ich regier doch nur ein bisschen – ubu on the top am schauspiel leipzig

Wir haben es geahnt: Gierige und gewissenlose Zeitgenossen kommen einfach nicht aus der Mode. Alfred Jarrys absurdes Stück über den gefräßigen Vater und die machtgeil-kalkulierende Mutter Ubu ist nun schon über 100 Jahre alt und steckt doch so voller aktueller Bezüge, dass eine plumpe Aktualisierung absolut überflüssig ist. Claudia Bauer erzählt die Geschichte denn auch als herrlich groteske Revue, um hernach den Verbrecher mit Simon Stephens‘ Fortschreibung Ubus Prozess vor den internationalen Strafgerichtshof zu stellen. Für ein Schlussplädoyer, bei dem es einem dann doch kalt den Rücken herunter läuft.

Vater Ubu © Rolf Arnold

Vater Ubu © Rolf Arnold

Im goldtapezierten Bühnenrund steht ein großer Glaskasten. Darin Ubu, der Angeklagte -nackt wie Gott ihn schuf und verständnislos der Anklageschrift lauschend, die ihm verlesen wird. Ein kleiner, sich windender Ubu ist das. Und gleichzeitig übergroß, denn wir sehen ihn hinter dem eigenen Abbild, das in Riesengroßaufnahme auf die halbtransparente Frontseite des Kubus projiziert wird. Schon mal ein schönes Bild dafür, wie durch-schaubar Macht und Demagogie doch gemeinhin so funktionieren.

Verstehen Sie das, Herr Ubu?
Verstehen Sie das?

Ubu versteht ganz und gar nicht. Noch nicht, am Ende wird das anders sein. Er steigt langsam in einen rosafarbenen Anzug, prüft dessen Sitz und klettert hinab in die Arena: das Spiel beginnt. Und wie! Gleich einem überkandidelten Kasperltheater tritt die Ubu’sche Meute auf und ab – ebenfalls in uniformen rosa Anzügen wie lauter kleine Ubus und in schrägster Choreographie: staksend, trippelnd, mit wildesten Verrenkungen und der absurdesten Mimik.

Da wird der heimtückische Mordplan geschmiedet und ausgeführt; König Wenzel (Wenzel Banneyer, wahrlich königlich) stirbt und Ubu nimmt den polnisch-ballonischen Thron ein. I’m sitting on the top of the world singen dazu süffisant die vier SängerInnen des Vocalensembles VOXID, die sich unter die Spieler gemischt haben. A Despot is born.

Vater Ubu © Rolf Arnold

Vater Ubu © Rolf Arnold

Und nun? Sich bereichern und jeden Tag Blutwurst, das sind die einzigen, zwar sehr ehrlichen, aber doch recht wenig erhabenen Ziele Ubus. Also: An der Macht bleiben. Die Justiz ist genauso schnell auf Linie gebracht, wie aus den Parlamentariern willige Claqueure geworden sind. Die treten dann – noch so ein schöner Einfall – passenderweise in Anzügen ohne Hosen auf, denn die hat ja jetzt ein anderer an. Die Hände sind ihnen – im wahrsten Wortsinn auf dem Rücken – gebunden. Kann man nix machen. Wer nicht spurt, verschwindet – zack! – zu Barmusik und mit Paukenschlag in der Versenkung.

Die Kubus-Leinwand liefert parallel zum Geschehen auf der Bühne kurze Sequenzen in schwarz-weiss Stummfilm-Optik. Ein noch einmal verfremdetes Spiel im Spiel, das erst harmlos, aus der Zeit gefallen daherkommt, dann aber in schnell geschnittenen Bildern schon den Schrecken vorwegnimmt, den uns der Abend am Ende mit auf den Weg gibt.

Ich bin das Volk!
Die sind nicht das Volk!

