»im augenblick sieht es so aus, als würde der sex-shop gewinnen«

In der letzten Woche ist Bert Neumann, langjähriger und stilprägender Bühnenbild-Revolutionär der Volksbühne mit nur 54 Jahren überraschend gestorben. Wir sind traurig über ein neues, viel zu frühes „Nie wieder“ in der schnelllebigen Zeit und Welt, der auch die Volksbühne selbst zum Opfer fallen wird.

Das ist jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Wer bleibt als Letzter in der Rosa Luxemburg-Straße, der Sex-Shop oder wir. Im Augenblick sieht es so aus, als würde der Sex-Shop gewinnen.
Bert Neumann im » Tagesspiegel-Interview im April 2015

Schnellebig ist sie, die Welt des Theaters. Diesen Eindruck hat man zumindest heutzutage, wo sich die Intendantenkarussells drehen und die Ensembles dann oft auch weitgehend ausgetauscht werden und manchmal sogar die Namen der Häuser sehr wandelbar sind. Im Prinzip ist gegen frischen Wind nichts einzuwenden und mehr als 30 Jahre Karl Kayser haben dem Leipziger Theater sicher nicht gutgetan, aber manchmal wünscht man sich als Zuschauer schon, die Entwicklung eines Intendanten und eines Ensembles länger beobachten zu können als nur 5 Jahre.
Doch eine Konstante schien es zu geben – die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Seit 1992 wird das Haus von Frank Castorf geführt, der scheinbar unbeirrt von immer wieder herbeigeredeten (oder wirklich stattfindenden) Krisen dort (und auch anderswo) in schöner Regelmäßigkeit beeindruckende Inszenierungen abliefert, auch wenn nun Berlins Kultursenator das Ende dieser Ära für 2017 festgesetzt hat.

Natürlich hat es im Laufe der Jahre manche Veränderung gegeben, Schauspieler kamen und gingen, ebenso Regisseure und Dramaturgen, nur wenige sind ununterbrochen dabeigeblieben. Zu ihnen gehörte Bert Neumann, seit 1992 Chefbühnenbildner der Volksbühne. Er prägte seitdem ihr Erscheinungsbild, schuf das Wahrzeichen von Castorfs Volksbühne – das Rad auf Füßen, eigentlich ein mittelalterliches Zeichen, das vor Räubern warnen sollte. Dieses Zeichen stand am Anfang, aber dann kamen über die Jahre fast unzählige, ungewöhnliche, überwältigende Bühnenbilder, müßig, sie alle hier aufzuzählen.

Man denkt an den Rosenkriegszyklus im Prater, man denkt vor allem an all die großen Dostojewski-Abende, von denen der nun wahrscheinlich letzte im Mai in Wien Premiere feierte (wahrscheinlich letzte, weil, im Gegensatz zur Meinung der meisten Kritiker, Castorf einen Dostojewski-Roman noch nicht auf die Bühne gebracht hat – den „Jüngling“), wo die „Brüder Karamasow“ mit einer Dauer von mehr als sechs Stunden neue Rekorde aufstellten. Die Koproduktion der Berliner Festwochen und der Volksbühne wird im Herbst ihre Berliner Premiere erleben. Es wird die letzte Premiere eines Bühnenbildes von Bert Neumann sein und er wird sie selbst nicht mehr erleben, denn in der vergangenen Woche ist Bert Neumann im Alter von nur 54 Jahren verstorben.

Noch zwei Jahre wird Frank Castorf Intendant der Volksbühne sein, im Moment ist schwer vorstellbar, wie das Haus ohne Bert Neumann funktionieren wird. Carl Hegemann, einst Volksbühnendramaturg, meint, mit Bert Neumann sei die Volksbühne nun bereits zwei Jahre vor ihrem Ende gestorben. Vielleicht zu harte Worte, vielleicht werden nun auch in Berlin Bühnenbilder von Aleksandar Denic zu sehen sein, der bisher in München und Bayreuth für Castorf arbeitete, aber ein verändertes Gesicht wird die Volksbühne nun auf jeden Fall bekommen. Vorerst trauert die Theaterwelt, trauern wir um Bert Neumann.