im oktober in dortmund: sascha hawemann seziert eine familie

Tracy Letts‘ Pulitzerpreis-prämiertes und mit den Grandes Dames Hollywoods verfilmtes Drama Eine Familie. August: Osage County wird gefühlt gerade an jeder dritten Bühne gespielt. Nach Sascha Hawemanns Dortmunder Premiere versteht man zwar noch immer nicht ganz, warum eigentlich, hat aber einen wunderbar-bösen und pointenreichen Theaterabend mit einem großartigem Ensemble und ziemlich viel Seele erlebt.

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Überlebensgroß bestimmen die Leuchtbuchstaben das Sein. © Birgit Hupfeld

Ein raumfüllendes Gerüst mit Leuchtbuchstaben füllt und teilt den Schauplatz. E M P T Y steht anfangs darauf geschrieben und ganz allein steht Xell in der Mitte und lässt die ersten Klänge los. Der Musiker – den kennt ihr eventuell aus Hawemanns Pulverfass am CT – ist der, der den Abend musikalisch vorantreibt, auflädt, innehalten lässt, befragt und gleichzeitig – ein cleverer Schachzug der Regie – ist er das Dienstmädchen Johnna, was im Stück genaugenommen dasselbe tut.

Die Bühne beginnt sich zu drehen, nachdem sich der Säufer und Poet Bev aus der Familie und dem Leben stiehlt, die Leuchtschrift markiert in Folge die Angelpunkte des Familiendramas:

Träume, Tod, Übergriffe, Einsamkeit … Ein großartiges Ensemble kämpft sich durch die Untiefen der Familienhölle von Tracy Letts. Wunderbar trocken T.S. Eliot zitierend der Bev Andreas Becks, der später in der Rolle des Schwagers wiederkehrt und als ruhender Pol der Einzige ist, mit dem man mal ein Bier trinken gehen würde. Herrlich tyrannisch die tablettensüchtige Mutter Violet Friederike Tiefenbachers, die unter allen Bösartigkeiten größte Einsamkeit spüren lässt; intensiv Merle Wasmuth als die um Contenance bemühte und immer mehr die Kontrolle verlierende Tochter Barbara, frech und kraftvoll körperlich deren pubertierende Tochter (Marlena Keil). Unterhaltsamst Janine Kreß als Tante Mattie Fae, die, immer einen Drink in der Hand, ihren Frust nur im Herunterputzen von Gatten und Sohn entladen kann.

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Größtes Konfliktpotential, weil der Mutter am ähnlichsten: Tochter Babs (Merle Wasmuth). © Birgit Hupfeld

Mit jeder Bühnendrehung heizt sich die Stimmung weiter auf im ohnehin schon unerträglich heißen August in Oklahoma, häufen sich Ausbrüche, Entgleisungen und Enthüllungen. In der Zwangsgemeinschaft Familie macht einer dem anderen das Leben zur Hölle. Zwischen den Zeilen und dem Gezänk sterben derweil alle Träume – einer nach dem anderen scheitern die Lebensentwürfe: Tochter eins verliert den Mann an eine junge Studentin, der endlich-der-Richtige-Bräutigam von Tochter zwei vergreift sich an der minderjährigen Nichte, ein dunkles Familiengeheimnis enthüllt Tochter drei, dass die große Liebe der eigene Halbbruder ist.

Der ganz Hawemann-typischen Geisterfahrt auf dem schmalen Grat zwischen komischer Verzweiflung und verzweifelter Komik schaut man bis zum Schluss gern zu, aber trotz der Leidenschaft, die hier wunderbar am Werke ist, bleiben Story und Figuren am Ende doch ziemlich amerikanisch nah an der Oberfläche – irgendwie fehlt das Existentielle, vielleicht eine Portion russischer Seele und Tiefe, wie sie das Personal der Tschechowschen Drei Schwestern ausmacht. Und so erschließt sich an diesem Abend zwar deutlicher als andernorts, aber nicht gänzlich, warum dieses Stück gerade allerorts rauf und runter gespielt wird.

Q U I E T leuchtet am Schluss über der Bühne. Und dann ist auch hier der Rest Schweigen.


» Eine Familie
Regie: Sascha Hawemann
Mit: Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck, Merle Wasmuth, Carlos Lobo, Marlena Keil, Julia Schubert, Bettina Lieder, Frank Genser, Janine Kreß, Peer Oscar Musinowski und Alexander Xell Dafov
Wieder am 30. Oktober und am 11. und 22. November am Schauspiel in Dortmund