Direkte Bedürfnisbefriedigung, kein Belohnungsaufschub: Ein zu groß geratenes Kind ist dieser Ubu. Zwischen verschlagen und naiv-erstaunt, unberechenbar und gefährlich. Das macht Roman Kanonik in jeder Sekunde großartigst. Wie er schmollend,  aufbrausend, jammernd oder Schreiße! schreiend über die Bühne tobt und dabei kraftmeiert oder wunderbare Kabinettstückchen vollführt, ist sein Ubu in der Tat der Nabel der (Theater)Welt. Mindestens genauso brilliant aber ist Julia Preuss – als Mastermind Mutter Ubu zuständig für Verstand und Kalkül, aber darum nicht weniger überkandidelt, Stimme und Mimik ständig auf Anschlag, der ganze Körper ein zuckendes Gieren nach mehr. Ein wahres Despoten-Dreamteam! Und der Rest vom Ensemble steht den beiden in Sachen Spielfreude, Professionalität und akrobatischer Verausgabung in Nichts nach.

Vater Ubu © Rolf Arnold

Vater Ubu © Rolf Arnold

Kaum ist polnisch-Ballonien gleichgeschaltet, droht neue Unbill: Der Zar erklärt den Krieg und damit wandelt sich die Farbe der Inszenierung. Es bleibt durchaus grotesk, aber statt lustig bunt wird’s nun finsterer. Die Rückseite der Drehbühne besteht aus nackten Spanplatten, es fällt ein kalter Schnee. Max Hubacher gibt auf ballettähnlichen Schuhen und auf zwei Krücken komisch und tieftraurig zugleich das abgehalfterte Schlachtross kurz vor und nach dem Zusammenbruch. Ubu selbst trägt einen Armeemantel überm rosa Tütü. Und auf der Leinwand flimmern stumme Bilder von General Ubu am Mikrophon, auf denen er dezent an den ein oder anderen lateinamerikanischen Diktator erinnert.

Vater Ubu © Rolf Arnold

Vater Ubu © Rolf Arnold

Verloren ist der Kampf, bevor er richtig beginnt und nun reißt Claudia Bauer den Abend noch einmal herum. Die grotesken Züge entgleisen und wir sehen Florian Steffens als ubu’schen Soldaten in Großaufnahme, rauchend, während er zu seinen Taten befragt wird und trotzig Auskunft gibt. Detailliiert und fast überealistisch werden die grausamen Verbrechen beschrieben, während einer dem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben sucht.

Das Ende ist der Anfang ist das Ende: Ubu steht vor Gericht. Windet sich (bis hin zum wirklich überflüssigen Mielke-Zitat). Aber dann streift er unvermittelt die Ubu-Maske ab und hält sein eigenes Schlussplädoyer. Ein eiskalter Abgesang auf den Fortschrittsglauben an eine bessere, vernünftigere, menschlichere Welt. Eine unverhohlene Drohung, ein „Fürchtet euch!“, denn:

Was gewonnen ist, kann in einem Lidschlag der Geschichte wieder verloren gehen.

Chapeau! Man kann dem Abend sicher vorwerfen, ein bisschen zu durchkomponiert, ein wenig zu perfekt und durchschaubar zu sein. Aber vor allem ist Claudia Bauers Ubu  ein bildgewaltiger, intelligenter, bitterböser und hochkomischer Rundumschlag, mit super Spielern und einem irren Drive. Dieser Ubu rockt. Nochmal-Guck-Potential, definitiv.


» König Ubu / Ubus Prozess
von Alfred Jarry / Simon Stephens. Regie Claudia Bauer. Bühne Andreas Auerbach. Kostüme Vanessa Rust. Licht Veit-Rüdiger Griess. Mit Roman Kanonik, Julia Preuss, Wenzel Banneyer, Max Hubacher, Denis Petković, Florian Steffens, Daniel Barke*, Diana Labrenz*, Maike Lindemann* und Friedrich Rau* (*VOXID)

Next shows: 3. und 24. Februar sowie 1. März, Schauspiel Leipzig, Große Bühne