ist denn überhaupt noch jemand da? castorfs tschewengur am schauspiel stuttgart

Frank Castorf ist für sein Interesse an russischen Romanen bekannt. Nach diversen Dostojewski-Inszenierungen hat er jetzt bei seiner ersten Regiearbeit in Stuttgart einen neuen Autor für sich entdeckt. Einen, den manche Literaturkenner in eine Reihe mit Joyce, Musil und Kafka stellen, der aber dem breiten Publikum kaum bekannt ist. Was von Dichter und Inszenierung zu halten ist, berichtet Thomas Pannicke aus Stuttgart.

Andrej Platonow hatte wegen seiner kritischen Auseinandersetzung mit der sowjetischen Gesellschaft große Schwierigkeiten, in der Sowjetunion gedruckt zu werden. Sein Roman „Tschewengur“ erschien dort erst mit Glasnost und Perestroika. Dass Stalin kein Gefallen an diesem Werk fand, erscheint uns heute logisch – zu eindeutig zeigt Platonow die Irrwege auf, auf die die Bolschewiki nach 1917 geraten sind. Stalin soll Platonow als Dreckskerl bezeichnet haben, allerdings ist er nie verhaftet worden.

Worum geht es in „Tschewengur“? Die Hauptfiguren Sascha Dwanow und Stepan Kopjonkin sind unterwegs im nachrevolutionären Russland, Kopjonkin als eine Art Don Quijote auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“ und auf der Suche nach dem Grab Rosa Luxemburgs. Dwanow ist der Sohn eines Fischers, der sich aus „Neugier auf den Tod“ ertränkt hat. Sie hören auf ihrer Reise vom Steppen-Dorf Tschewengur, wo der Komunismus Wirklichkeit geworden sein soll. Was sie dort erleben, hat mit der Utopie nicht viel zu tun: Chaos regiert, die „bürgerlichen Kräfte“ werden vertrieben oder getötet. Das erhoffte Paradies, in dem selbst der Tod besiegt werden soll, kann die Handvoll Boschewiki nicht errichten.

© Thomas Aurin

© Thomas Aurin

Aleksandar Denis Bühnenbild beherrschen eine Lokomotive (Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte, wie wir seit Marx wissen), die den Namenszug von Josef Stalin trägt, und eine riesige Windmühle mit einem Porträt Rosa Luxemburgs. Außerdem sehen wir einen roten Lada, einen mit Stacheldraht umzäunten Hof, eine Bretterhütte, die auf einem Schild hochtrabend als „Klub“ bezeichnet wird, und diverse andere Innenräume, aus denen ein Großteil der Handlung auf zwei Leinwände übertragen wird.

Der Abend beginnt mit einem Auftritt von Andreas Leupold, der zusammen mit Katharina Knap und Hanna Plaß einen kurzen Überblick über Platonow gibt. Mehrfach hat dieser zum Beispiel Gorki um Hilfe gebeten, dabei die Frage gestellt: „Darf ich ein sowjetischer Schriftsteller sein?“ Eine Antwort hat er nicht bekommen. Dann beginnt die eigentliche Geschichte, bei der es eine eindeutige Zuordnung der Figuren zu den Schauspielern nur sehr bedingt gibt. So fällt es manchmal schwer, genau zu wissen, wer da gerade auftritt. Aber es ist ja nicht so, dass man das von Castorf nicht gewöhnt wäre.

Auch eine durchgängige Handlung ist kaum zu erkennen, dafür viele einzelne Episoden aus dem Roman. Heiner Müllers Engel der Verzweiflung erscheint und als Pausen-Cliffhanger gibt es ein Schostakowitsch-Ballett (Sandra Gerling, die an diesem Abend wie eine Mischung aus Kathrin Angerer und Sophie Rois wirkt) und einen Säbeltanz (Astrid Meyerfeldt) mit zugehöriger Militärparade (Matti Krause). Absurd erscheint eine Versammlung der Bolschewiki: Versammlungsleiter Horst Kotterba legt Wert darauf, dass es immer eine Gegenstimme (dafür muss Manja Kuhl herhalten) und eine Stimmenthaltung gibt und überhaupt müsste man sich doch mindestens zweimal täglich zur Versammlung treffen, damit der Lauf der Welt nicht einfach so vorüberzieht.

© Thomas Aurin

© Thomas Aurin

Doch vor allem wird viel gestorben an diesem Abend: Ganz zu Beginn Saschas Vater, dann ein Einsiedler, ein Baby, Angehörige der Bourgeoisie usw. Am Ende regiert der Tod total: Per Video sehen wir die Bewohner von Tschewengur durch ein Maisfeld hetzen. Die Soldaten, die bei Platonow die Dörfler töten, sieht man nicht – dafür aber viel Kunstblut und Todeskampf. Am Ende überlebt nur Sascha das Gemetzel (Johann Jürgens), der sich dann im selben See ertränkt, in dem schon sein Vater den Tod suchte und fand. Eine düstere Dystopie hat Platonow hier entworfen. Dass das ein gefundenes Fressen für Castorf ist, verwundert nicht, hat er doch mit der „Reise ans Ende der Nacht“ oder „Kaputt“ schon andere Romane mit einer ähnlich pessimistischen Weltsicht auf die Bühne gebracht.

Irgendwann weit nach der Pause steht Wolfgang Michalek am Bühnenrand, schaut in den Zuschauerraum und fragt: Ist denn überhaupt noch jemand da? Fünf Stunden muss man als Zuschauer ziemlich konzentriert bleiben, um dem Geschehen folgen zu können, ehe dann die erwähnte großartige finale Sterbeszene im Maisfeld stattfindet. Und es geben doch einige vorher auf. Die am Ende noch Verbliebenen, vielleicht 100 an der Zahl, sind dann aber ganz offensichtlich begeistert. Und das zu Recht!


» Tschewengur, Schauspiel Stuttgart
Regie: Frank Castorf. Mit: Sandra Gerling, Johann Jürgens, Katharina Knap, Horst Kotterba, Matti Krause, Manja Kuhl, Andreas Leupold, Astrid Meyerfeldt, Wolfgang Michalek, Hanna Plaß
Video: Tobias Dusche, Daniel Keller, Philip Roscher, Phillipp Reineboth

Am 8. April zum letzten Mal in dieser Spielzeit in Stuttgart, danach ist die Inszenierung noch bei den Wiener Festwochen zu sehen.