rollatoren auf touren – die inselbühne war mit einem späten shakespeare auf der mb

Es ist ja immer ein bisschen gemein, etwas anzupreisen, was zumindest in Leipzig nicht mehr zu sehen ist, aber in diesem Fall muss es sein: Denn was der Volker Insel mit seinem großartigen Ensemble hier auf die Sommertheaterbühne stellt, ist jede Zeile wert. Und wir haben es auch erst in die vorletzte Vorstellung geschafft. Ehrlich.

Inselbühne

Das macht Laune! Das Inselbühnen-Ensemble residiert in der MB. © Inselbühne

Insel lässt in seinem Sommertheaterstreich die schon arg in die Jahre gekommenen Bewohnern einer Seniorenresidenz das jugendliche-Liebe-Stück schlechthin – Romeo und Julia – probieren. Und zeigt, dass Liebe kein Alter kennt, und die zum Leben erst recht nicht – trotz mit Rollator, dritten Zähnen und Inkontinenz. Aber der Reihe nach:

Im Altersheim, sorry: der Rrrrresidenz am Park, herrscht eben jene Tristesse, die man gemeinhin in einer solcher Einrichtung erwartet. Kommandiert von der spröden spanischen Pflegefachkraft und sediert von Medikamenten, falschen Hoffnungen oder gleich von „furchbar!“ schlechter Laune fristen die Insassen ihr Leben. Die einzige Entscheidung, die hier noch selbst zu treffen ist, ist die zwischen Erdbeere und Banane. Und die grüßt so täglich, wie das Murmeltier.

Aber schon wenn diese fünf Angegrauten mit bösen, leicht debilen oder schlicht herrlich übellaunigen Gesichtern die Bühne betreten, ist klar, dass Obsthändler Oberländer, Freifrau Gitti, Frisöse Gaby und Dentist Balthasar noch jede Menge auf dem Rollator haben und eigentlich nur auf den richtigen, auslösenden Moment warten. Der kommt denn auch prompt und schon nach der zweiten, zähen Fiebermessen & Tablettenrunde: Und zwar in Gestalt von Armin Zarbock alias Harry, der die Truppe so eigennützig wie mächtig aufmischt.

Jener ist auf der Flucht vor der (hier recht bescheidenen – die Schulden belaufen sich auf schnöde 5 Mille) Mafia und stiftet eine Senioren-Theater-AG an, um ans ausgeschriebene Wettbewerbs-Preisgeld zu kommen. Einziges Stück in Reichweite der morbiden … ähm … mobilen Residenz-Bibliothek: Romeo und Julia.

Och, nee, nicht Romeo und Julia, da sterbense doch ooch alle!
– Aber jung!

Da hat der Insel in der Tat eine herrliche Truppe aus Leipziger Theater-Granden versammelt und, ach, wie ist das schön, denen bei den Theater auf dem Theater-Proben zuzuschauen! Und das mit einem Stück, dem die Jugend so fest eingeschrieben scheint. Klar, dass da liegen die situationskomischen aber auch die bitteren Pointen nur so rumliegen und aufs Aufgesammelt werden warten. Doch neben dankbarem Rollenstreit – Ich spiele entweder die Julia oder gar nicht!  – und kalauerschwangeren Monolögchen – hochkomisch, wie Matthias Hummitz als Obst&Gemüse-Baron a.D. die Reifegradbestimmung nicht nur der gemeinen Hauspflaume illustriert – lauern da auch noch ganz ganz feine, ans Herz gehende Momente.

Etwa, wenn die wunderbare Barbara Trommer als lebenskluge Ex-Frisöse die spanische Import-Altenpflegerin (Eine echte Entdeckung: Eléna Weiß) zum Singen bringt, ihr Hausfrauen-Sülze-Rezept beschwört oder am eigenen Spielen-Können zweifelt: Ich hab Angst, dass ich meinen Text nicht weiß. Und wenn ich meinen Text weiß, dann weiß ich nicht, wo ich stehen soll, und wenn … Oder wenn Simone Cohn-Vossen als grenzdebile Freifrau-von-und-zu und Friedhelm Eberle als Ex-Zahnklemptner aus dem Bühnentod-Tod-Üben in einer zarten Bettszene landen und von schnodderig-giftig auf verletzlich-sachte umschalten.

Dabei sind die Worte (außer jenen von dem Shakespeare) allesamt die der Spieler und vielleicht liegt es daran, dass in all der Pointenjagd so viel Wahrheit liegt. Peu à peu spielen „die Ollen“ sich frei und – nach der obligaten Pause – nochmal freier und herrlich überdrehter und wenn dann am Ende, weil-eben-einer-muss, nicht nur die Shakespearsche Julia sondern auch ihre Darstellerin den Bühnentod stirbt, wird aus der Totenklage eine reine, laute, frohe Feier des Lebens. Weil das geht nämlich bis zum Schluss und nicht nur bis zur Residenz am Park und zu spät gibt’s nicht.

Ay, ay, ay, ay
Ay, ay mi amor
Ay mi morena de mi corazón

Volker Insel ist hier ein bitter-süßer Abend gelungen, der ans Herze geht und der einmal mehr beweist, dass Sommertheater nicht doof sein muss, nur weils einen Mordspaß macht. Dass echte Leichtigkeit nicht ohne doppelten Boden und die ein oder andere Untiefe zu haben ist. Und vor allem und jedem: dass Alter hier wie dort ja mal so überhaupt gar KEINE Rolle spielt.

Wir würden jetzt gern den Matthias Hummitzsch auf ein großes Stück Pflaumenkuchen mit Sahne einladen und müssen uns unbedingt Barbara Trommers Sülzenrezept geben lassen!
Oh, Romeo … !


» Rollator und Julia
Eine Produktion der Inselbühne auf der Moritzbastei Leipzig.
Regie: Volker Insel. Es spielten: Barbara Trommer, Simone Cohn-Vossen, Eléna Weiß, Friedhelm Eberle, Matthias Hummitzsch, Armin Zarbock und Michael Hinze

Wer’s noch sehen will, muss nach Meiningen fahren:
Am 22. (20 Uhr) und 23. Juli (18 Uhr) ebenda im Schloss Elisabethenburg.