nordkurve #10
es gibt jetzt salat! ayad akhtars „geächtet“ am deutschen schauspielhaus

Im FAQ-Room geht das Deutsche Schauspielhaus Hamburg mit verschiedenen Veranstaltungen den „frequently asked questions der Gegenwart“ nach. Nummer vier dieser Reihe hatte vergangenen Samstag Premiere – die deutschsprachige Erstaufführung von Ayad Akhtars Erfolgsstück „Disgraced“, hierzulande „Geächtet“ genannt. Regie führte Klaus Schumacher, Leiter des Jungen Schauspielhauses im bereits zehnten Jubiläumsjahr. Wir haben uns die zweite Vorstellung angeschaut.

Die Bühne von Jo Schramm ist ziemlich leer. Hinten hängt über die ganze Breite ein Glitzer-Klimper-Perlenvorhang, dessen Schnüren man herrlich durch die Gegend schleudern kann; vorn steht eine feine blaue Sofagarnitur nebst Tischlein, Tablet, Smartphone, tralala. Das ist New York, besser gesagt das superduper-Luxus-Appartment von Amir (Carlo Ljubek), Anwalt und Emily (Ute Hannig), Malerin. Amir ist pakistanischer Amerikaner, der dem islamischen Glauben abgeschworen hat und sich auch sonst von seiner Herkunft distanziert, Emily, Amerikanerin, ist fasziniert und inspiriert von der islamischen Kunst und nicht zuletzt auch von ihrem Göttergatten. Zur Dinnerparty kommen Amirs Kollegin Jory (Isabelle Redfern) und deren Mann Isaac (Samuel Weiss) – Kunstkurator und jüdischen Glaubens. Und dann gibt’s da noch Amirs Neffen Abe (Jonas Hien), der noch vor der Party auftaucht und seinen Onkel überredet, einen Imam vor Gericht zu unterstützen. Die Folgen davon sind komplizierter als man vermuten mag, der Gesprächs- und emotionale Zündstoff dementsprechend ausufernd.

Lecker Fenchelsalat. (c)Thomas Aurin

Lecker Fenchelsalat.  © Thomas Aurin

Besagte Dinnerparty nun bildet das Herzstück von „Geächtet“. Sie beginnt mit Smalltalk, Witzeleien und aufgesetzter Geselligkeit, wie man das eben so macht, und weitet sich dann zu einem dicken Identitätskonflikt aus. Amir kritisiert zunächst den Koran, den Islam, seine ganze Erziehung, wie er das immer macht und was Interesse beim Besuch entfacht. Mit fortlaufender Diskussion positioniert er sich aber zunehmend auf der „Seite“ der Moslems („das steckt einfach in den Knochen“) und katapultiert sich in die Opferrolle und komplett ins Abseits, wenn er verkündet, dass er einen „Hauch von Stolz“ empfunden hat, am 11. September, darüber, dass „wir gesiegt haben“. Zu diesem Zeitpunkt sind die Emotionen schon ordentlich am Kochen, auch wenn man sich um Normalität durch Wir-Sprechen-Einfach-Nicht-Mehr-Darüber bemüht, zum Beispiel mit dem schönen Satz:

Es gibt jetzt Salat.

… den Emily ganz gekonnt in die Diskussion einfließen lässt. Während Jory Amir in der Küche darüber in Kenntnis setzt, dass sie Teilhaberin wird an der Kanzlei, und ihm somit den erhofften Posten wegschnappt, lassen Isaac und Emily eine vergangene Affäre im Wohnzimmer mit einem Kuss aufleben, der natürlich nicht unbemerkt bleibt.  Das wars dann mit der guten Stimmung, da hilft kein nicht-drüber-reden, da ist dann Schluss mit lustig. Jory und Isaac gehen, Amir ist fertig mit den Nerven und schlägt am Ende leider auch noch seine Frau zu Boden.

