in der theaterfalle – kay voges mit thomas bernhard am schauspiel dortmund

Mit Thomas Bernhards Theatermachern unternimmt das Schauspiel Dortmund einen vielfachen Wahnsinnsritt direkt hinein in die Theater-Himmel-und-Hölle, an dessen Ende man sich verwundert die Augen reibt: wie zum Henker ist man denn jetzt von dem kraftvollen, aber gesittet kammerspieligem Beginn in diesem überbordenden, surrealen, großartigen Theaterwahnsinn gelandet?

Theatermacher © Birgit Hupfeld

Runde 5 Theatermacher © Birgit Hupfeld

Die Ouvertüre vorm samtigen Vorhang scheint unschuldig auf hohe Theaterkunst im gediegenen Ambiente einzustimmen. Aber kaum öffnet sich letzterer, finden wir uns in einem Provinz-Betonkeller wieder, wie man sich ihn trister schwer vorstellen kann. Hier – sozusagen im Upside Down des imaginären Utzbach – findet sich der große Staatsschauspieler Bruscon wieder. Der ist auf Provinz-Tournee mit seinem eigenen Stück, einem Werk, das nicht weniger sein will als die Komödie aller Komödien. Das einzige, was das Theaterglück stört, sind die anderen: allen voran Gattin, Sohn und Tochter, die seiner Ansicht nach talentlosesten Schauspielern ever; das Publikum, die Kritiker und der Utzbacher Brandschutzbeauftragte, der die Löschung des Notlichtes verwehrt.

Wenn es am Ende meines Stückes nicht
absolut finster ist, ist alles kaputt!

Der Theatermacher Bruscon bestellt Fritattensuppe für alle und macht zwischen Ankunft und Auftritt nicht anderes als seine Familie so gewohnheitsmäßig wie cholerisch zur Sau, dass es der blanke Horror, künsterlisch aber natürlich die helle (Schauspiel)Freude ist. Beim großkopferten Rundumschlag in bös-intelligenter Bernhardscher Manier bekommt dabei jeder sein Fett weg – die Provinz, die Kritik, die Frauen, das Publikum – vor allem aber das Theater.

Jahrelang treten wir auf
und keiner versteht was.

In den oben errwähnten Differenzen der hehren Kunst mit den eisernen Regeln des zuständigen Feuerwehrmannes spürt man dabei durchaus noch den Frust des inzenierenden Intendanten, den noch vor Kurzem eben solche Brandschutzauflagen zwangen, irgendwo im Nirgendwo an der Dortmunder Peripherie zu spielen. Das schwingt schön subtil wie nebenbei mit in einem Abend der ein herrliches, bösartig-ätzendes, kluges Theater auf dem Theater ist: mit immer neuen, überraschenden Umdrehungen, in gefühlter Endlosschleife und mit einem ganz wunderbaren Ensemble.

Theatermacher © Birgit Hupfeld

Theatermacher © Birgit Hupfeld

Star und roter Faden des Abends ist Andreas Beck. Im ersten Teil ist er im kammerspielartigen Setting ein wuchtiger, kraftsaftiger Bruscon, der aus reinem Selbstekel seine Umwelt tyrannisiert und dabei zusammen mit Uwe Rohbeck als Utzbacher Wirt ein gnadenlos-herrliches Pat-und-Paterchon-Pärchen abgibt. Das allein ist schon extrem sprachwitzig und doppelbödig-gehaltvoll. Doch das war erst die Vorhölle, dabei bleibt es mitnichten. Genauso Bernhard in seinen Stücken mittels Wiederholungen den schmerzenden Punkt erst mal sorgfältig einkreist, bevor er kraftvoll draufhaut, so macht es Voges hier mit seiner Inszenierung: ist’s zu Ende, beginnt es noch mal von vorn.

Und noch mal, und noch mal: Der Theater-Aufzug (über der Bühne ist angezeigt, in welcher Etage wir uns gerade befinden) fährt immer schneller auf die nächsthöhere Eskalationsetage. Das Personal wechselt die Rollen, alles wird immer dichter, immer komprimierter, immer schräger. Ein bisschen so, als gösse man den Bernhard durch einen sich verengenden Trichter bei gleichbleibenden Druck auf immer neue Schmerzpunkte: Aus dem Hitler-Bild, dass in der hintersten Ecke des Provinzwirtshauses überlebt hat, wird der Genosse Stalin wird Alice Schwarzer; aus dem harmlosen Blutwursttag wird eine fulminante Horrorshow, der gebrochene Arm des schauspielenden Sohnes steigert sich zum Ganzkörpergips, die Sprache wird derber, der Witz – Intendantenpimmel! – brachialer.

Theatermacher © Birgit Hupfeld

Theatermacher © Birgit Hupfeld

Wir sehen eine Glamour-Punkrock- (mit einer tollen Xenia Snagowski) und eine fast noch schrägere, atonale Opernversion mit Christian Freund an den Vocals. Die niedergemachten Frauen – allen voran mit ganzem Einsatz Janine Kreß – kämpfen sich aus der #metoo-Opferrolle an die (Theater)Macht und wenden die (sprachlichen) Waffen frisch geschärft gegen die Herren der Schöpfung. Eine der letzten und fast die eindrucksvollste Version lässt nur noch die Schimpfwörter der Brusconschen Tiraden über die Bühne flackern, auf der lauter kleine Hitlers im Tutu tanzen.

Theatermacher © Birgit Hupfeld

Theatermacher © Birgit Hupfeld

Durch die böse-bunte Freakshow irrt gen Ende ein verletzlicher und verletzter, ein gequälter Bruscon, theaterblutbeschmiert im hinten offenen Krankenhaushemd und wie im Irrenhaus nach der Zwangseinweisung. Wieder ist es der großartige Andreas Beck, der jetzt auf uns zeigt, aufs Publikum:

Ihr habt das Theater zerstört!

Das Theater ist tot, es lebe das Theater! Vor allem ein solches, das neben allen gekonnten und gewitzten formalen Finessen eine Kraft und eine Leidenschaft ausstrahlt und etwas zu sagen hat! Denn dieser herrliche Theaterwahnsinn mit Hintersinn macht nicht nur einen Riesenspaß, er ermöglicht auch immer wieder überraschend-erschreckende Einsichten und reichlich Einladungen zur Querdenken.

Der Ausbruch aus der Endlosschleife kommt im Übrigen nach Runde X qua augenzwinkerndem Deux ex Technika: Wegen eines technischen Problems sollen doch bitte alle das Haus verlassen. Zum Glück ist die Notbeleuchtung eingeschaltet ;).


» Der Theatermacher
Von Thomas Bernhard. Regie Kay Voges. Bühne Daniel Roskamp. Kostüme Mona Ulrich. Licht Sibylle Stuck. Video Mario Simon. Mit Andreas Beck, Janine Kreß, Christian Freund, Xenia Snagowski und Uwe Rohbeck

Wieder am: 6. und am 7. Mai sowie am 24. Juni 2018, Schauspiel Dortmund