love is a battlefield – ein sommerlich-spritziger akt vorm gohliser schlösschen

„Der Streit“ heißt Stück aus dem Jahr 1744, mit dem das Schauspiel sein diesjähriges Sommertheater am Gohliser Schlösschen im wahrsten Wortsinn … bestreitet. Wobei der französische Titel „La Dispute“ fast noch ein wenig besser passt, denn einem solchen wohnen wir bei. Beziehungsweise dem, das jenem zwischen Fürstin und Fürst folgt.

… love is blindness

Der eher theoretischen Streitfrage nämlich – ob Mann oder Frau Untreue und Falschheit in die Welt gebracht haben – versucht der Herr mit einem praktischen Experiment beizukommen: Zwei Mädchen und zwei Jungen werden völlig isoliert voneinander und der Außenwelt aufgezogen. Allein zwei Bezugspersonen sind ihnen gleich; alles, was sie von denen lernen, ist die gemeinsame Sprache.

© Rolf Arnold

© Rolf Arnold

Nach 18 Jahren (Ausdauer hat er ja, der Fürst) werden sie aufeinander losgelassen. Oha. Die erste Entdeckung des anderen (und später des eigenen) Geschlechts ist ganz arg hinreißend. Unschuldig ist sie in keinem Moment: Entdeckt doch vor allem Frau vor allem sich selbst und …

Ich habe ein Objekt erworben!

… degradiert den Mann ohne Umschweife auf den bloßen Sachwert, bemessen an der eigenen Eitelkeit. Was sich dann so Liebe nennt. Bald läuft die Versuchsanordnung äußerst leidenschaftlich, hochkomisch und im Wortsinn sehr spritzig über und schließlich völlig aus dem Ruder.

Auf dem Bühnen-Laufsteg mit Badetümpel zwischen den beiden Zuschauerpodesten kommen die vier Versuchskaninchen in wilde Wallungen und fallen wechselseitig übereinander her. Und das macht einen Heidenspaß. Sehr fein, wie sich Alina Heipes Eglé fürderhin ins eigene Spiegelbild verliebt und der ebenso hysterischen Konkurrentin (Nina Siewert) an die Gurgel geht. Schlichtweg zum Anbeißen und dabei verdammt komisch der überdrehte Azor Timo Fakhravars, der vor lauter Testosteron gar nicht mehr weiß, wohin mit sich und auch ganz gern am Geschlechtsgenossen Mesrin (wunderbar stoisch – Andreas Dyszewski) hängenbleibt.

Sind Sie überhaupt der, auf ich warten soll, bis er mich küsst?

Bettina Schmidts Fürstin lustwandelt trutzig auf dem schmalen Pfade zwischen überlegenem Wortwitz auf der einen und einsamen Selbstzweifeleien auf der anderen Seite; Thomas Braungardts anfangs deklamierendes Fürstchen lässt gen Ende durchaus berührend die Maske fallen. Einmal mehr als Seele vom Janzen im Einsatz ist Markus Lerch als Diener Mesrou. Ob missmutigst-grimmig oder liebvoll-zärtlich – er muss nur ein paar Blicke werfen und schon schwingt der doppelte Boden, bekommt der amüsierte Zuschauer die nötige Portion Melancholie und der Abend seinen roten Faden.

© Rolf Arnold

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Ein hübsch absurdes und sexy-überdrehtes Spiel ist das geworden. Und dabei eines, das sich nicht rasch und vollständig in sommerleichte Bedeutungslosigkeit auflöst, sobald der Vorhang fällt. Das verdankt sich neben dem super aufgelegtem Ensemble vor allem der zupackenden und gern auch mal choreografierenden Regie, die die Musik ihre eigene Rolle spielen lässt und den Mut hat, am Schluss  inhaltlich und ästhetisch noch mal ganz neue Denk- und Spielräume aufzumachen.

Und wer hat nun gewonnen? So ganz ist das nicht zu klären, obwohl Autor Pierre Calet so wenig schmeichelhaft wie eindeutig der weiblichen Natur Eitelkeit und Missgunst, der männlichen zumindest Kameradschaftlichkeit zuschreibt. Nur: Warum herrscht statt freier, unbeschränkter Liebe auch hier nur Besitzstandswahrung und  Gefallsucht, wo sie doch nichts weiter als kennen als die eigene Sprache? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.


» Der Streit
Regie Bruno Cathomas. Mit Alina-Katharin Heipe, Nina Siewert (Studio Schauspiel Leipzig), Bettina Schmidt, Thomas Braungardt, Markus Lerch, Timo Fakhravar, Andreas Dyszewski und Marcus Schinkel.

Next shows: 15.-18. und 22.-24. Juni, dann wieder im August. Sommertheater am Gohliser Schlösschen