die volksbühne ist tot – es lebe die volksbühne…

…oder vielleicht besser: Es lebe Frank Castorf! Denn während die neue Leitung am Rosa-Luxemburg-Platz nach holprigem Start versucht, neue Wege zu finden, zieht F.C. wie gewohnt seine Bahnen. Nach einem weiteren Dostojewski in Zürich ist er nun nach Berlin zurückgekehrt. Am Berliner Ensemble hat er ein wahres Schwergewicht von Roman auf die etwas kleinere Bühne gewuchtet: Victor Hugos anderthalbtausendseitiges Werk „Les Misérables“.

Les Miserables © Matthias Horn

Les Miserables © Matthias Horn

Einige Schauspieler mit Volksbühnenerfahrung sind dabei: Patrick Güldenberg, Thelma Buabeng, Abdoul Kader Traoré, Valery Tscheplanowa und Rocco Mylord. Gerüchte im Vorfeld der Premiere hatten behauptet, der Abend würde 6,5 Stunden dauern, so steht es auch im Programmheft. An der Garderobe hört man aber, die Generalprobe habe 8 Stunden gedauert und man solle sich auf 7 bis 8 Stunden Spielzeit einstellen.

Mit diesem Wissen betritt man den Zuschauerraum, wo man bereits die Bühne bewundern kann. Das Bühnenbild stammt wieder einmal von Aleksandar Denič – ein drehbares mehrstöckiges Gebäude mit vielen Räumen, Treppen und Verschlägen. Schon der Blick aufs Bühnenbild macht klar – es wird hier nicht nur um das von Hugo beschriebene Frankreich des 19. Jahrhunderts gehen. Da hängen US-amerikanische und kubanische Fahnen, da gibt es eine Tabakfabrik, einen Gemüseladen, ein Porträt von Fidel Castro oder die Leuchtschrift „Casino de Cuba“.

Gleich zu Beginn ist klar, dass sich der Abend viel Zeit nehmen wird. Minutenlang hört man karibisch klingende Musik und sieht zwei Schauspieler auf der Bühne. Dann beginnt der eine (Jürgen Holtz) zu sprechen – einen Text über den materiellen Wert menschlicher Fäkalien. Dann der Einstieg in die Romanhandlung, mit einer Szene, die irgendwo in der zweiten Hälfte des Romans steht. Eine Nacherzählung von Hugos Geschichte sollte man also nicht erhoffen, es kann nicht schaden, wenn man den Roman oder zumindest eine Zusammenfassung gelesen hat. Dann freut man sich, Szene um Szene wiederzuerkennen und sie chronologisch einordnen zu können, denn die Inszenierung springt teilweise zwischen den Szenen umher, auch wenn sie sich insgesamt durchaus am Roman orientiert.

Sehr schnell merkt man aber, dass hier noch mehr Material verarbeitet wird. Wer noch nicht ins Programmheft geschaut hat, wundert sich vielleicht, als einer der Schauspieler erklärt, ihm sei gerade ein hübscher Zungenbrecher eingefallen „Drei traurige Tiger trinken trüben Drüsentee.“ Die „Drei traurigen Tiger“ gibt es wirklich, so heißt ein Roman des kubanischen Schriftstellers Guillermo Cabrera Infante, der das Nachtleben im Havanna des Jahres 1958 beschreibt. Und aus diesem Roman wird nun eifrig zitiert, dazu kommen Texte aus Heiner Müller „Auftrag“. Das alles wird wie gewohnt frei assoziierend miteinander verbunden, so dass man als Zuschauer kaum eine Chance hat, wirklich jedem Gedanken folgen zu können. Muss man auch nicht, man kann den Abend einfach wirken lassen, Parallelen zwischen Revolutionen in Kuba und Frankreich entdecken oder sich einfach nur an den Schauspielern erfreuen.

Les Miserables © Matthias Horn

Les Miserables © Matthias Horn

Da sind die Wohltäter des Romans: der Bischof von Digne (Jürgen Holtz) und der Sträfling Jean Valjean (Andreas Döhler), den der Bischof auf den Pfad der Tugend bringt. Wolfgang Michael ist Valjeans Gegenspieler – der Polizist Javert. Dann sind da die Thénardiers (Stefanie Reinsperger und Aljoscha Stadelmann), die einen rücksichtslosen Überlebenskampf führen, da ist Oliver Kraushaar in diversen Rollen und schließlich Sina Martens, vor ein paar Jahren noch im Leipziger Studio, nun mit einem sehr gelungenen Einstand in der Castorf-Familie. Die restlichen Rollen teilen sich die oben genannten Schauspieler, Valery Tscheplanowa spielt Fantine und Cosette, Rocco Mylord den Gavroche etc.

Natürlich werden die vielen Räume des Bühnenbildes ausgiebig genutzt, um von den dort gespielten Szenen Videobilder fürs Publikum zu übertragen – mit den bekannten Effekten. Großartig, Stefanie Reinsperger ins Gesicht sehen zu können, wenn sie Texte aus Müllers Auftrag in die Kamera brüllt. Oder die Szene, in der der gerade entlassene Valjean vom Bischof bewirtet wird – Sina Martens übernimmt hier die Rolle der Dame des Hauses. Eine Schlüsselszene für das weitere Leben Valjeans, dank Videoübertragung kann man auch vom 2. Rang aus dem Mienenspiel wunderbar folgen. Oder die Szene, in der Fantine ihre Zähne verkauft, um Geld für ihre Tochter zu bekommen. Der Barbier, der dieses grausige Geschäft vorschlägt, ist bei Abdoul Kader Traoré ein Voodoo-Priester.

Les Miserables © Matthias Horn

Les Miserables © Matthias Horn

Nach der Pause gibt es dann sogar einen „richtigen“ Film – einen Ausflug zum Stummfilm. So entfaltet sich der Abend in einer maßlosen epischen Breite, die ihn erst nach siebeneinhalb Stunden an sein Ende führt, das dann aber sehr abrupt kommt. Danach viel Beifall für Schauspieler und Regieteam, obwohl sich doch eine gewisse Müdigkeit auf alle Anwesenden gelegt hat. Aber ist diese Ermattung nicht eine der Erfahrungen, die man bei einer Castorf-Inszenierung schon erwartet? Auf jeden Fall kann ich den Vorwurf einiger Kritiker, der Abend hätte schon Stunden eher enden müssen, nicht nachvollziehen.


» Les Misérables
Berliner Ensemble. Regie Frank Castorf. Bühne Aleksandar Denić. Kostüme Adriana Braga Peretzki. Licht Ulrich Eh. Mit Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Aljoscha Stadelmann, Valery Tscheplanowa und Abdoul Kader Traoré.

Nächste Vorstellungen: 16., 28. und 29.12.2017 in einer 6-Stunden-Fassung
Für das kommende Jahr ist eine extralange Spielfassung an gesonderten Terminen mit zwei Pausen und „bislang nicht gezeigten Szenen“ angekündigt.