mehr als kunstvolle musik und schöne bilder – aida an der oper halle

Ein wahrer Opernfreund ist unser Autor Thomas Pannicke nicht. Dass es ihn dennoch im letzten Jahr so oft in ein Opernhaus verschlagen hat, wie in den 50 Jahren zuvor zusammengenommen, ist die „Schuld“ der Oper Halle. Letzte Woche gab es dort Aida und die Erwartungen wurden wieder einmal nicht enttäuscht.

Aida an der Oper Halle. Foto: Falk Wenzel

Aida an der Oper Halle. Foto: Falk Wenzel

Es gibt sie, die Freunde der italienischen Oper. Und wenn „Aida“ auf dem Spielplan steht, strömen sie in Scharen, so jedenfalls am Opernhaus in Halle. Ich persönlich muss bekennen: ein wahrer Opernfreund bin ich nicht. Wahrscheinlich bin ich dafür einfach zu unmusikalisch. Üblicherweise ziehe ich Sprechtheater vor und deshalb scheinen mir Text und Handlung von so mancher Oper doch etwas seltsam.

Warum also gehe ich dann überhaupt in die Oper? Immerhin war ich im letzten Jahr so oft in einem Opernhaus, wie zuvor in 50 Jahren zusammengenommen. Klare Antwort: Daran ist die derzeitige Leitung der Oper Halle „schuld“. Florian Lutz, Michael von zur Mühlen und Veit Güssow sind mit viel Engagement und allen Widerständen zum Trotz (und die sind nicht gering) bestrebt, in Halle die Oper ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu holen, Musiktheater zu machen, das für die Gesellschaft relevant ist, das auf der Bühne aktuelle Themen verhandelt, ohne dabei alteingesessene Opernfreunde zu vergraulen. Wie schwierig dieser Spagat ist, hat die erste Spielzeit bewiesen.

Doch zurück zum aktuellen Geschehen: Vor einer Woche hatte in Halle „Aida“ in der Regie von Michael von zur Mühlen Premiere, ich habe die zweite Vorstellung besucht. Der Zuschauerraum ist schon zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung sehr gut gefüllt. Die Bühne wird von Vorhängen verhüllt, die die Bühnenumrahmung einer klassischen Theaterbühne zeigen. Vom „Portal der Halleschen Oper vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg“ ist im Programmheft die Rede. Kaum geht der Vorhang aber hoch, ist klar, daß hier eine moderne Inszenierung zu erwarten ist. Auf der leeren Bühne wird ein Video gezeigt. Man sieht die Leuchtschrift an einem Bus: „REISEGENUSS“, es ist ein Bus mit Flüchtlingen, die in einer deutschen Stadt von einem johlenden Mob begrüßt werden – Bilder, die vor einiger Zeit um die Welt gingen. Sofort ist klar, dass v. zur Mühlen versuchen will, seine Inszenierung in die Gegenwart zu holen. Ist eine klassische Oper denn dafür geeignet? Geht es da nicht um die „ewigen Themen“ wie Liebe, Treue, Eifersucht?

Schaut man etwas genauer auf diese Oper, wird schnell klar, wie politisch brisant sie ist. Verdi sollte sie eigentlich zur Eröffnung des Suez-Kanals und des zeitgleich eröffneten Opernhauses in Kairo komponieren. Sie war dafür zwar nicht rechtzeitig fertig, aber immerhin fand die Uraufführung von „Aida“ im Kairoer Opernhaus statt. Ein Opernhaus in Kairo? Auch hier klärt das Programmheft auf: „Über das Opernhaus in Kairo wurde nicht nur das Opernrepertoire, … sondern gleich ein ganzes Weltbild“ nach Afrika exportiert.

Vordergründig geht es in dieser Oper um Kämpfe zwischen Ägypten und Äthiopien irgendwann in grauer Vorzeit. Bedenkt man die Kolonialbestrebungen zur Zeit der Entstehung der Oper, könnte man allerdings auch sagen, Ägypten steht hier stellvertretend für Europa, das sich für die Hochkultur hält, die das Recht hat, andere Länder zu kolonialisieren. Ein Angriff der Äthiopier auf Ägypten wird gleich zu Beginn geschildert, aber allein die Tatsache, daß eine äthiopische Prinzessin (nämlich Aida) am ägyptischen Hof als Sklavin gehalten wird, macht klar, dass es für den Angriff der Äthiopier Ursachen gibt.

