familienaufstellung in (sonnen)finsternis – sebastian hartmanns gespenster am dt

Sebastian Hartmanns vierter Abend am DT verwebt Ibsens Gespenster mit Strindbergs Vater, holt mit Heinrich Heine die Sehnsucht ins Boot und schafft ein schwarz-weiß-düsteres Familienpanorama in Endlosschleife, das zwar nach kompakten zwei Stunden vorbei ist, aber eigentlich nie aufhört.

Ruhelos laufen sie schon hin und her, Sebastian Hartmanns Gespenster, während das Publikum im Saal des Deutschen Theaters Platz nimmt. Schwarz-weiss die Optik (und dabei überwiegt eindeutig das Schwarz); klassisch-düsteres, wunderschönes Gothic die Kostüme. Vor dem Bühnen-Weiss wird ein schwarzer Prospekt heruntergelassen und wieder hinaufgezogen, unten schraubt sich eine drehbare, aufsteigende Rampe in den Theaterraum wie ein Perpetuum Mobile der Ausweglosigkeit. Aber das wissen wir an der Stelle ja noch gar nicht.

Deutsche Theater "Gespenster" © Arno Declair

Linda Pöppel singt mit Heine von der Sehnsucht nach einem Heime  © Arno Declair

Zunächst ist der Auftakt zum Familien-Sezieren ein musikalischer und holt die Handlung zugleich hoch im Norden ab und zu uns nach Hause: Linda Pöppel singt, von Ben Hartmann an der Gitarre begleitet, mit Heinrich Heine von der Sehnsucht nach Deutschland, nach einer Heimat, nach einem besseren Leben. Dann wäscht ein gewaltiger akustischer Regen Heine und die zarte Hoffnung weg und es beginnt ein Szenen-Reigen aus Ibsen und Strindberg ineinander verwebt wie eine Decke, die am Ende kein Stück mehr vom Elend verdecken wird und schon gar nicht: wärmt.

Wir sehen das Rittmeisterpaar aus dem Vater im stetigen Fight um die Macht in der Familie. Mit allen erlaubten und unerlaubten Waffen kämpft Katrin Wichmanns Laura gegen ihren Mann (Felix Goeser). Schließlich genügt der fast schon beiläufig geweckte Verdacht, er könnte nicht der Vater des gemeinsamen Kindes sein, um aus dem selbstgerechten Machtmenschen ein Wrack zu machen. Hat ja auch keine andere Chance, die Frau, denkt man zunächst, am Ende ist man sich dessen aber gar nicht mehr so sicher. Ein Bravourstück Strindberg der beiden Schauspieler, mit großer Intensität und hundsgemeiner Komik.

Deutsche Theater "Gespenster" © Arno Declair

Machtkämpfe ohne Rücksicht auf etwaige Verluste © Arno Declair

Die Schlüsselszene des Abends jedoch entstammt den titelgebenden Gespenstern und wird gleich mehrfach gegeben. Es ist jene, in der die Mutter ihrem Sohn die Wahrheit über den Vater gesteht und der Sohn ihr klarzumachen versucht, dass ihn dieselbe Krankheit dahinraffen wird wie seinen alten Herrn. Ja, die Sünden der Väter … Zuerst spielen diese Szene die beiden ältesten Schauspieler Gabriele Heinz und Markwart Müller-Elmau – zurückgenommen, fast still; dann hören wir sie lediglich im absoluten Dunkel und zum dritten Mal im grandiosen Finale ist Almut Zilcher die Mutter und Edgar Eckert der Sohn. Eine Wucht!

Zilcher, die schon anfangs feststellte, das ganze Leben in ein und derselben Szene festzuhängen. Und auch für den Zuschauer gibt es daraus keine Befreiung. Mag die Stimmung von weiß zu schwarz und zurück wechseln, das Gemälde im Hintergrund (auf dem eine Familie eine Sonnenfinsternis beobachtet) zum Leben erwachen und wieder einfrieren, Tilo Baumgärtel eine hypnotische Graphic-Novel-Welt auf Bühne und Spieler projizieren und Ben Hartmanns dunkel-lebendig-laute Gitarrenriffs das ganze soundmäßig wunderbar mitten in den Bauch und ins Heute holen. Nach jeder Bühnendrehung: dasselbe Elend.

Deutsche Theater "Gespenster" © Arno Declair

Bühnenbildende Kunst © Arno Declair

Die Gespenster werdet ihr nicht los: Mit der wortwörlichen Be-Erdigung des kranken Sohnes eines kranken Vaters mag zwar Schluss sein, es ist aber rein gar nichts zu Ende: Edgar Eckert rappelt sich wieder auf und die ganze Trauergesellschaft geht, sich die Erde von den Händen klatschend, in den Schlussapplaus.

Großartig die einzelnen Bilder, berührend und verstörend die Szenen, keinesfalls aber rund oder einfach konsumierbar das große Ganze. Aber das kann und soll es wohl auch nicht, wenn Regisseur und Spieler die gleichen Wunden wieder und wieder aufreißen und gewissermaßen am offenen Herzen operieren. Ein mutiger, ein sehr persönlicher Abend ist das geworden – mittendrin in dem Familien-Menschen-Dilemma aus Vätern, Söhnen, Müttern, Lügen, Liebe, Macht und Manipulationen. Ein sehr sehenswerter ist es allemal.


» Gespenster, Deutsches Theater Berlin
Regie & Bühne Sebastian Hartmann. Musik Ben Hartmann und Philipp Thimm. Kostüme Adriana Braga Peretzki. Mit Edgar Eckert, Felix Goeser, Gabriele Heinz, Markwart Müller-Elmau, Linda Pöppel, Katrin Wichmann und Almut Zilcher

Nächste Vorstellungen: 28. Februar & 5., 12. und 26. März