euro-scene leipzig eröffnet mit aufrüttelndem figurentheater aus wien

Kurzes Schweigen, dann lang anhaltender Applaus, vereinzelte Bravo-Rufe, einige Zuschauer erheben sich von den Plätzen. Es ist ein emotional tief berührender und zugleich betroffen machender Abend gewesen, den das Publikum soeben auf der Hinterbühne des Schauspielhauses zur Eröffnung der diesjährigen euro-scene erleben konnte.

Auf der Bühne verbeugt sich ein junger Mann, schwarz, militärisch korrekt gekleidet, Schnurrbärtchen, streng rechtsseitig gescheitelt – die Frage beim folgenden Publikumsgespräch, ob dieses Äußere mit Absicht gewählt worden sei, war wohl nur rhetorischer Natur. Nikolaus Habjan aus Wien hat sich hier mit dem Stück „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ vorgestellt, er ist Puppenspieler und Puppenbauer, Darsteller, Regisseur und auch Kunstpfeifer. Dem jungen Mann (1987 geboren) ist die diesjährige euro-scene sozusagen gewidmet, das Publikum kann eine Werkschau mit vier Stücken erleben. Und der Auftakt war vielversprechend.

Habjan Zawrel. Foto: Barbara Palffy, Wien © euro-scene Leipzig 2016

Habjan Zawrel. Foto: Barbara Palffy, Wien © euro-scene Leipzig 2016

Titel und das beschriebene Kostüm wecken Assoziationen an die Zeit des Faschismus, dass sich die Geschichte des Friedrich Zawrel bis in die Gegenwart zieht, beweist der Abend auf sehr nachdrückliche Weise.

Eigentlich, so sagen Nikolaus Habjan und sein Regisseur Simon Meusburger im Publikumsgespräch, habe man ein Stück über Frankenstein machen wollen. Bei den Recherchen sei man auf den Namen Heinrich Gross gestoßen, ein Mediziner, der im faschistischen Österreich ein strammer Nazi war und in der „Jugendfürsorgeanstalt Spiegelgrund“ am Missbrauch und an der Tötung behinderter Kinder beteiligt war. In halbherzigen juristischen Untersuchungen nach 1945 kommt er ungeschoren davon. In der österreichischen Justiz war man z.B. der Meinung, an psychisch kranken Menschen könne gar kein Mord begangen werden, weil die Opfer keine Einsicht in die heimtückischen Absichten des Mörders haben. Mit der im Spiegelgrund entstandenen Sammlung medizinischer Präparate macht Gross schließlich wissenschaftliche Karriere. Dabei handelte es sich z.T. um sterbliche Überreste von im Spiegelgrund ermordeten Kindern, die erst 2002 bestattet wurden. Der Eintritt in die SPÖ und in den Bund sozialistischer Akademiker ebnet ihm alle Wege zu einem angesehenen Mitglied der österreichischen Gesellschaft. Er wird zum meistbeschäftigten Gerichtspsychiater Österreichs.

Friedrich Zawrel wird 1929 in ärmliche und zerrüttete Verhältnisse hineingeboren. Nach einer Odyssee durch verschieden Heime landet er in der Anstalt Spiegelgrund, wo ihm bescheinigt wird, erbbiologisch und sozial minderwertig zu sein. Weil er als unerziehbar eingeschätzt wird, erhält er keinerlei Schulbildung.

Viele Kinder der Anstalt fallen der Euthanasie der Nazis zum Opfer. Zawrel kann fliehen, wird aber bei einem Mundraub erwischt und wandert ins Gefängnis, aus dem ihn die anrückenden amerikanischen Truppen befreien. Doch diese Vorstrafe hängt ihm an, führt zu Schwierigkeiten im Berufsleben. Zawrel beginnt, sich seinen Lebensunterhalt durch Diebstahl zu verdienen, wird 1975 wieder geschnappt und landet für sechs Jahre im Gefängnis. Ein psychiatrisches Gutachten wird erstellt – von Heinrich Gross.

Im Gespräch mit diesem gibt sich Zawrel als ehemaliger Insasse von Spiegelgrund zu erkennen, das Gutachten, das Gross erstellt, empfiehlt Sicherheitsverwahrung nach der Haft. In seinem Gutachten stützt sich Gross auf Befunde, die in der Nazizeit erhoben wurden. Nun beginnt Zawrel, der bisher über die Zeit im Spiegelgrund geschwiegen hat, zu kämpfen. Schließlich wird ein Journalist auf ihn aufmerksam und bringt die Geschichte an die Öffentlichkeit. Zawrel wird 1981 entlassen. Gross kann trotzdem noch bis Ende der 90er Jahre als Gutachter arbeiten, sein Fall kommt wegen angeblicher Demenz bis zu seinem Tod nicht vor Gericht. Zawrel hingegen beginnt, als Zeitzeuge vor Schulklassen über die Euthanasieverbrechen der Nazis zu berichten,

Nikolaus Habjan wird im Zuge der Recherchen zu Heinrich Gross auf ihn aufmerksam und in enger Zusammenarbeit mit Friedrich Zawrel, der 2015 verstirbt, entsteht der Theaterabend, an dem uns Nikolaus Habjan mit seinen Puppen das Leben Friedrich Zawrels nahebringt. Zawrel hat noch im hohen Alter staatliche Auszeichnungen bekommen. Erst vor wenigen Monaten wurde eine Schule nach ihm benannt. FPÖ-Politiker protestierten dagegen mit Verweis auf die Vorstrafen Zawrels in den 40er Jahren. Der Schoss ist fruchtbar noch … bis heute!

Das Stück steht am Freitag noch einmal auf dem Programm der euro-scene, wer die Chance hat, es sich anzuschauen, sollte sich diese nicht entgehen lassen.


»F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig«
Freitag, 11. November 2016 // 19.30 – 21.30 Uhr //Schauspielhaus / Hinterbühne