Aida an der Oper Halle. Foto: Falk Wenzel

Aida an der Oper Halle. Foto: Falk Wenzel

Mittlerweile sieht man Kulissen mit historischen Ansichten von Ägypten, der Chor tritt mit Kostümen und Frisuren auf, die man sofort dem ägyptischen Altertum zuordnet. Damit aber genug der Historisierung. Sängerinnen und Sänger tragen Kostüme, die ungefähr in die Entstehungszeit der Oper passen. Das war im 19. Jahrhundert durchaus üblich. Opern wurden oftmals zu einer Darbietung einzelner Gesangsnummern, die Sänger standen an der Rampe und richteten sich ans Publikum, Interaktion auf der Bühne und der Fortgang der Handlung waren eher Nebensache. Genau so scheint diese Inszenierung zu funktionieren, zumindest zu Beginn gibt es nach jeder Arie Szenenapplaus, der den Abend fast zur Nummernrevue macht. Im Schauspiel undenkbar, aber vielleicht in der Oper üblich?

Nicht üblich, wie einige Wortmeldungen im Zuschauergespräch zeigen, sind die wiederholten Videoeinblendungen. Für mich machen gerade sie den Abend interessant, regen zum Nachdenken an. Da hört man z.B. Ausschnitte aus Reden von Carolin Emcke oder Emmanuel Macron, da denkt Heiner Müller über die Oper nach, da sieht man Bilder verschiedener Menschenansammlungen: Herbst 89 in der DDR, arabischer Frühling, AfD und Pegida, Anti-Hartz IV-Demos. Dann trägt sogar einer der Ägypter Parolen vor, die man so auch von der AfD hört, nur daß das Wort „deutsch“ durch „ägyptisch“ ersetzt wurde.

Zum Triumphmarsch, einem der musikalischen Höhepunkte der Oper, werden Photographien von Hans Eijkelboom projiziert, die auch auf der letztjährigen Documenta zu sehen waren. Porträts von Menschen auf der Straße, die dadurch besonders werden, dass der Künstler sie in Gruppen zusammenstellt: Menschen mit gestreiften T-Shirts oder mit solchen, die eine Raubkatze zeigen; Menschen mit markanten Reklametaschen oder mit Regenjacken etc. pp. Die scheinbare Individualität der Menschen zeigt plötzlich uniforme Merkmale und paßt dadurch zum Einzug der siegreichen Uniformierten.

Aber nicht nur die „Regiezutaten“, auch das Libretto bietet so manches Nachdenkenswerte. Eine ältere Dame bringt es im Zuschauergespräch auf den Punkt: Sie hätte noch nie so sehr auf den Text geachtet und wäre deshalb an mancher Stelle erschrocken gewesen. Durchaus verständlich, denn auch mir ging es so, als der Chor der Ägypter ein Kriegsgeschrei anstimmte, Krieg und Tod dem Fremdling forderte oder rief: Vernichtet das Gesindel!

Vor einiger Zeit konnte man in „Theater der Zeit“ einen Artikel von Michael von zur Mühlen zu aktuellen Entwicklungen im Musiktheater lesen. Dass er es nicht bei der Theorie belässt, sondern auch erfolgreich bemüht ist, aktuelle und gesellschaftlich relevante Oper auf die Bühne zu bringen, kann man bei dieser „Aida“ erleben. Diese Art von Oper will mehr als nur kunstvolle Musik und schöne Bilder liefern. Wer sich zum Nachdenken anregen lassen will, wird einen spannenden Abend erleben. Ein besonderer Dank geht an den Bühnenbildner Christoph Ernst, dem es gelungen ist, im anschließenden Publikumsgespräch viele Aspekte des Regiekonzepts überzeugend zu erläutern.