still alive: die brüder karamasow in bert neumanns letztem bühnenbild

Dostojewskis letzter Roman – Die Brüder Karamasow – wird als sein bester bezeichnet. Frank Castorf, der seit 1999 an der Berliner Volksbühne fast alle großen Romane des Russen auf die Bühne gebracht hat, hat sich nun dieses Meisterwerk vorgenommen.

Spätestens jetzt wird zugleich die Endphase der Castorfschen Volksbühne eingeläutet. Schon seit einiger Zeit ist bekannt, daß diese Ära, die dann 25 Jahre gedauert haben wird, 2017 endet. Die Streichholzschachteln, die im Foyer ausliegen und auf der einen Seite das Räuber-Rad, das berühmte Signet der Volksbühne, zeigen, verkünden es: „game over“ kann man da lesen. Doch auf anderen steht auch trotzig „still alive“.

Noch am Leben ist die Volksbühne, aber den Künstler, der das Haus seit 1992 neben Frank Castorf am meisten geprägt hat, hat sie im vergangenen Sommer verloren: den Bühnenbildner Bert Neumann. Am großen Räuber-Rad auf der Wiese vor der Volksbühne flattert Trauerflor, etliche Grabkerzen stehen dort, stammen sicher noch von der Abschiedsfeier, die es hier vor einigen Wochen gegeben hat. Von Bert Neumann stammt die Idee, das Innere des Hauses umzugestalten. Verschwunden sind die Stuhlreihen für die Zuschauer, auf einer asphaltierten Schräge liegen jetzt unförmige, aber doch formbare sogenannte Sofasäcke, auf denen jeweils bis zu fünf Zuschauer Platz finden. „Die Brüder Karamasow“ werden die letzte Castorf-Inszenierung mit einem Bühnenbild von Bert Neumann bleiben.

Ganz hinten auf der Bühne steht eine Hütte, davor ein Teich mit einem Pavillon auf einer Insel und schließlich ziehen sich am Rande des ehemaligen Zuschaueraums einige Bretterverschläge dahin. Doch damit ist es des Spielraums nicht genug. Per Videokamera folgt der Zuschauer den Schauspielern in diverse Nebengelasse, bis tief in Kellerräume und hinauf aufs Dach des Hauses.

Weit über 1000 Seiten hat Dostojewskis Roman –  bei Castorf werden daraus über 6 Stunden Spieldauer. Zu wenig, um alle Figuren und Handlungsstränge zu berücksichtigen, so fehlt z.B. die Gerichtsverhandlung, die im Roman viel Raum einnimmt, letztendlich aber das Geschehen nur repetiert, hier völlig. Aber doch genug, um sich ausgiebig mit den Themen des Romans zu beschäftigen.

Durch den Einbau von Texten eines gewissen DJ Stalingrad – zumeist sind es Schilderungen des brutalen Lebens in der postsowjetischen Gesellschaft – wird ein direkter Bezug zur Gegenwart hergestellt. Aber dessen hätte es gar nicht bedurft, Dostojewski ist auch so sehr aktuell. Es geht um Freiheit des Individuums und um Religion, es geht darum, durch welche Kräfte eine Gesellschaft gestaltet wird, es geht auch um eine Auseinandersetzung, die uns bis heute in Europa noch ganz konkret betrifft – die zwischen Ost und West. All das sind Themen, die für Castorf seit Jahren wichtig sind. Immer wieder blickt er nach Osten, untersucht die osteuropäische – und das heißt heute vor allem die russische – Sicht auf die Welt. Nicht umsonst stehen auf dem Dach der Volksbühne die drei großen Buchstaben OST. Und erst kürzlich hat er mit Andrej Platonows „Tschewengur“ auch von Stuttgart aus nach Osten geblickt.

Doch zurück zur Inszenierung. Auf der Bühne steht so manche(r), den man schon seit vielen Jahren hier sehen kann: Hendrik Arnst, der den schmierigen Vater Fjodor Pawlowitsch gibt, Sophie Rois, die den verschlagenen Vatermörder Smerdjakow spielt, und Kathrin Angerer ist als Gruschenka die verführerische Frau, um die Vater und Sohn Dmitri konkurrieren. Andere Spieler sind erst im Laufe der Zeit zu Castorfs Truppe hinzugestoßen: Daniel Zillmann, der den jüngsten Bruder Aljoscha spielt, Jeanne Balibar als Starez Sossima und Frau Chochlakowa und Patrick Güldenberg als Rakitin. Außerdem dabei sind Marc Hosemann als  am Ende unschuldig verurteilter ältester Bruder Dmitri, Lilith Stangenberg als Katerina, die zwischen Dmitri und Iwan hin- und hergerissen ist, Margarita Breitkreiz als Lisa Chochlakowa (und nicht – wie im Programmzettel fälschlicherweise genannt – als Lisaweta Smerdjastschaja) und Frank Büttner als Vater Ferapont.

Den stärksten Eindruck des Abends hinterlässt bei mir aber Alexander Scheer, der Iwan Karamasow spielt. Dafür sind vor allem zwei Szenen verantwortlich: Zunächst spricht er gleich nach der Pause auf dem Dach der Volksbühne den „Großinquisitor“, immer wieder umrundet er vor dem Hintergrund des abendlichen Berlins die drei im blauen Neonlicht leuchtenden Buchstaben OST. Und dann, eine der letzten Sezenen des Abends, Iwans Begegnung mit dem Teufel (Jeanne Balibar). Scheers ausgemergelt wirkender, fast nackter Körper scheint sich zu spiegeln in dem Gegenstand, den er in den Händen hält, aber nein, es ist kein riesiger Spiegel, sondern Hans Holbeins Gemälde „Der tote Christus im Grab“.

Man muss es gesehen haben, wie Scheer hier das Irrewerden Iwans auf die Bühne bringt, so wie auch der Rest des Theaterabends in der Beschreibung niemals so wirken kann, wie beim Dabeisein – sechs Stunden auf den ungewohnten Sofasäcken, sechs Stunden zwischen schreienden, hastenden, schwitzenden, sich ins Wasser werfenden Schauspielern, die sich keine Minute schonen und denen man oft dank der Videoübertagung auch von den hinteren Reihen aus tief ins Auge blicken kann.

Am Ende treten sie sichtlich geschafft, aber auch freudig erregt vors Publikum. Danke Dostojewski, ruft Hendrik Arnst. Dank an Frank Castorf und seine Truppe, kann man nur hinzufügen.