schöne neue arbeitswelt?
SIGNAs söhne & söhne in hamburg

Seit Oikonomos Walerian Lieblingssohn I. Leiter der Hamburger Filiale der Firma Söhne & Söhne ist, tragen sich dort seltsame Dinge zu. Alle Uhren stehen auf halb eins, Mitarbeiter leiden wiederholt unter Nasenbluten, andere sind gar verschwunden oder wieder aufgetaucht, ohne sich an irgendetwas erinnern zu können – Unser Autor hat sich dennoch für einen Abend von SIGNA einstellen lassen und hatte einen erwartungsgemäß ungewöhnlichen und aufwühlenden ersten Arbeitstag.

SIGNA Söhne & Söhne, Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Ganz offensichtlich erwartet man bei Söhne & Söhne einen wirtschaftlichen Aufschwung – nach der Ankunft von Walerian wurden in der Hamburger Filiale umfangreiche Neueinstellungen vorgenommen. Manch einer der Neuen mag in der Hoffnung auf gute Karriereaussichten gekommen sein, was er dann im Laufe des ersten Arbeitstages (oder besser Arbeitsabends) erlebt, dürfte einige Zweifel wecken. Das Firmengebäude wirkt etwas heruntergekommen für eine Firma mit dem Anspruch von Söhne & Söhne. Etwas unangenehm berührt ist man schon beim Auftauchen von Ronda Sohn. Die Leiterin des Büros für interne Gesetze lässt einen gleich spüren, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen ist. Noch bevor man seinen Laufzettel bekommt, wird das äußere Erscheinungsbild kritisiert. Bei mir sind es die Schuhe, die nicht ausreichend glänzen, und die Haare müssen zu einem Dutt zusammengesteckt werden. Dann gibt man seine Garderobe ab und steigt das etwas schäbig wirkende Treppenhaus hinauf zum großen Versammlungssaal. Auf jedem Treppenabsatz stehen Mitarbeiter und man lernt den Gruß des Hauses kennen: „Elatus!“ heißt der – lateinisch für erhaben, pathetisch und stolz – und wenn man ihn ausspricht, legt man den Zeige- und den Ringfinger der rechten Hand unters rechte Auge.

Im Versammlungsraum werden die Plätze zugewiesen und ab dann hat man für den Rest des Abends eine Nummer: Ich bin Nr. 7 Sohn. Es besteht die Aussicht, am Ende des Arbeitsabends einen neuen Namen zu bekommen: einen, der mit A beginnt. Denn das ist das äußere Kennzeichen der Karriere in der Firma: Je später der erste Buchstabe des Vornamens im Alphabet auftaucht, desto höher steht man auf der Karriereleiter. Die folgende Rede des abgelösten Filialleiters, Oikonomos a.D. Volker Lieblingssohn IV. wirkt reichlich fahrig und gen Ende bricht der Redner sogar zusammen. Zum Abschluss wird eine Art Firmenhymne gesungen, dann finden sich die Neuen in kleinen Grüppchen zusammen und beginnen, ihre Laufzettel abzuarbeiten: ein minutiös ausgearbeiteter Plan, wann man wo zu erscheinen hat.

Meine erste Station ist das Freizeitzentrum (FZZ). Theodor Lieblingssohn IV. hat dessen Leitung erst kürzlich übernommen, weil die vorherige Leitung zu den Verschwundenen gehört. Ganz offensichtlich wird in der Firma erwartet, dass man auch einen Großteil seiner Freizeit hier verbringt. Besonders verlockend sind die Angebote allerdings nicht – im Witzklub liets man sich z.B. aus dem „Buch der Herrenwitze!“ vor. Weiter geht es mit „Reise nach Jerusalem“ und Polonaise – am Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack, der nicht nur von der ausgeschenkten Ananasbowle kommt. Und man hat noch immer keine Vorstellung davon, wie man in dieser Firma tätig werden könnte.

SIGNA Söhne & Söhne, Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Im Empfangsbüro muss man persönliche Angaben machen, u.a. drei gute und drei schlechte persönliche Eigenschaften benennen. Ebenfalls sehr persönliche Fragen, die vor allem das Gerechtigkeitsempfinden betreffen, werden im Büro für interne Gesetze (BIG) gestellt. Ich habe zuvor die Möglichkeit, die Kantine aufzusuchen, wo man mich bittet, für die Leiterin des Büros eine Flasche Limonade mitzunehmen. Außerdem steckt mir die Kantinenfrau noch einen kleinen Zettel zu, den ich auf der Toilette entfalte und lese. Ich soll im BIG einen Schrank öffnen. Natürlich gibt es dort an jeder Schranktür eindeutige Verbotsschilder und es ergibt sich leider auch kein unbeobachteter Moment. Einen Schrank darf man nach Erlaubnis dann doch öffnen – darin hängt eine Puppe, die „die Schuld“ verkörpern soll. Die Neuen sollen dann diese Puppe in einem Raum, der einem Gerichtssaal gleicht, an passender Stelle platzieren.

