destillate und derivate – alexander eisenach lädt die revolver am schauspiel frankfurt

Ein Finanz-Western? Colts, Saloons, Whisky, schnelle Pferde, schöne Frauen und die unterkühlte Finanzwelt, Termingeschäfte, Hedgefonds und Indices? In Alexander Eisenachs „Der kalte Hauch des Geldes“ geht das tatsächlich zusammen und bringt neben erhellenden Momenten vor allem große Zuschau-Freude.

© Birgit Hupfeld

Am Tresen in El Plata im Film auf dem Theater © Birgit Hupfeld

Willkommen im Weste(r)n! Einen Hochglanz-Saloon hat Bühnenbildner Daniel Wollenzin in die Frankfurter Kammerspiele gebaut, mit Holzboden, Schwingtür, Tresen, (Glücksspiel)tisch und Spucknäpfen und kalt haucht einen hier erstmal gar nichts an, eher wohlig, warme Farben, Gitarrenklänge, der Zigarrenrauch zieht langsam bis hinter in die vorletzte Zuschauerreihe. In dieser feinen Kulisse beginnt ein Western mit viel Tempo, Witz und Verstand, mit Glücksspiel, Schnaps und rauchenden Colts …

Es war einmal im Western, als der Todfeind des Menschen noch der Mensch war und nicht das Kapital, als das Töten alltäglich und das Leben Gefahr war, als jeder Mensch die Freiheit besaß, sich auf den Weg in die Wildnis zu machen und dort sein Glück zu finden.

So heißt es im großartigen Anfangsmonolog der Saloonwirtin Marisol (Verena Bukal). Und das Glück, das ist hier selbstredend gleichbedeutend mit Gold und ausgerechnet das ist ausgegangen im gottverlassenen Wildwestdorf El Plata. Dafür droht mit dem Eisenbahnbau die große Welt jene kleine zu verschlucken, die sich Goldminenmagnat Baxter, Handlanger Sneaky Sam und Sheriff Logan doch so schön nach ihren eigenen Regeln eingerichtet haben.

You know I’m born to lose,
and gambling’s for fools,
But that’s the way I like it baby,
I don’t wanna live for ever,
And don’t forget the joker!

So weit, so Western. Doch wo man neben Schießereien allenfalls den Handel mit Destillaten erwartet, macht Eisenach einen ebenso hochprozentigen Derivathandel auf. Und haut uns Theorien zu Finanzwesen, Anlagen, Optionshandel und Spekulationen wie Gewehrsalven um die Ohren. So schnell, dass man gar mehr nicht mitkommt. Und so stimmig heruntergebrochen auf die El Plata-Gemeinschaft, dass man man Western und Finanzwelt, Eldorado und Deutsche Bank, Karl May und Karl Marx nicht mehr auseinander bekommt.

Während man noch überlegt, wann eigentlich genau Glück gleichbedeutend mit Besitz geworden ist und vor allem warum, verselbständigt sich längst das Kapital auf seinem eigenen Markt, und es wird mit Optionen auf die Zukunft und mit den Hoffnungen der Menschen gehandelt. In diesem Fall mit denen der Neuankömmlinge, denen die leeren Goldminen als gewinnbringendes Investment verkauft werden sollen.

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Der Pate von El Plata © Birgit Hupfeld

Christian Kuchenbuch gibt den Baxter mit dicker Zigarre, hintertriebener Visage und dem sprichwörtlichen „goldenen Händchen“ quasi als den Paten von El Plata. Der seinem Sneaky Sam – gespielt von Lukas Rüppel mit herrlicher Situationskomik, noch längerem Haar und den schönsten da-machen-wir-nu-Western-und-dann-geht-die-Knarre-nicht los-Ladehemmungen – das Glücksspiel und damit gleich die Welt erklärt, den Sheriff in der Hand hat und sich ungern ins Handwerk pfuschen lässt. Passiert aber natürlich doch, denn es kommt ein geheimnisvoller Fremder, haut sich ein rohes Ei in den Whisky und selbigen hinter die Binde und hat ganz offensichtlich noch eine alte Rechnung mit Mr. Goldfinger offen.

Sina Martens gibt diesen Mr. Nomoney (sic!), der sich später als Misses N. herausstellt, zwischen rotz-coolem Rächer und einer beherzt an der Wildwest-Ordnung rüttelnden Lady. Eine wunderbare, fast trotzige Behauptung ist diese Figur: Die verlachte Kämpferin für eine neue-alte Utopie vom Mensch-sein jenseits von Besitz und Gier; zwischen Verletzlichkeit und Willensstärke, ironisch gebrochen und fast im selben Moment radikal ehrlich.

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Frauenpower in der Männerwelt: Verena Bukal und Sina Martens © Birgit Hupfeld

Und natürlich muss das hier eine Frau sein. Und natürlich hat sie bald die einzige andere Frau auf ihrer Seite, der schwant, dass das hier vielleicht doch nicht das alternativlose Ende vom Lied vom Tod ist. Wunderschöne Szene wie die beiden sozusagen eine neue Strophe anstimmen: komisch, und doch von großer Zärtlichkeit.

Die Live-Musik von Boo Hoo an der Gitarre ist für bissige musikalische Kommentare genauso wie für melancholischere Töne zuständig. Und Oliver Rossols Kamera fängt die intimen Szenen an Zockertisch und Tresen für die „große Leinwand“ ein. So setzt der Film sehr durchdachte Highlights ins Bühnenspiel, dass selber daherkommt wie ein Kino-Western, die eigene Erzählung so komisch hintertreibt, wie eben nur Theater das kann.

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Boo Hoo spielt nicht das Lied vom Tod und muss doch als erster dran glauben. © Birgit Hupfeld

Einen intriganten Mord, ein Volksgericht und eine ordentliche, echte Schießerei mit reichlich Blut gibt es nach all den Verbalduellen natürlich auch noch. Und allenfalls im zweiten Teil, der nach der Pause den heimeligen Saloon mit einer unwirtlichen Schneelandschaft vertauscht, verschluckt sich der Abend ein wenig am eigenen Über- bzw. Unterbau und findet zum Ende eher schlecht als recht in die Baxter-Nomoney-Story zurück.

Insgesamt aber dieser „Kalte Hauch“ ein heißer Volltreffer: so viele feine Details, klasse Musik, tolle Bilder und vor allem eine sensationelle Schauspielertruppe, die mit Herzblut und ungebremster Energie am Werke ist – das Zuschauen und Mitdenken ist die reine Freude. Und wenn Karl May hier auf dem Buchrücken „Das Kapital“ angedichtet wird, dann ist das zumindest für diesen Abend mitnichten nur ein platter Witz.


» Der kalte Hauch des Geldes
Buch und Regie: Alexander Eisenach. Bühne: Daniel Wollenzin. Kostüme: Julia Wassner. Musik: Boo-Hoo. Mit: Sina Martens, Verena Bukal, Lukas Rüppel, Christian Kuchenbuch und Christoph Pütthoff

Nächste Vorstellungen Freitag, 18.11. (Restkarten), 21.11., 1., 8., 22. und 23. Dezember. Am Sonntag, 8. Januar schon um 18 Uhr für alle Abends gleich Zurückfahrer.