it takes two to tango … for the road – jürgen kruses pinter-doppel am schauspiel frankfurt

Seit Oktober läuft auf der kleinen Bühne des Schauspiel Frankfurt nun die schon vierte Jürgen-Kruse-Inszenierung in (jährlicher) Folge: Ein Harold-Pinter-Doppelabend ist es diesmal und so krust cruist der Leipziger Fan erneut an den Main und findet sich ein wenig erstaunt in einer gar nicht wie gewohnt überbordenden, sondern eher recht aufgeräumt-konzentrierten (Folter)Höllenweltkugel wieder.

Oder besser: davor: Denn Kruse-Welt-Raum-Ausstatter Volker Hintermeier hat die Nordhalbkugel unserer schönen Erde raumfüllend auf die Frankfurter Kammerspiel-Bühne gestellt: für Kruse-Verhältnisse eher sparsam möbliert, die Meridiane dafür dick wie Gitterstäbe. Ein eisernes Weltgefängnis, ein düsterer Folterkeller.

Und genau das verhandelt der erste Pinter des Doppelabends – One for the Road. Ein Monolog ist das eigentlich, der des Folterknechts Nicholas. Der ‚verhört‘ eine Kleinfamilie – Vater, Mutter, Sohn – weswegen, spielt hier keine große Rolle. Dass dieser Nicholas zu brutaler Gewalt neigt, wird dabei infamerweise nur an seinem Opfer deutlich: Isaak Dentler schleppt sich als Victor mit verklebten Augen und permanent Blut und Zähne spuckend von links nach rechts und wieder nach links durch die Halbweltkugel.

I can do absolutely
anything I like. Do you think I’m
mad? My mother did ..

Auf den ersten Blick ganz harmlos rollt Oliver Kraushaar auf einem Schreibtischstuhl zwischen seinen Opfern und der Whiskyflasche – trinken Sie? … just one for the road? – hin und her. Dass mit dem Kerl was nicht stimmt, wird aber recht schnell klar: Unter der leutseligen Fassade fließt eiskaltes Blut: Kraushaars silbenzerdehnender, wortschleifenbildender Nicholas zeigt eine fast unerträgliche Jovialität der Grausamkeit: die pure Lust am Quälen.

Eine konzentrierte, dunkle Energie funkt da zwischen den dreien auf der Bühne. Aber irgendwie fehlt hier trotzdem etwas, und während man noch überlegt, was genau das ist und ob man sich fragen darf, wer hier eigentlich wessen Geschöpf ist, ist auch schon zack: Licht an – Pause …

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Nach selbiger ist die Welt etwas in den Hintergrund gerückt. Vorne jetzt Spinde, zwei Metallbetten, Nachtische, Lampen – wir bleiben im Keller, aber jetzt in jenem, in dem die zwei Profikiller Gus und Ben auf den nächsten Auftrag warten. Die Qual dieser Stunde heißt jetzt Langeweile, gestört wird sie nur durch den stummen Diener, der zuverlässig Essensbestellungen aus einer anderen Zeit, wenn nicht gar aus einer anderen Welt bringt – die die beiden Herren natürlich nicht erfüllen können.

Statt Blut und Zähnen werden jetzt Kalauer gespuckt und es linst der verquere Sprachwitz um die Ecken. Das ist herrlich absurd und natürlich großartiges Futter für zwei großartige Schauspieler: Zeitungslesend zunächst-mal-nur die Zeit totschlagend; wortspielend scheiternd schon beim Versuch – Gus ist alle! – einen Tee zu kochen oder irgendwie mit der Welt da oben zu kommunizieren. Dem hätten wir gerne noch länger zuschauen mögen.

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

So light hearted, wie die Komödie tut, ist sie natürlich längst nicht. Alexandra Finder, die gequälte Seele, das zweite Folteropfer von eben, hat sich hinübergerettet in den zweiten Pinter und treibt sich – noch immer blutbefleckt, mittlerweile aber zudem engelsbeflügelt und in den Armen ein Kind wiegend – im Bühnendunkel herum. Was auch immer sie da geboren hat: es trägt eine grässliche Fratze.

Nur: irgendwie will der doppelte Boden hier insgesamt nicht so recht ins Schwingen kommen, die sonst so intensive Krusesche Bühnenenergie nicht so ganz rüberschwappen in den Zuschauerraum.  Wo ist er denn heute, der Weltenerschaffer, der Bühnenzauberer? Wo sich sonst in jeder Ecke tausend Sachen entdecken lassen, scheint wer aufgeräumt zu haben. Selbst die sonst unvermeidlichen Degen haben zwar ihren Auftritt, aber keiner kreuzt die Klingen.

Haben wir nur die Antennen nicht richtig justiert oder hat dem alten Theatermagier der Sinn heuer nicht nach Zaubern gestanden? So bleiben wir ein bisschen ratlos zurück. Und ein wenig traurig. Und hoffen wieder auf ein bisschen mehr co-regierten Tango next time, irgendwo in dieser seltsamen Halbwelt Theater.


» Der stumme Diener/One for the road
Kammerspiele des Schauspiels Frankfurt
Co-Regie Jürgen Kruse. Bühne Volker Hintermeier. Mit Oliver Kraushaar, Isaak Dentler und Alexandra Finder

Nächste Vorstellungen am 11. (20 Uhr) und 12. März 2017 (18 Uhr)