laufen rennen kaufen hetzen jagen – sascha hawemann inszeniert „wolf unter wölfen“ in hannover

Klamottenberge in holzvertäfelter Kaufhausatmosphäre unter Milchglaslicht, so präsentiert sich dem Zuschauer die erste Szene nach dem Eisernen Vorhang, und aus diesen Klamottenbergen schält sich über die ersten Minuten eine Arbeiterschaft heraus, die uns kurz danach recht aufgebracht im Sprechchor ins Geschehen einweist: Deutschland. 1923. Inflation. Alles geht den Bach runter.

Und dann geht es los, das „laufen rennen kaufen hetzen jagen“ – Sascha Hawemann inszeniert mit einer 1A-Besetzung Hans Falladas Tausend-noch-was-Seiten-Roman „Wolf unter Wölfen“ am Schauspiel Hannover und jagt durch Szenen, Personenkonstellationen und Orte, dass einem mitunter der Kopf schwirrt.

Hauptfigur ist da erstmal der arbeitslose Wolfgang Pagel (Hagen Oechel), der will seine Petra (Johanna Bantzer) heiraten – kostet aber alles Geld, also zieht er los und versucht auf diversen Wegen welches zu organisieren. Während er sich da verzettelt, wird seine Liebste von der Vermieterin Frau Thumann (herrlich rotzig und berlinernd: Sarah Franke) aus der Wohnung geworfen und als der Pagel dann mit Geld wiederkommt, hat er sonst nix mehr. Petra landet, der Prostitution verdächtigt, im Knast, Pagel wird von seinem alten Vorgesetzten, Rittmeister von Prackwitz (Christian Kuchenbuch), angeheuert, ihm auf seinem Landgut in Neulohe unter die Arme zu greifen. Dort gibt’s dann dieselben Probleme, nur anders: Pagel (inzwischen gespielt von Günther Harder) gerät zur Nebenfigur und das Hauptgeschehen dreht sich um den Knebelpachtvertrag und die durchaus schwierige Ehe nebst pubertierender Tochter des Ehepaars von Prackwitz. Und über allem schweben Inflation und Politik.

Und über allen die Inflation. (c)Katrin Ribbe

Und über allen die Inflation. (c)Katrin Ribbe

Die Menschen sind Jäger, Gejagte, Spieler, Gewinner, Verlierer – Getriebene, darum bemüht, ihren Stand zu erhalten und nach außen ein gutes Bild abzuliefern. Wo sich Pagel auf dem Land wieder fängt und zu sich und später auch zu seiner Petra zurückfindet, gerät Prackwitz zunehmend ins Schlingern und will sich am Putsch gegen die Regierung beteiligen, denn „irgendwo muss man ja hingehören in diesen schwierigen Zeiten“, das stellt er schon am Anfang fest. Berührenderweise merkt man ihm aber an, dass er nirgendwo hingehört, sondern nur so mitläuft und auch hier bezieht er sich sehr schön auf eine vorher getroffene Aussage: „Etwas ändern? Nee, hier geht es darum, ob du mitmachst oder nicht!“

Und was ist mit der Liebe in diesen schwierigen Zeiten? Gibt es die noch, wenn jeder darum bemüht ist, überhaupt in der Welt zu bestehen? Natürlich, der Mensch liebt immer irgendwie, oder will geliebt werden, und sei es nur, um sich irgendwo verorten zu können. Und so blitzt sie auf, die Liebe, immer mal wieder, zwischen den ganzen Geldgeschichten und der Politik, und dann greifen die Figuren nacheinander oder stoßen sich weg und am Schluss, als das gnädige Fräulein Violet von Prackwitz (Carolin Haupt) seelisch zerstört und halb ohnmächtig am Boden liegt, stellt ihre Mutter trocken fest: „Nu isses doch ne Liebesgeschichte geworden.“

Die Bühne von Alexander Wolf löst sich mit zunehmender Handlung immer mehr auf – vom beengten Kaufhausflair verschwinden Wände und Decke, die Klamottenberge werden weggefegt, man könnte meinen, der Mensch befreit sich von unnötigem Ballast. Dreieinhalb Stunden lang häufen sich Geschichten, Figuren, Nebenhandlungen, ja, die Irrungen und Wirrungen des Lebens. Da ist die Gefahr groß, dass der Überblick verloren geht und die Geschichte ein bisschen ausfranst. Was sie auch tut, vornehmlich im langen ersten Teil bis zur Pause. Ein wenig mehr des roten Fadens wäre hier wünschenswert gewesen. Die Spieler allerdings liefern allesamt eine tolle Leistung ab – es macht große Freude, ihnen zuzusehen: seien es Günther Harder als sächselnder Oberwachtmeister, der über die Welt nachdenkt (1,2,3 – fertsch!), Carolin Haupt als ver-koks-te Varietédame oder auch Rainer Frank, der als Kaufhausvorsteher Studmann versucht, seine Mannschaft zu befehligen – um nur einige zu nennen. Es gibt viel zu lachen und später auch zu schniefen in dieser bunten, langen, vollgestopften Inszenierung, aber: wohin führt das Ganze? Worauf läuft dieser ganze Verwirrungs – und Hoffnungsbrei hinaus?

Nun, die Figuren wissen es noch nicht, der Zuschauer schon: Der skeptisch aber doch mit Hoffnungen erwartete Putsch ist Vorbote radikaler politischer Veränderungen und auf der leergefegten Bühne steht am Schluss dann urplötzlich nur noch ein großes, leuchtendes Hakenkreuz.

Die Figuren setzen wohl Hoffnung in die neue Ordnung, in der man womöglich wissen soll, wo man hingehört, der Zuschauer aber weiß: das Gerenne und Gejage bis eben war gar nix – der große Klotz kommt erst noch. Arme, arme Menschen.


>>Wolf unter Wölfen nach Hans Fallada
Regie: Sascha Hawemann
Es spielen: Johanna Bantzer, Sarah Franke, Günther Harder, Christian Kuchenbuch, Wolf List, Hagen Oechel, Andreas Schlager, Rainer Frank, Carolin Haupt
Nächste Vorstellungen: 20., 23., 30. Januar, Staatsschauspiel Hannover