oper neu: fidelio in halle

Reihesiebenmitte-Leser werden sich an die heftigen Diskussionen erinnern, die es um die Oper Halle im Frühjahr gab. Die Mitteldeutsche Zeitung veröffentlichte einige böse Leserbriefe, dubiose Zahlen kursierten, schließlich gab es eine Zuschauerkonferenz, auf der das Publikum sich aber überwiegend positiv äußerte. Ein Kritikpunkt war allerdings, daß sich so mancher Zuschauer mal wieder Oper fürs Auge wünschte – tolles Bühnenbild, opulente Kostüme. Er habe zur Spielzeiteröffnung etwas in genau der Art geplant, meinte Intendant Florian Lutz mit einem verschmitzten Lächeln.

Fidelio an der Oper Halle © Detlef Kurth

Fidelio an der Oper Halle © Detlef Kurth

Zwei Monate nach der Premiere hatte ich nun Gelegenheit, die Inszenierung von Beethovens „Fidelio“ in der Regie von Florian Lutz zu sehen. Das Bühnenbild hält schon mal das genannte Versprechen ein: Eine große Treppe führt hinab in die Kellergewölbe des Kerkers, in dem diese Oper spielt. Man fühlt sich in Piranesis Carceri versetzt, ganz weit hinten scheint der Mond durch ein kleines Fenster, überall liegen Skelette herum, die darauf hindeuten, dass kaum ein Gefangener diese Verliese lebend verlässt.

Zur Ouvertüre dann ein Video, Leonore (Anke Berndt) hastet im ausladenden Barockkleid mit turmhoher Perücke durch Halle auf der Suche nach dem Gefängnis, in dem ihr Mann Florestan schmachten soll. Und sie findet es auf der Bühne der Oper. Kaum hier angekommen, schlüpft sie auch schon in ihre männliche Verkleidung und wird zu Fidelio.

Und während Marzelline (Ines Lex), Jaquino (Robert Sellier) und Rocco (Vladislav Solodyagin) von Liebe und Gold singen, fährt erneut die Videoleinwand herunter. Don Pizarro (Gerd Vogel) taucht auf und beginnt über den Wohlfahrtsstaat zu lamentieren, der natürlich in der Krise ist, „Kultur für alle“ und „Theater muss sein“ seien Wünsche des narzisstischen Stadttheaters, die eben nicht mehr realisierbar wären, wenn sich der Wohlfahrtsstaat an der eigenen Nase aus der Schuldenfalle ziehen müsse.

Irgendwie erinnern diese Worte an einen Artikel von Stefan Rosinski, seit 2016 Geschäftsführer der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle. Er würde, so las ich kürzlich in einer Kritik zum „Fidelio“, am gleichen Strang wie die Intendanz der Oper ziehen, nur eben nicht immer in die gleiche Richtung. Aber zurück zu Don Pizarro: Auch er erscheint im opulenten Kostüm, in einer Art Uniform, die eher an einen überladenen Weihnachtsbaum erinnert. Daß ein solches Auftreten nicht mit den Sparzwängen an der Oper vereinbar ist, ist ihm natürlich klar, sogleich ist Kostümwechsel angesagt, während Don Pizarro in einen Anzug schlüpft, bekommt Kerkermeister Rocco die Uniform eines Sicherheitsmannes, Pförtner Jaquino wird zum DHL-Mitarbeiter und Marzelline bekommt eine ordentliche Kittelschürze, die doch viel besser zum Staubsauger passt als ihr vorheriges Kostüm.

Fidelio an der Oper Halle © Falk Wenzel

Fidelio an der Oper Halle © Falk Wenzel

Die Neustrukturierung eines Unternehmens sei eine große Chance für alle Mitarbeiter, natürlich besonders für die entlassenen, die sich nun neu orientieren können, erklärt Don Pizarro. Und weil man nun eben mal Geld braucht, begibt er sich kurzerhand in die Fernsehsendung „Bares für Rares“ und wo verscherbelt Requisiten.
Nach der Pause werden die Bezüge zur Situation an der Oper Halle noch eindeutiger. Im Verlies des Florestan sehen wir – Florian (Lutz, nein es ist Hans-Georg Priese). Und nicht den allein, sondern auch der stellvertretende Intendant Veit Güssow und der Chefdramaturg Michael von zur Mühlen sind da, natürlich nicht persönlich, aber Kleidung und Frisuren sind unverkennbar. An der Wand Plakate der Oper Halle, auch eines der Reihe „Das Kunstwerk der Zukunft“, die unter der Leitung von Michael von zur Mühlen in der letzten Spielzeit für kontroverse Diskussionen sorgte. Dann dringen Rocco und Leonore in das Verlies ein und schließlich kommt Don Pizarro hinzu, der Florestan töten will.

Fidelio an der Oper Halle © Detlef Kurth

Fidelio an der Oper Halle © Detlef Kurth

Den Mord an Florestan verhindert Leonore mit der Pistole in der Hand – in der Gestik dabei eindeutig inspiriert von der berühmten Wilhelmine Schröder, die schon vor fast 200 Jahren die Leonore sang. Doch leider, so richtig bedienen kann Leonore ihre Pistole wohl nicht, wie aus Versehen erschießt sie die anderen Anwesenden. Als letzter Überlebender bleibt der Chefdramaturg, ihn trifft nun die letzte Kugel absichtlich, Leonore schickt sie ihm mit den Worten

Das ist für das Kunstwerk der Zukunft!

Darf man das? Soviel selbstironische Aktualisierung bei Beethoven? Ich amüsiere mich köstlich, aber die Meinung im Publikum ist geteilt, wie das Nachgespräch zeigt. Doch zurück zum Bühnengeschehen: Grandioses Finale mit dem Gefangenchor. Es war zu vermuten, dass der Regisseur Beethovens Freiheitspathos in einer Zeit, in der es vor allem um die Freiheit der Märkte geht, nicht ungebrochen lassen würde.

Vor den Sängern erscheint ein durchsichtiger Gazevorhang, auf den Interviews mit Hallenser Bürgern projiziert werden. Sie äußern unterschiedlichste Meinungen zu unterschiedlichen Aspekten des Begriffs Freiheit. Wann habe sie sich wirklich frei gefühlt, wird eine Frau gefragt. Nach ihrer Scheidung, antwortet sie nach kurzem Überlegen. Genau in dem Moment singt der Gefangenenchor „Wer ein holdes Weib errungen, stimm‘ in unseren Jubel ein.“ Noch einmal Lacher im Publikum, dann viel Beifall für einen Abend, an dem Florian Lutz gezeigt hat, dass er sich von seinem Vorhaben, in Halle modernes, spannendes und kontroverses Musiktheater zu machen, nicht abbringen lassen will.


» Fidelio
Oper Halle. Regie Florian Lutz. Musikalische Leitung Christopher Sprenger. Bühne Martin Miotk. Kostüm Andy Besuch. Video Iwo Kurze. Mit: Hans-Georg Priese, Ki-Hyun Park, Gerd Vogel, Anke Berndt, Vladislav Solodyagin, Ines Lex, Robert Sellier, Rainer Stoß/Sebastian Byzdra, Till Voß/Hwa Young Chun, Opernchor und Statisterie

Next shows: 9. und 25. Dezember und 5. und 14. Januar