du sollst nicht … jette steckel befragt am deutschen theater die zehn – nein: elf -gebote

„10 Gebote“ heißt die Inszenierung, die in der Regie von Jette Steckel am vergangenen Wochenende am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte. 10 Gebote und nicht Die zehn Gebote, wie man gemeinhin sagt, wenn es um die Regeln geht, die Moses dereinst direkt von Gott empfangen haben soll. Und doch geht es genau um diesen alttestamentarischen Text, insgesamt 15 Autoren waren aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen.

10 Gebote © Arno Declair

10 Gebote © Arno Declair

Entstanden ist ein sehr heterogener Abend, in dem die Regisseurin die schwierige Aufgabe zu bewältigen hatte, die unterschiedlichen Beiträge zu einem großen Ganzen zu verbinden. Da gibt es richtige Szenen, Monologe, aber auch filmische Beiträge. Zu Beginn des Abends sind alle Schauspieler auf der Bühne, es wird gemeinsam getanzt und gesungen und mit Kreide werden die Gebote an die Wände geschrieben. Der Zuschauer bekommt dabei auch gleich einen Eindruck vom verwinkelten Bühnenaufbau, der auf zwei Etagen bespielt werden kann und durch Drehung immer wieder neue Räume für die einzelnen Szenen bietet.

Du sollst keine anderen Götter haben …

Nach diesem Prolog bleibt Benjamin Lillie allein auf der Bühne zurück und es beginnt mit dem 1. Gebot, zu dem Clemens Meyer einen Text geschrieben hat. Einen Monolog, der in gewohnt Meyerscher Manier voll von Assoziationen und Wortspielen und beim einmaligen Hören in seiner Komplexität nur schwer zu erfassen ist.

Da wird in einem unverständlichen Kauderwelsch die Geschichte vom Sündenfall vorgespielt, da hören wir, wie Jona im Wal ein Gebot in die Magenwand des Tieres ritzt, da erfahren wir auch, wie Moses (genannt Big M) reagierte, als er gegen Aaron beim Mensch-ärgere-dich-nicht verlor. Radio Vatikan wird genauso erwähnt wie Radio Jerewan, man hört, wie die Zeugen Jehowas mit einer Posaune vertrieben werden und lernt Großonkel Fredi aus Bitterfeld kennen.

Bei all diesen scheinbaren Abschweifungen beschreibt dieser Monolog aber doch eine Suche nach Gott. Wer ist Gott, was kann ich von ihm erwarten, was erreiche ich mit meinen Gebeten und dienen sie vielleicht nur dazu, dass sich Gott von ihnen ernährt? „Es kann nur einen geben“ ist einer der Gedanken, die hier auftauchen, aber auch „Wie man sich betet, so lügt man…“

Du sollst den Namen des Herrn nicht mißbrauchen

Sherko Fatah hat sich dann vom 2. Gebot zu einem kleinen Kammerspiel inspirieren lassen. Wir sehen einem Verhör zu, in dem ein junger Mann (Natali Seelig) nach einem Ehrenmord an seiner Schwester befragt wird. Der Verhörerin (Lorna Ishema) gelingt es dabei, die Verlogenheit des Ehrenkodex zu entlarven.

Du sollst nicht töten

Dann ein Wechsel der künstlerischen Mittel. Wir sind beim 5. Gebot. Der Filmemacher Jan Soldat präsentiert Protokolle, in denen sich drei Männer vorstellen, deren sexuelle Obsession es ist, getötet und verspeist zu werden. Während man im Film in die Abgründe der menschlichen Seele blickt, teilt auf der Bühne ein Pfarrer die heilige Kommunion oder eben den Leib Christi aus. Für mich der verstörendste Beitrag des Abends.

10 Gebote © Arno Declair

10 Gebote © Arno Declair

Du sollst nicht lügen

Felicia Zeller denkt mit dem 8. Gebot über die Medien nach. Den Text trägt das gesamte Ensemble vor und meißelt ihn dabei nach guter alttestamentarischer Sitte in Steinplatten ein. Jochen Schmidt ehrt Vater und Mutter (4. Gebot) mit der Beschreibung eines Festmahles, bei dem sich das gesamte Ensemble an Eigenschaften und Eigenheiten der Eltern und Großeltern erinnert.

Du sollst nicht begehren …

Dea Lohers Beitrag zum 10. Gebot ist als Libretto schon an der Staatsoper Hamburg aufgeführt worden und sprengt ein wenig den Rahmen, der hier eigentlich den einzelnen Episoden gesetzt ist. Am Ende einer Geschichte darüber, wie aus Nachbarn Feinde werden, darf Markus Graf als Mann mit Granatsplittern im Kopf mit einem langen Anti-Kriegs-Monolog den ersten Teil des Abends beschließen.

Du sollst nicht stehlen

Nun sollen nicht alle zwölf Szenen des Abends ausführlich beschrieben werden, zwölf sind es nämlich am Ende, weil das 7. Gebot zweimal abgehandelt wird (Du sollst nicht stehlen. von Navid Kermani und Du sollst stehlen. von Maxim Drüner und Juri Sternburg) und es noch ein 11. Gebot gibt, in dem Ole Lagerpusch mit einem Text von Rocko Schamoni als Gott die Unvollkommenheit seiner Schöpfung beklagt.

10 Gebote © Arno Declair

10 Gebote © Arno Declair

Das elfte Gebot …

… kann sich der Zuschauer selbst ausdenken, vielleicht „Du sollst keine Menschen machen.“? Das ist nach 4 Stunden der Abschluss des Abends, den man wohl als Episodentheater bezeichnen kann. Dass dabei nicht alle Beiträge auf gleichem Niveau stehen, ist zu erwarten. Überzeugt hat noch der Text von Mark Terkessidis zum 9. Gebot (Du sollst nicht  begehren Deines Nächsten Haus.). Zwei schrill gekleidete Personen (Ole Lagerpusch und Wiebke Mollenhauer) unterhalten sich in einer breit angelegten Debatte über Neid und Besitz, Rassismus und Bioläden und noch etliche andere gesellschaftliche Probleme, die z.T. von tagesaktueller, z.T. von allgemeinerer Bedeutung sind. Schön, dass man diesen Dialog im Programmheft nachlesen kann

Insgesamt ein durchaus sehenswerter Abend, vielleicht nicht der ganz große Wurf, aber das liegt schon im Konzept begründet. Nicht umsonst heißt es, viele Köche verdürben den Brei. Hier allerdings ist der Brei durchaus genießbar und enthält neben ein paar Löffeln Dünnem doch einige sehr schmackhafte Brocken.


» 10 Gebote
Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_innen, 9 Schauspieler_innen und 1 Schaf. Regie Jette Steckel. Mit Natali Seelig, Markus Graf, Judith Hofmann, Lorna Ishema, Ole Lagerpusch, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Helmut Mooshammer und Andreas Pietschmann

Wieder am: 26. Januar und 12. und 26. Februar