immer diese rennerei! martin laberenz dreht mit tartuffe eine ehrenrunde am schauspiel hannover

Da kommt man fast direkt aus Stuttgart nach Hannnover und landet – schwups! – in einem Daimler-Showroom ;) – Martin Laberenz hat am letzten Donnerstag am hiesigen Schauspiel Molières Tartuffe inszeniert, bekommt die absurde Komödie aber trotz sinnfälligem Settings und viel viel schauspielerischen Übermuts nicht auf die richtige Drehzahl.

Tartuffe | von Molière | Schauspiel Hannover | Premiere: 27.04.17 | Regie: Martin Laberenz | Bühnenbild: Volker Hintermeier | Kostümbild: Aino Laberenz | Live-Musik: Friederike Bernhardt, Johannes Cotta | Szene mit: Andreas Schlager, Sarah Franke, Lisa Natalie Arnold, Susana Fernandes Genebra, Sebastian Grünewald, Henning Hartmann © Katrin Ribbe

Zack, enterbt! Damit hat Damis (Jonas Steglich) nun nicht gerechnet.  © Katrin Ribbe

Auf Volker Hintermeiers Bühne steht ein kreisrundes Podest, das in Tateinheit mit der dort meist geparkten Mercedes-Limousine älteren Datums tatsächlich dezent an einen Autosalon erinnert. Hinauf führen drei bescheidene, güldene Stufen, die mitnichten in höhere Sphären reichen und halbumrundet wird das Ganze durch ein hohes Gerüst, das irgendwie auch an Eingesperrtsein erinnert und einem Vorhang, der aus diesem zumindest gedanklichen Gefängnis einen goldenem Käfig macht. Was ein hübsches Bild vom Spießbürgertum hergibt, die Bespielbarkeit der Anordnung aber – sagen wir mal – ein wenig einschränkt.

Immer diese Rennerei! Die wie vielte war das jetzt? Dann müssen wir noch eine!

Demzufolge geht es auf und über Autodach und Motorhaube, manchmal auch vernebelt hinein, meistens aber Runde um Runde herum um die Drehbühne: Ein Karussell der Lügen und der Ratlosigkeit und damit wiederum ein ganz passendes Bild für die Absurdität der Molièreschen Komödie, in der der pseudo-religiöse Fanatiker Tartuffe zum eigenen Vorteile eine ganze Familie aufmischt. Seinen Spießbürger Orgon auf Sinnsuche hat der Tartüffe dabei so fest im moralischem Griff, dass der ihm sein ganzes Vermögen und obendrauf noch seine Tochter hinterherwirft. Da können sich Frau, Schwager, Sohn und Mamsell auf den Kopf stellen – nix zu machen.

Was eine eine überkandidelte, hintersinnig-absurde Komödie wie zum Beispiel der » Laberenz’sche Geizige anno 2015 am DT hätte werden können (und auch so anfängt), gerät hier zu einer ein wenig angestrengten, wenn auch durchaus kurzweiligen, insgesamt aber maximal halbgaren Tart‘ Uffe, für die der Regisseur das große Besteck auffährt.

Nie, niemals in den Abgrund gucken!

Weil in dem Abgrund, vor dem wiederholt gewarnt wird und in dem so viel von uns und vom Heute hätte gären können, lauert: einfach nüscht. Im Gegenteil: Der Abend schraubt sich mit jeder Bühnendrehung und -umrundung weiter in trashige Höhen, um dann ganz oben auf dem Spannungsbogen – pffffft – kurzerhand abzubrechen und Zuschauer wie Spieler in der Luft hängen beziehungsweise so plötzlich wie unsanft landen zu lassen: erstere im Theatersessel, letztere im Schlussapplaus.

Dafür kommt ein wenn-man-nicht-mehr-weiter-weiß,-singt-man-ein-Lied am Point of no Return. Ein feines Lied. Und durchaus eine Idee mit Alltagsgebrauchswert ;). Aber es lässt alle ein wenig unbefriedigt zurück. Dabei es ist gar nicht mal das versöhnliche Molièrsche Ende, das fehlt (und in dem der Heuchler Tartuffe mit einer Deux-ex-machina-ähnlichen Rettung guter Mächte doch noch überführt wird.)

