was ist denn eine operninstallation? surreales mit wagner, marx und bald mit meyer im hallenser operncafé

Wer sich für modernes, ungewöhnliches, spannendes und verstörendes Theater interessiert, sollte die Oper Halle im Auge behalten. Neben großer Oper auf großer Bühne gibt es dort auch kleine Formate, so z.B. die Reihe „Das Kunstwerk der Zukunft“, Untertitel. „Nach Richard Wagner und Karl Marx“. Wir haben die Ausgabe vier besucht und freuen uns schon auf Nummer sechs, zu der Clemens Meyer und Johannes Kirsten am 21. März ins Hallenser Operncafé zurückkehren.

Das Kunstwerk der Zukunft IV © Falk Wenzel

Das Kunstwerk der Zukunft IV © Falk Wenzel

Wer sich für modernes, ungewöhnliches, spannendes und verstörendes Theater interessiert, sollte die Oper Halle im Auge behalten. Neben großer Oper auf großer Bühne gibt es dort auch kleine Formate, so z.B. die Reihe „Das Kunstwerk der Zukunft“, Untertitel. „Nach Richard Wagner und Karl Marx“.

Für die vierte Ausgabe hat Chefdramaturg Michael von zur Mühlen, der künstlerische Leiter der Reihe, Thomas Goerge und Daniel Angermayr eingeladen, die u.a. an Christoph Schlingensiefs Bayreuther Parsifal beteiligt waren. Ihre Inszenierung bezeichnen sie als oneirologisches Happening (Oneirologie ist die Traumdeutung). Dazu haben sie aus dem Operncafé eine begehbare Installation gemacht, in der dem Besucher Figuren aus Wagners Ring begegnen. Rheintochter Wellgunde hat es sich im Badezimmer in der Wanne gemütlich gemacht, Göttin Erda kocht in der Küche Tote Oma, Mime beaufsichtigt im Spielzimmer gleich drei kleine Siegfrieds, auch Fafner, Wotan und Alberich sind da.

Das Kunstwerk der Zukunft IV © Falk Wenzel

Das Kunstwerk der Zukunft IV © Falk Wenzel

Aber man trifft nicht nur Nibelungenpersonal. In einem Raum sitzen drei Kohlekumpel und beschäftigen sich unter Anleitung einer Dame in Kittelschürze mit Texten, die von Karl Marx stammen könnten. Ein riesiger Affe bewegt sich brummend zwischen den Zuschauern umher. Mit dabei ist auch eine Figur mit Hasenkopf, die zwei Fahnen schwenkt, „Silberhöhe“ und „Goldtiefe“ steht darauf.  Diese Figur erinnert mich an Lewis Carrolls Wunderland und insgesamt wurde mit der Ankündigung eines Abends, der nach der Logik surrealer Träume funktioniert, nicht zuviel versprochen.

Leider gibt es zu Beginn eine schlechte Nachricht – der Hauptdarsteller, Lionel Poutiaire Somé, ein Schauspieler und Filmemacher aus Burkina Faso, wird fehlen, zum Glück hat man ganz kurzfristig Ersatz gefunden, so dass der Abend stattfinden kann, wenn auch nicht ganz in der ursprünglich gedachten Form. Das mag eine Ursache dafür gewesen sein, daß nach einer reichlichen halben Stunde auch schon wieder alles vorbei ist. Das ist das einzige Manko des Abends  – er ist einfach zu kurz. Man schafft es kaum, alle Räume der Installation zu besuchen, davon, dass man überall etwas länger zuhören könnte, kann erst gar nicht die Rede sein.

Das Kunstwerk der Zukunft IV © Falk Wenzel

Das Kunstwerk der Zukunft IV © Falk Wenzel

Das ist schade, denn die Liste der Quellen, aus denen sich die Textcollage speist, ist lang: Marx und Wagner ja sowieso, aber auch Engels, Nietzsche, Slavoj Žižek, Das Akzelerationistische Manifest und viele andere sind dabei. Mal ist es nur das Kochrezept für Tote Oma, das da geboten wird, dann hört man, dass Alberichs Zwerge nicht nach Gold, sondern nach Coltan suchen. Untermalt wird das alles von viel Musik, nicht nur von Wagner, dazu kommt eine auf mehreren Bildschirmen sichtbare Videoschleife. Genug Stoff also, um sich zwei oder drei Stunden zu beschäftigen, zuzuhören und sich auf Assoziationen einzulassen.

Aber es mag auch das Konzept eines „oneirologischen Happenings“ sein: Plötzlich ist Schluss, so wie man auch aus einem Traum erwacht und oftmals Mühe hat, die Bilder des Traums im Gedächtnis zu behalten. Trotz der Kürze aber bleibt es ein spannendes und zugleich verstörendes Theatererlebnis mit Elementen von Oper, Happening und Fluxus, in einigen Momenten fühlte ich mich fast in eine SIGNA-Performance versetzt, auch wenn es kaum Interaktionen gab.

Auf jeden Fall ist es aber ein Format, mit dem man auch ein Publikum abseits der klassischen Opernfreunde gewinnen könnte. Es ist der Oper Halle zu wünschen.



Im März werden Clemens Meyer und Johannes Kirsten ihre Überlegungen zum Kunstwerk der Zukunft präsentieren. In der Ausgabe VI „Der Herr der Nibelungen oder mein Schatz gehört dem Volk“ wird sich Clemens Meyer mit seinen bewährten Mitstreitern, dem Musiker und Maler Enrico Meyer, dem Dramaturgen Johannes Kirsten und dem ehemaligen Braunkohlebaggerfahrer Frank Hankel durch Wagners Ring pflügen, wie einst die Radbagger auf der Suche nach dem braunen Gold Mitteldeutschlands.

„Wanderer, der du da gangest, das Kunstwerk der Zukunft wirst du nicht in luftigen Höhen, finden nein, graben muss man, im Dreck, im Schlick in der Erde Mitteldeutschlands wir graben nach der Zukunft, dabei hatten wir sie doch schon einmal, wir lebten im Land der Zukunft das jetzt Vergangenheit ist – Schmarrn, gebt mir einen Schaufelradbagger und einen Panther und wir walzen alles weg, dann erst wird Zukunft entstehen, aus dem Dreck und wie immer live und improvisiert.“


» Kunstwerk der Zukunft VI „Der Herr der Nibelungen oder mein Schatz gehört dem Volk“
21. März und 4. April 2017, 20 Uhr, Operncafé Halle