euro-scene: „dinge, die man leicht vergisst“

Die 27. Ausgabe der euro-scene ist Geschichte. Wieder einmal ist es den Organisatoren unter Leitung der Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff gelungen, ein spannendes Programm zusammenzustellen. Unter dem Motto „Ausgrabungen“ gab es Inszenierungen zu sehen, die Theatergeschichte geschrieben haben. Daneben aber auch kleine Schätze, die man nicht so leicht vergisst.

Die Rekonstruktionen von Oskar Schlemmers Triadischem Ballett und Mary Wigmans Totentänzen werden wohl nicht nur Tanzfreunden in Erinnerung bleiben. Vor etlichen Jahren war Pippo Delbono mit seiner Truppe zu einem beeindruckenden Gastspiel in der Peterskirche. In diesem Jahr zeigte er die Deutschlandpremiere seiner Inszenierung Vangelo – seine ganz persönliche Sicht auf das Evangelium, ein aufwühlender und emotionaler Abend. Und als Festivalabschluss war Milo Raus Inszenierung Five easy pieces zu sehen – überall hochgelobt, eingeladen zum diesjährigen Berliner Theatertreffen und von „Theater heute“ als Inszenierung des Jahres ausgezeichnet.

Foto: Alvaro Prats, Ultramort

Foto: Alvaro Prats, Ultramort

Bei so vielen Höhepunkten besteht natürlich die Gefahr, dass kleinere Gastspiele zu Dingen werden, die man leicht vergisst. Genau so hieß ein Stück, das Xavier Bobés aus Barcelona nach Leipzig gebracht hatte, auf spanisch Cosas que se olvidan fácilmente. Rekordverdächtig war die Zahl von zwölf Vorstellungen, die auf dem Spielplan standen. Da jede Vorstellung aber nur vor fünf Zuschauern gespielt wurde, blieb die Anzahl der Besucher, die diese Inszenierung in Leipzig gesehen haben, sehr überschaubar.

Interessant klang schon die Ankündigung des Spielortes – das Kellergewölbe des Beyerhauses. Schummrige Beleuchtung, niedrige kleine Kellerräume mit nackten Ziegelwänden, ein leichter Duft nach Weihrauch hängt in der Luft. Ein junger Mann im Anzug begrüßt jeden Besucher persönlich und fragt nach unseren Namen. Er heißt Xavier Bobès. Garderobe aufhängen, kurze Aufstellung zum Gruppenphoto, dann geht es in einen kleinen Raum, der ebenfalls nur spärlich beleuchtet ist und in dem fünf Stühle um einen großen runden Tisch gruppiert sind. Auf jedem Platz liegt ein kleines Büchlein mit Schwarzweißphotos, eine Ausgabe aus den 40er Jahren. Sogar eine Lesebrille liegt für jeden bereit, alte Modelle, wahrscheinlich auf dem Flohmarkt gekauft.

In den Büchlein steckt ein Zettel, auf dem beschrieben wird, wie der Erzähler auf einem Flohmarkt einen kleinen Taschenkalender des Jahres 1942 kauft. Er steckt ihn in seinen Rucksack und bemerkt erst später, dass der Kalender dort genau neben einer Ausgabe von Stefan Zweigs Die Welt von gestern zu liegen gekommen ist. Zweig hat sich im Jahre 1942 umgebracht. Die Eltern von Bobés sind im Jahr 1942 geboren. Und nun beginnt für uns Zuschauer eine Zeitreise. Auf dem Tisch liegt ein Stapel jener Kalender, die den Überblick über ein gesamtes Jahr im Format einer Spielkarte geben. Wie ein versierter Pokerspieler blättert Bobés Karte für Karte um und wir reisen in die Vergangenheit, Jahr für Jahr.

Dazu werden Utensilien auf den Tisch gelegt, die an historische Ereignisse erinnern – Münzen mit dem Abbild des spanischen Königs, eine Postkarte mit einem Stück der Berliner Mauer, Ausgaben von Zeitungen und Illustrierten, ein Schlüsselanhänger mit dem Maskottchen der Fußball-WM 1982, dazu auch immer wieder Ansichtskarten mit spanischen Briefmarken. Alles geht so schnell, dass man gar nicht dazu kommt, sich mit Einzelheiten zu beschäftigen. Schon ist man im Jahr 1975, dem Todesjahr von General Franco, ein Ereignis, das die Schlagzeilen der Zeitungen bestimmt. Auch in den Jahren davor – immer wieder Franco, aber auch Grace Kelly und ihre Hochzeit mit dem Fürsten von Monaco.