Tartuffe | von Molière | Schauspiel Hannover | Premiere: 27.04.17 | Regie: Martin Laberenz | Bühnenbild: Volker Hintermeier | Kostümbild: Aino Laberenz | Live-Musik: Friederike Bernhardt, Johannes Cotta | Szene mit: Andreas Schlager, Sarah Franke, Lisa Natalie Arnold, Susana Fernandes Genebra, Sebastian Grünewald, Henning Hartmann © Katrin Ribbe

Taaaaar-tüfffffffff ! Lisa Natalie Arnold als Dienstmädchen Dorine © Katrin Ribbe

Die einzelnen Zutaten stimmen ja. Die Bühne (siehe oben). Die Besetzung schafft so herrlich tragikomische Pärchen wie Andreas Schlager als Valère und Sarah Franke als Mariane. Die Kostüme knallen zwischen Zirkus, Pelzmütze und 80er-Schick; Henning Hartmann ist als Orgon – natürlich – slapsticksicher zwischen Kühltasche, Warndreieck und Caprisonne voll in seinem Element. Die Tänze, die er mit der unwilligen Tochter Mariane auf der Motorhaube – Niiiicht, der Stern! – vollführt, sind mehr als sehenswert. Und allein schon wegen Lisa Arnolds Eröffnungs-Szene lohnt der Abend: Als schnodderig-beherzte Dorine intoniert sie gefühlte zehn Minuten den Namen Tartuffe in allen möglichen und unmöglichen Tonlagen um dann heftig-deftig-heutig gegen den moralinsauren Herrn vom Leder zu ziehen.

Und die finale Show, in der die Herren Grünewald und Steglich mit Zylinder und in heißen schwarz-glitzernden Ganzkörper-Suits steppend das oben erwähnte Was-nu?-Wir-singen-ein-Lied!-Lied aus der Feder Friederike Bernhardts performen, die macht einen Heidenspaß.

Tartuffe | von Molière | Schauspiel Hannover | Premiere: 27.04.17 | Regie: Martin Laberenz | Bühnenbild: Volker Hintermeier | Kostümbild: Aino Laberenz | Live-Musik: Friederike Bernhardt, Johannes Cotta | Szene mit: Andreas Schlager, Sarah Franke, Lisa Natalie Arnold, Susana Fernandes Genebra, Sebastian Grünewald, Henning Hartmann © Katrin Ribbe

© Katrin Ribbe

Am Ensemble liegt es nicht, dass sich der Abend nicht so recht zum Ganzen fügen will. Dass der Plan aufgeht und nicht aufgeht, wie jener von Sohnemann Damis, der (stotternd wie ein Daimler-Motor um seine nie erreichte Contenance bangend – Jonas Steglich) den Heuchler zwar überführt, aber zum Dank dafür enterbt wird. Nein, aber eine echte Fallhöhe stellt sich eben nur im wortwörtlichen Sinne her, wenn der (insgesamt eher unlustige) Tartuffe Hagen Oechels mit der Dame des Hauses nackert und alles andere als reumütig in den Bühnenhimmel klettert.

Doch wer weiß, vielleicht braucht es ein solch jähes Erwachen, wenn man den falschen Propheten folgt? Was das jetzt wiederum fürs Theater hieße, darüber müssen wir noch ein bisschen nachdenken. Fest steht: Langweilig ist’s nicht gewesen und ein ratlos-amüsierter Zuschau-Zustand ist bisweilen auch ganz schön. Wir singen jetzt erstmal ein Lied.


» Tartuffe
Regie Martin Laberenz,  Bühne Volker Hintermeier, Kostüm Aino Laberenz, musikalische Leitung Friederike Bernhardt. Mit Vanessa Loibl, Susana Fernandes Genebra, Sarah Franke, Lisa Natalie Arnold, Andreas Schlager, Jonas Steglich, Sebastian Grünewald, Henning Hartmann, Hagen Oechel. Live-Musik Friederike Bernhardt und Johannes Cotta

Wieder am: 5., 19. und 26. Mai, Schauspiel Hannover