio mit birdland in der diskothek

Neu in der Diskothek: Anita Vulesica verdichtet mit dem Leipziger Schauspielstudio Simon Stephens Rockstar-Psychogramm zu einer post-punkigen Horrorshow der inneren Leere.

© Rolf Arnold

Lost in the Hell of Fame  © Rolf Arnold

Nee, ein Baal ist das nun nicht, der Rockstar in Birdland – obwohl die Kritik den Vergleich bemüht. Ist jener zum Bersten voller Leben, leidet Simon Stephens Paulie an undiagnostizierter Leere hinter den glitzernden Fassaden des Showbizz. Der Text des britischen Vielschreibers – in einem früheren Leben selbst Bassist einer recht schrägen Band – spielt munter mit allen Star-Klischees, die nicht bei drei backstage sind: Sex mit Groupies und Zimmermädchen, Arschloch raushängen lassen, Koksen, Hotelzimmer zerlegen. Ihr kennt das.

Vom Provinzjungen zum Megastar aufgestiegen, ist Paul hinter der Bühne ein – Verzeihung – asozialer Arsch. Alles ist käuflich, denkt er, alles ist Spiel. Alles hört auf mein Kommando. Erst als sich ein Mädchen vom Hoteldach in den Tod stürzt, bekommt die Paulie-Welt tiefere Risse. Und am Ende muss er erkennen, dass auch er nur an den Fäden tanzt, die die Musikindustrie zieht.

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Paulie, Paulie, Paulie … ! © Rolf Arnold

Guckt der Text durch die Rockstarbrille auf die ach-so-egoistische Welt, sind Regisseurin und Ensemble mehr am Blick nach innen interessiert. Und bringen, statt auf Nummer sicher eine Sex, Drugs & Rock’n’Roll-Show zu fahren, die Vorlage auf eine viel spannendere, künstlerische Ebene.

Immer on the road: In einem Tür-auf-Tür-zu-Durchgangszimmer kreisen hier gleich drei Paulies um sich selbst wie Motten ums Licht: äußerlich identisch sexy-schwarz bedresst, mit blonder Struwwel-Punk-Perücke und sogar der gleichen Bandage am Arm. Und doch behält sich jeder dieser drei Megastar-Persönlichkeitssplitter bei Alina-Katharin Heipe, Nina Siewert und Elias Popp etwas ganz Eigenes – unterschwellig, nicht ganz greifbar, ein wenig geisterhaft.

Vulesica streicht großzügig und verdichtet den Text auf den Hauptkonflikt: Die Paulies verführen nämlich die Frau vom Bandkollegen Johnny – Marnie (bei David Hörning eine sphärische Gestalt in High Heels und Silberkleid, die wie ein Katalysator ins Bandgefüge rauscht). Weil sie es können. Weil es egal ist, was mit dem Mädchen passiert. Oder? Genau diese Momente in der Schwebe sind es, die das Spiel so spannend machen. Das Wie-weit-kann-ich-gehen-Vortasten. Die Suche nach Grenzen, die niemand setzt. Wie die drei immer wieder versuchen, eins zu sein, sich bei den Schultern fassen und dabei wortwörtlich um die Leere in ihrer Mitte tanzen – wow.

Diese Choreographie geht meist wunderbar auf, ist nur ganz selten ein bisschen over the top – etwa bei den Konzerten, die sich für die Musiker – Achtung: Kontrollverlust! – wie epileptische Anfälle anfühlen.

Im schönen Gegensatz zur Kunstfigur Paulie ist der betrogene Johnny sehr real und greifbar angelegt. Ferdinand Lehmann schultert seine dreifache Last wortwörtlich und weiß damit den Abend wohltuend wieder zu erden. Für schrägen Drive sorgt Jonas Koch, der zunächst als buckelnder Bandmanager einigen Slapstick-Witz auf die Szene bringt, bevor er zu großen Show aufdreht und Paulie Rockstar in seinem naiven Alles-gehört-mir-Glauben so herrlich irre verlacht, dass er uns möglicherweise in einem der nächsten (Alb)träume wieder begegnen wird.

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Da hat wohl jemand nicht seinen way home gefunden: Der Bandmanager (Jonas Koch) erleichtert sich in Schadenfreude. © Rolf Arnold

Wo bin ich gerade? Und: wer bin ich? Und: bin ich denn überhaupt, ohne die Blicke der anderen? Unter den Pop-Rock-Ikonen die in den heiligen Hallen ewigen Ruhmes kirchenfenstergleich die Wände zieren, klaffen drei Lücken. Until I find my way back home steht darunter. Paul findet ihn nicht. Sie bleiben leer.

Mit all den Unsicherheiten und der eigenen Zerbrechlichkeit ist das ein super Stoff für die Schauspielstudenten, die gerade dabei sind, selbst die Bühne zu erobern. Und bestimmt eine nicht immer leichte Selbstbefragung. Der Abend ist dabei gerade abgehoben genug, um fast alle Klischeefallen locker zu umtanzen, er weiß Distanz zu wahren und dennoch zu berühren und ist schräg genug, um dabei super zu unterhalten. Viele Zuschauer wünschen wir euch! Und: Verliert euch nicht!


» Birdland
Von Simon Stephens. Regie Anita Vulesica. Mit Alina-Katharin Heipe, David Hörning, Jonas Koch, Ferdinand Lehmann, Elias Popp, Nina Siewert
Next shows: 7. / 15. und 30. April sowie am 7. und 19. Mai