don’t turn the light on – sascha hawemanns endstation sehnsucht

Am Anfang muss man erst einmal ein bißchen ankommen im Hawemann-Williams Universum im Theater Magdeburg, zu grell scheint die Szenerie, zu plakativ die Ganzkörper-Tattoo-Kostüme der Underdogs, zu miley-cyrus-görenhaft die Stella, die ihre Schwester Blanche in Empfang nimmt. Nur die Musik – geschrieben und live gespielt von » ear – zeigt von Beginn an, was noch alles in dieser Inszenierung steckt.

Don’t Turn The Light on …

… singen Günther Harder und Raphael Tschernuth alias ear später am Abend, und richtig: das Elend möchte man eigentlich gar nicht so genau sehen. Wolf Gutjahr hat einen drehbaren Wohncontainer auf die Bühne des Magdeburger Theaters gestellt und die Schauspieler mühen sich immer wieder, selbigen bzw. ihr Leben am Laufen zu halten. Meistens ist das schwer. Vor der Hütte ein Acker, der hätte Garten sein wollen. Aber außer ein paar trostlosen Narzissen wächst hier nix. Was soll’s, Konstantin Marschs Stanley und seinen Banausen ist es eh wurscht, wo sie saufen, kraftmeiern und pokern. Gewalt und Frust drohen hier nicht unterschwellig, sie werden offen ausgemalt. Es geht laut zu, schrill und vulgär.

Günther Harder und Marlène Meyer-Duncker in Endstation Sehnsucht © Nilz Böhne

Günther Harder und Marlène Meyer-Duncker in Endstation Sehnsucht © Nilz Böhne

Und hell: hier bleibt nichts im gnädigen Halbdunkel, sozialromantische Stimmung soll gar nicht erst aufkommen. Sascha Hawemann leuchtet seine Personage unbarmherzig aus: die Welt der kleinen unzufriedenen Vertreter und brutalen Frauenprügler, in der der Bowling- oder Pokerabend das einzige Highlight ist, wird gleichsam auf dem Präsentierteller gehoben. Größer kann der Kontrast zu Marlène Meyer-Dunckers Blanche, die im kleinen Schwarzen und mit dem Mut der Verwzeiflung anrückt, nicht sein. Da wo sie herkommt, ist man kultiviert und spricht französisch, dort schlagen Männer ihren Frauen nicht die Nase blutig. Oder doch bittschön nur hinter der schönen Fassade. Blanche bricht wie ein unheilvoller Katalysator in Stellas und Stanleys Ehe und wird quasi endstationär in die so gar nicht elysischen Gefilde aufgenommen. Ganz schnell wird aus der Sehnsucht nach einem anderen Leben die Gewißheit, hier mehr als irgendwo sonst in der Falle zu sitzen.

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht

Wenn die Schauspieler ihre Figuren beim Schopfe packen, der Rolle vertrauen und der Sprache von Tennessee Williams eine beeindruckende Körperlichkeit geben, nimmt der Hawemann-Kosmos an Fahrt auf und das Publikum mit: laute Szenen kontrastieren Zartes, Verzweiflung paart sich mit Hoffnungsschimmern, brutaler Angriff mit Verletzlichkeit, berührende Komik macht das Tragische sichtbar. Vor allem Katharina Schlothauers Stella, die als hier als Einzige nicht nur an sich denkt und sich deswegen zwischen den Fronten zerreibt, zeigt tiefe Verletzlichkeit und gleichzeitig große Kraft.

Endstation Sehnsucht. Theater Magdeburg (c) Nilz Böhne

Konstantin Marsch und Katharina Schlothauer in Endstation Sehnsucht. Theater Magdeburg © Nilz Böhne

Ich will keine Realität, ich will Zauber!

Wie man die (Bühnen)realität schonungslos ausleuchtet und dennoch Momente voller Theatermagie schafft, das muss Hawemann erst einmal einer nachmachen. Hier stimmt die Fallhöhe – man ist mit Blanche fast selbst zu Tränen enttäuscht, wenn alle Hoffnungen grausam zerstört werden. Und trotzdem verweigert die Inszenierung klug gerade durch grobe Überzeichnung die pure Identifikation und gefühligen Kitsch.

Wenn sich am Ende der bestellte Irrenarzt mit Blanche im rosa Ballkleid für einen letzten Takt im Halbdunkel ans Klavier setzt, möchte man beinahe seltsam getröstet an eine Art Erlösung glauben. Wenn bloß keiner das Licht anmacht …


Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams
Wieder am 30. März, 4., 20. und 25. April und am 29. Mai