Wenn du rausgehst, musst du bedenken, dass die Welt nicht neutral ist.  (Amir zu Abe)

Was hier besprochen wird, ist hochaktuell und wer sich bislang noch nicht damit auseinandergesetzt hat, wird es spätestens jetzt tun. Es ist nicht möglich, sich als Zuschauer auf „eine Seite zu schlagen“. Jede Figur ist interessant und Amir, der an allem Schuld sein soll, ist ein höchst sympathischer Zeitgenosse, der mit sich und der Welt ringt. Das alles ist sehr klug gearbeitet und wenn wir die vordergründig aktuellen Themen beiseite lassen, so geht es an diesem Abend darum, wie Menschen ihre Sympathien begraben, weil sie ihre verschiedenen Herkünfte nicht akzeptieren, weil sie sich verschanzen hinter Dogmen, Regeln, alten und neuen Geschichten, Unverständnis und Missverständnis, weil sie keine Geduld haben miteinander, weil sie sich und andere in Vorurteile pressen und sich somit einander das Leben schwer machen. Dieses zarte zwischenmenschliche Etwas, was manchmal so entsteht bei zwei Personen, wird zugunsten festgefahrener Strukturen urplötzlich außer Kraft gesetzt oder im Keim erstickt und das ist sehr, sehr traurig.

Genauso traurig ist es, wenn man sieht, wie die anfangs so energetische, liebevolle Beziehung zwischen Amir und Emily an diesen Herkunftskonflikten zerbricht, wie Amir vom souveränen, coolen Typen zum Häufchen Elend mutiert, wie die feierliche und größtenteils herzliche Stimmung ins Bodenlose hinuntersegelt und nichts, so gar nichts übrig bleibt.

Feierstimmung. (c)Thomas Aurin

Feierstimmung.  © Thomas Aurin

Es wird ja viel geprotzt an den Theatern: Große Namen, ausufernde Bühnenbilder, ungeahnte Regieansätze, alles neu und alles toll – dieser Abend hier gibt sich bescheiden und genau darin liegt seine Größe. Er ist ein Fest der Schauspielkunst (welche wir im gesamten Text bislang viel zu wenig erwähnt haben – danke, ihr großartigen Spieler, alle miteinander!), kommt dabei mit wenigen Mitteln aus, gibt reichlich Denkanstöße, rührt an, reißt mit, besinnt sich auf das Wesentliche. Die Themenvielfalt des Abends wirkt nach und wir könnten hier jetzt noch ein paar Seiten rumrhabarbern, aber bevor wir das machen, soll die verehrte Leserschaft lieber selber ins Schauspielhaus gehen, noch ein paar Leute mitnehmen und sich das Ganze anschauen. Das Publikum dankt mit hochkonzentrierter Stimmung und anschließenden Bravo-Rufen und wir wiederum danken mit wärmster Empfehlung.


» Geächtet von Ayad Akhtar
Regie: Klaus Schumacher.
Mit: Carlo Ljubek, Ute Hannig, Isabelle Redfern, Samuel Weiss, Jonas Hien

Nächste Vorstellungen: 23., 27. 1., 25., 26. 2., Deutsches SchauSpielHaus Hamburg


Unsere frischgebackene Autorin franzjakk hat bis vor kurzem noch in Leipzig gelebt und die dortige Theaterwelt ergründet und bereichert. Aufgrund nötigem Tapetenwechsels und neuer Perspektiven wohnt sie nun aber in Hamburg und bleibt uns fortan über die Nordkurve verbunden. „Nicht nur über die Nordkurve, auch über jede Menge wärmste Gedanken und so!“ ruft sie, bevor sie mit ihrem Schiff den Lindenauer Hafen verlässt. „Und sag den Lesern, ich mach das hier zum ersten Mal, also sollen die mal nachsichtig mit mir sein!“ schallt es noch hinterher.

Was franzjakk neben Theatergeschichten schreiben noch so macht, könnt ihr auf ihrer Website erkunden: www.franzjakk.com