Schließlich ist man im Jahr 1942 angekommen und der Schauspieler liest aus dem kleinen Taschenkalender vor. Auf der ersten Seite ist Raum für „Dinge, die man leicht vergisst“: Name, Adresse, wichtige Telefonnummern. Dann immer wieder Angaben zur Zeitgeschichte, Ereignisse, die mit der Franco-Diktatur zusammenhängen, ein Zitat von Mussolini … wir sind ohne viel Worte 75 Jahre in die Vergangenheit gereist. Der historische Rahmen ist gesetzt. Nun rücken die „normalen“ Menschen in den Blickpunkt.

Vergilbte und zerknitterte Schwarzweißphotos werden auf den Tisch gelegt. Männer, Frauen, man soll raten, wer mit wem ein Paar gebildet hat. Was ist aus ihnen geworden? Eine ist vielleicht verstorben, ein anderer trägt plötzlich eine Uniform, die nächste ist ins Kloster gegangen, ein kleines Kreuz von einer Halskette liegt auf dem Tisch, das Licht geht kurz aus und wieder an, ein etwas größeres Kreuz liegt vor unseren Augen, das Spiel wiederholt sich, wie in einem Trickfilm wächst das Kreuz. Die alltäglichen Höhepunkte des Lebens – Hochzeiten, Urlaube auf Mallorca, ein Auto, eine eigene Wohnung. Bilder von Kindern – wer gehört zu wem? Immer neue Dinge werden aus bunten, zerbeulten Blechdosen hervorgeholt, die wohl einst Konfekt enthielten und nun alte Erinnerungen hüten. Dazu Musik von Schallplatten auf einem Plattenspieler.

Plötzlich werden sechs kleine Gläser hervorgezaubert, gefüllt mit Sherry. Wir stoßen an. Dann sogar eine Party, Zigaretten und noch mehr Alkohol werden herumgereicht, Papierschlangen, Konfetti. Doch keine Zeit zum Verweilen, die Ereignisse jagen im Sekundentakt vorüber. Ein Kind, es hat Geburtstag, ein Geschenk wird ausgepackt. Dann ist es ein Schulkind, eine Rechenaufgabe, eine Fibel, ein kleines Lehrbuch, das einen kurzen Überblick über die Geschichte Spaniens gibt. Plötzlich sitzt der Schauspieler wie ein kleiner Junge unter dem Tisch und malt mit Buntstiften in diesem Buch. Dann bekommt jeder Zuschauer ein Schächtelchen in die Hand nebst einer Lupe, um den Inhalt zu untersuchen. Nähzeug und etliche kleine bedruckte Stücke von dünnem Papier, wahrscheinlich Lebensmittelmarken.

Immer wieder gibt es solche kleinen Hinweise darauf, wie das normale Alltagsleben vom historischen Strom der Zeit beeinflusst wird. In den Geschichtsbüchern kann man lesen von Franco, von der Diktatur, wie aber lebte die Masse der Menschen? Wenige Generationen später weiß man nicht mehr viel davon oder vielleicht doch, denn so ganz anders als heute lebten sie auch nicht, auch damals wurde gelebt, geliebt, gehasst – und dem FC Barcelona zugejubelt. Spielerisch wurde der Blick der Zuschauer auf die Vergangenheit gerichtet und kann von dort zurück in die Gegenwart, in die Zukunft schweifen. War alles schon einmal da? Muss es deshalb wiederkommen? Welche Lehren bietet die Vergangenheit?

Ein letztes Mal zieht Xavier Bobés Photos hervor. Diesmal sind es neue, ganz neue, vor einer Stunde aufgenommen vorm Eingang in diesen Raum. Auf der Rückseite ein paar spanische Worte, mit denen sich der Schauspieler bei jedem Besucher persönlich bedankt. Nein, wir haben zu danken, für eine Stunde, die man nicht so leicht vergessen wird.