im herzen die finsternis – sebastian hartmanns „dämonen“ in frankfurt

Vorab gesteht der Rezensent, Dostojewskis Dämonen, die Sebastian Hartmann am Freitag am Schauspiel Frankfurt inszenierte, nicht gelesen zu haben. Was bildungslückenhaft gewagt klingt, erweist sich als Vorteil: Es entfällt die Suche nach Orientierung in der Romanvorlage, die der Regisseur bewusst verwehrt. Dafür begeben sich Hartmann und Ensemble ganz tief hinein in die menschliche Seele. Und dort funkelt es fiebrig und düster.

But I stay down,
With my demons. / The National, Demons

Dunkel ist’s es auf der Bühne, wo schon vor Beginn die Personage herumgeistert, sich abspricht und die Kulissen – ein großes Holzhaus mit Spitzdach, eine noch größere Fassade und zwei Scheinwerferwände – in Stellung bringt. Das werden sie im Laufe des Abends noch häufiger tun. Die imposante Frankfurter Schauspielbühne dreht, hebt und senkt sich, Nebel flutet oder steigt auf als Rauch eines mächtigen Brandes und die wuchtigen Kompositionen der Live-Musiker von Apparat gehen vom linken Bühnenrand ohne umweg übers Gehör direkt in den Bauch.

Auf dem Dach: Isaak Dentler und Manuel Harder. © Birgit Hupfeld

Auf dem Dach: Isaak Dentler und Manuel Harder. © Birgit Hupfeld

Tolga Tekin dreht im qualmenden Rollstuhl eine Runde, bevor er zusammen mit Linda Pöppel am Bühnenrand beginnt, von den Geschehnissen in der namenlosen Kleinstadt zu erzählen. Der » behinderte Laiendarsteller aus Leidenschaft bringt mit seiner ganzen Persönlichkeit eine ungewohnte, für die Inszenierung wesentliche Haltung, einen anderen Zugang mit: mal stapft er mit schweren Schuhen dröhnend und drohend über die Bühne, mal greint er als Neugeborenes und wenn sich später alle um sein Krankenbett sammeln, dann liegt darin nicht weniger als die ganze, todkranke Menschheit.

Tolga Tekin und Ensemble. © Birgit Hupfeld

Tolga Tekin und Ensemble. © Birgit Hupfeld

Kein einziger Name fällt, weder Bühne noch Kostüme gestatten die räumliche und zeitliche Verortung. Die ersten Szenen sind stark, aber sperrig. Trotzig verwehren sie den Zugang und bis zu Pause nagt der Zweifel, ob das bis dato recht zerfasert und unzusammenhängend episodenhaft wirkende Bühnengeschehen tatsächlich auch ohne Kenntnis der Vorlage funktioniert. Aber dann!

Na, gibt es auch in Ihrer Seele etwas, dass sich an meinem Schicksal weidet?

Szenenfetzen, Motive, Sätze werden so atemberaubend furios wie kunstvoll neu verwoben, Schauspieler wechseln in einer Szene, ja zwischen zwei Sätzen – und das merkt auch der Unbelesene – die Rollen. Daraus entsteht ein Sog, immer tiefer hinein in die Hauptfigur (Nikolai Stawrogin, lernen wir in der Pause vom beleseneren Publikum), dem man nicht widerstehen kann. Harder spielt ihn mit unbändiger Kraft und großer Haltlosigkeit. Er ist der Einzige, der beinahe durchgehend in seiner Rolle bleibt. Ein genialer Desillusionierter, dem weder Konventionen noch Menschenliebe etwas sind und in dem jeder seinen Heilsbringer sieht. Ein Messias mit umgekehrten Vorzeichen. Auf ihn prallen Szene für Szene die anderen. Oder besser: seine eigenen Dämonen.

Ich bin ein kranker Mensch… Ich bin ein böser Mensch

konstatiert der Ich-Erzähler schon in Dostojewkis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch und in den Dämonen sind die Menschen noch viel kränker: ohne Halt, mit Fieber in den Köpfen und unerträglicher Leere im Herzen.

Suchen und finden ihre Dämonen: Christian Kuchenbuch und Manuel Harder. ©Birgit Hupfeld

Suchen und finden ihre Dämonen: Christian Kuchenbuch und Manuel Harder. ©Birgit Hupfeld

Große Ensemble-Bilder und Theaterzauber aus Licht, Nebel, Bühnentechnik und Musik wechseln zu intensivem Fokus auf meist zwei Schauspieler. Nach bitterem Ernst wird’s unversehens komisch, ja albern, dann wieder existentiell. In der wohl intensivsten Szene des langen Abends schildert Stawrogin im Fieberrausch den von ihm begangenen Kindesmissbrauch, dabei umkreist ihn kongenial Paula Hans, die immer wieder von einer Identität in die andere schlüpft.

Paula Hans, Linda Pöppel und Manuel Harder im Fieber © Birgit Hupfeld

Paula Hans, Linda Pöppel und Manuel Harder im Fieber © Birgit Hupfeld

Dicht ist der Abend, sinnlich trotz aller Philosophie, auf den Kern zielend, trotz aller Effekte. Lang ist er und anstrengend. Nach jedem Schlussbild kommt ein neues, nach jedem Schlusssatz noch eine Szene. Und noch eine. Hartmann dampft den Stoff ein und füllt das Destillat dann mit immer neuem pulsierendem Bühnenleben. Er lässt das Böse funkeln. Landet er damit vielleicht ganz nah bei Dostojewski? Fahrt ihr mal nach Frankfurt, Theater gucken. Wir schnappen uns das Buch und finden’s raus!