Wozu diese und ähnliche Maßnahmen dienen, wird nicht klar, auf jeden Fall sammeln sich auf dem Laufzettel schwer durchschaubare Notizen an, mit denen das Personal die Neuangestellten einzuschätzen scheint. Auch das Büro des Filialleiters Oikonomos Walerian Lieblingssohn I. darf man betreten. Hier bekommt man zuerst mal einen ordentlichen Schluck Kognak eingeschenkt. Walerian sagt ein paar pathetische Worte, sieht jedem künftigen Mitarbeiter tief ins Auge und flüstert, dass er jeden einzelnen liebt, wobei ihm eine Träne über die Wange rollt. Man erfährt etwas über die doch recht abstruse Firmengeschichte: Urmutter, sieben Urfilialen, Kampf zwischen Ökonomie (gut) und Politikus (böse).

Nach und nach macht man sich mit den Unternehmensgrundsätzen vertraut, die man zu Beginn schon in schriftlicher Form in die Hand gedrückt bekam. Der wichtigste davon ist „Wachsen, Beiwohnen, Veredeln“, einige weitere lauten, dass die Firma weltumfassend ist und das Ziel hat, die vollkommene Veredelung der ökonomischen Verhältnisse zu erreichen. Söhne & Söhne ist in allen Branchen und in allen Ländern tätig. Die Firma schreibt keine Gewinne, sondern steigert ihre Verluste – das Ziel der Firma ist nicht Profit, sondern Veredelung. Politische und religiöse Angelegenheiten sind der Firma fremd, jede Anstellung gilt auf Lebenszeit und ist unwiderruflich und ein Sohn (denn jeder Angestellte trägt den Nachnamen Sohn) arbeitet immer.

SIGNA Söhne & Söhne, Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Den Eindruck, dass es sich hier um eine sehr merkwürdige Firma handelt, wird man auch in den weiteren Abteilungen nicht los. In der Abteilung für romantische Angelegenheiten (ein Aufstieg in den Ordnungsstufen ist durch Heirat möglich) wohnt man einem brutalen Zeremoniell bei, das eher an eine Vergewaltigung als an eine Hochzeit erinnert. In der Abteilung für Kindheitsangelegenheiten können sich die Angestellten in frühere Entwicklungsphasen zurückziehen, dürfen aus Nuckelflaschen trinken, malen oder Weihnachtsplätzchen ausstechen und erleben schließlich mit, wie ein Mitarbeiter die Abteilung aufsucht, um sich windeln zu lassen. Die Zentralabteilung für Expansion und Potentialentwicklung soll Empfehlungslisten für die Anstellung und Beförderung von Mitarbeitern erarbeiten. Die dazu eingesetzten Methoden – z.B. das Suchen nach einer bestimmten Stimmfrequenz – sind befremdlich und letztendlich nicht überzeugend.

Der erste Arbeitstag bietet viel Neues, allerdings ist die Zeit zu knapp, um alles kennenzulernen. So habe ich keine Möglichkeit, die Krankenstation zu besuchen und in der Abteilung für Resistenzschulung läuft nicht das übliche Programm, sondern eine Vorbereitung auf die Abschlusszeremonie. Alle Neuen, die nach ihrem ersten Arbeitstag in die erste Ordnungsstufe aufgenommen werden wollen, müssen sich hier einem Aufnahmeritual unterziehen, das mehr an archaische Bräuche als an Zustände in einer modernen Firma erinnert. Allerdings behauptet man bei Söhne & Söhne ja auch nicht, eine moderne Firma zu sein. Nach dem Ritual erhält man vom Oikonomos persönlich seinen neuen Namen und Hinweise auf die nächste Kontaktaufnahme mit der Firma.

Ich trete nun also als Armando Sohn ein in die schöne neue Arbeitswelt – „Elatus“!


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Nächste Termine (allerdings allesamt ausverkauft) am 13. – 16. und zum letzten Mal am 18. Januar (dann mit Publikumsgespräch im Anschluss)