minus mal minus ergibt plus – der minusmensch in der diskothek

Reproduktionsmedizin, Samenbank, social Freezing. Im Ernst – Soziales Einfrieren? Kinderwunsch und Wunschkinder im Zeitalter absoluter Familienplanbarkeit. Klingt eher steril als sexy. Aber, Überraschung – Dieser Minusmensch unterhält ganz vortrefflich im ewigen Eis der Zwischen(un)menschlichkeit …

Social Freezing = das Einfrieren unbefruchteter Eizellen ohne medizinischen Grund. Frauen, die sich ihren Kinderwunsch aktuell nicht erfüllen können, haben so größere Chancen auf eine spätere Schwangerschaft.

Ist es bald möglich, ohne Sex Kinder zu zeugen? fragt sich MDR Kultur gerade, während wir hier schreiben. Japanische Forscher hätten aus Körperzellen von Mäusen eine Eizelle entwickelt und künstlich befruchtet. Wissenschaftler könnten so Eizellenspenden überflüssig machen. Willkommen in der schönen, neuen Welt, willkommen im Minusmenschen.

© Rolf Arnold

Ist Brian Völkner Sophie Hottingers innerer Eisbär? © Rolf Arnold

Genau das kommt nämlich bei einer Kinderwunschbehandlung raus, wenn – wie im neuen Stück von Till Müller-Klug –  die Patientin Finanzexpertin ist und sich mit ihrem Arzt zusammentut, um die Fortpflanzung gewinnbringend zu revolutionieren. Disruptive Technologie ist das Zauberwort. Sex ist so was von oldschool.

Wirkt flüssiger Stickstoff auf biologische Uhren nicht ungemein beruhigend?

Was liegt auch näher? Es heißt ja nicht ohne Grund Samen-Bank. Sie – Mitte dreißig und vielbeschäftigte Finanzspezialistin –  nimmt das Wunschkindkriegen allein in die Hand. Von Spenderwahl bis Leihmutterschaft steht ihr der erfolgreiche Reproduktionsmediziner (Michael Pempelforth) zur Seite. Und während das Eltern-werden nicht so einfach gelingt wie das Älter-werden, entpuppt sich diese Partnerschaft businesstechnisch als Erfolgsmodell.

Ein kluger Theatertext ist das, der mit kleinen spitzen Eiszapfen Löcher in allzu ausgefeilte Lebensbaupläne piekst. Das kitzelt zumeist, es sind aber durchaus auch schmerzhaftere Stiche darunter. Steffen Klewar und seine drei Schauspieler machen daraus einen pointierten, witzigen, genauso lockerleichten wie leicht-melancholischen Abend, der trotz seiner blauweissen Labor-mit-Flokati-Atmosphäre ganz und gar nicht steril ist.

Unsere Wunschkinder zahlen ihren Zeugungskredit erst als Erwachsene zurück

Sophie Hottinger spielt „Sie“ wunderbar zwischen taffer Geschäftsfrau, Schneekönigin und besorgter Mutter-in-Spe, der der Drang, alles richtig zu machen bald zum Fulltime-Job wird (Es müsste eine Minuselternzeit geben!). Michael Pempelforth – zwischen Eskimo, Mediziner und Patenonkel – futtert moralisch unbekümmert Kinderschokolade und lässt sich geschäftlich nur zu gern an die Hand nehmen.

Wir nehmen sie alle! Brian-Time bei der Samenspenderwahl © Rolf Arnold

Wir nehmen sie alle! Brian-Time bei der Samenspenderwahl © Rolf Arnold

Per 90er-Fernseh-Show-Videowand (ihr erinnert euch?) wird der passende Spender gewählt und – und jetzt auf unserer Showbühne! – gleich leibhaftig vorgeführt und auf Eignung geprüft (Trinken Sie? Wie oft?). In allen Spender-Rollen, zudem als Praxisassistent, Wunschkind in der Zukunft und Ice-Ice-Baby-Bär absolut umwerfend: Ensemble-Neuzugang Brian Völkner.

Und dann sind da noch die Kinder. Jene ungezeugten Wunsch- aber Minuskinder, die sich aufmachen, ihr Leben im Konjunktiv zu beenden. Und bei allem Witz und Leichtigkeit packt einen die Inszenierung dann beinah ein bisschen hinterhältig beim emotionalen Schlafittchen. Mit stetem Flüstern, Videobildern von Kindern wie unter Eis …

There’s no chance for us
It’s all decided for us
This world has only one sweet moment set aside for us

… und sogar wenn man denkt, jetzt kommt’s doch ein bisschen dick und der rauhreifglitzernde Minuskinderchor Queens Who wants to live forever singt, krabbelt einem im nächsten Moment wieder die Gänsehaut die Arme hoch.

Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? Und hör ich da stimmen in der Eizellerei? © Rolf Arnold

Hör ich da Stimmen aus der reproduktionsmedizinischen Gefriertruhe? © Rolf Arnold

Gen Ende ist es dann der ein oder andere Dreh in Richtung Brave-New-Geschäftswelt und Zukunfts-Familienaufstellung zu viel. Aber das tut dem Abend, der sein Thema schön ambivalent in der Schwebe belässt, eindringliche, stimmige,warmblaugetönte Bilder malt und die Zuschauer so intelligent unterhält wie gekonnt auf dünnes Eis führt, keinen Abbruch.

Die Szene mit den Spender-Brians hätten wir gern nochmal gesehen. Wir kommen wieder!


» Der Minusmensch
Von Till Müller-Klug. Regie Steffen Klewar. Es spielen Sophie Hottinger, Michael Pempelforth, Brian Völkner und ganz reizende Leipziger Grundschulkinder.

Wieder am 29.10. und am 3. und 20. November