theater at the diskothek – eine neue bühne am schauspiel leipzig

Sie ist fertig, die neue Spielstätte „Diskothek“ im Schauspielhaus! Direkt am Ring, dort, wo früher die charmant-unfertige Baustelle und noch früher die nicht immer charmante Diskothek Schauspielhaus war, gibt es nun einen neuen, flexiblen Theaterraum, der verschiedene Zuschauer- und Bühnensetzungen bis hin zur Raumbühne erlaubt. Ein Experimentierfeld, ein Raum zum näher dran sein.

Dazu kann man Haus und Publikum nur gratulieren, denn erstens ist es im derzeitigen Sparwahn mitnichten selbstverständlich, dass überhaupt ein neuer Spielort geschaffen wird und zweitens ist der ganze Umbau mit vermutlich großen Anstrengungen tatsächlich zum geplanten Zeitpunkt und im geplanten Kostenrahmen fertig geworden.

Schauspiel Leipzig - Diskothek © Rolf Arnold

Schauspiel Leipzig – Diskothek © Rolf Arnold

Schon aus den Fenstern grüßen die Autoren, deren Werke hier gezeigt werden: Von Bildschirmen im Plakatformat aus sprechen sie über das Schreiben fürs Theater, das Dasein als Theaterautor und über Hoffnungen für die Zukunft des Theaters. Ein Blick hinein in die Stadt und eine gute Idee, für die man sich aber etwas mehr Zeit nehmen muss, als der herkömmliche Passant übrig hat.

Die Fenstergestaltung nimmt die inhaltliche Ausrichtung des Spiel-Ortes vorweg: ein Zuhause für moderne Dramatik will die Diskothek sein – und sich dabei ausdrücklich nicht mehr nur auf Uraufführungen konzentrieren. Denn davon können die Autoren nicht leben, wie Intendant Enrico Lübbe bei der Eröffnung richtig feststellte, sondern eben davon, dass ihre Stücke feste Plätze in den Spielplänen finden. Das klingt gut und lässt auf kluge Texte hoffen; hatte uns in den letzten Jahren doch dann und wann das Gefühl beschlichen, dass es dem Haus nicht um die Qualität des Stückes, sondern mehr darum ging, ihn als erste auf der Bühne zu haben.

Natürlich schränkt eine solche Setzung auch ein, denn man kann sich ja sowohl experimentellere Stoffe auf der großen Bühne vorstellen, als auch Klassikersetzungen im kleineren, intimeren Rahmen spannend finden, aber wir haben ja immer was zu meckern ;-).

Auch das Foyer wurde neu gestaltet – mit einer aufgemöbelten Reihe aus der alten Saalbestuhlung (top!), Garderobe, Toiletten und zentraler Bar. Ein bisschen schick, ein bisschen hip, ein bisschen Industriecharme as usual, und somit leider auch ein bisschen beliebig. Kommen die unverputzen Ziegelwände eigentlich mal wieder aus der Mode? Die Getränke der von Dietrich Enk betriebenen Bar sind ausgewählt. Die Preise – na, sagen wir mal, recht ambitioniert. Soviel zum „Draussen“.


unwohnliches wolken.heim

Drinnen hat der Intendant selbst mit dem Jelinek-Stück Wolken.Heim die neue Spielstätte eröffnet: einer Textflut übers Deutschsein und Deutschtum, über das Bei-sich-sein durch Abgrenzung, über das Eigene und die Angst vor dem Fremden. Das Wolkenheim hat dabei erwartungsgemäß so gar nichts Lebendig-Leichtes – ziemlich viele Tote spuken herum und warten auf ihren Wiedergang, ziemlich dunkel droht der Wald. In der Inszenierung atmet das Ganze dann noch ein Stück mehr Gestern. Das geschickt beleuchtete  Fachwerkpuppenhaus des Leipziger Künstlers Titus Schade steht dazu nicht gänzlich unpassend in einem raumfüllenden Bilderrahmen.

Und so ist der Abend denn auch ein ziemlich musealer Akt mit den üblichen, wenn auch atmosphärisch dicht gezeichneten und schauspielerisch solide umgesetzten Bildern – Barbarossa! Rotkäppchen! Deutscher Wald! -; schwer, erdig, dräuend; mit Stroboskopgewittern, wiederholtem Vortrag deutschem Liedguts und natürlich mit Wagner. Ein wenig passen hier schon die Worte des Komponisten himself: Zwangvolle Plage, Mühe ohne Zweck …

wolkenheim © Rolf Arnold

Wolkenheim © Rolf Arnold

Wagner also, dazu Hegel, Nietzsche, Grimm & Co. Verwoben zu einem so dichten wie erwartbaren Wort-Bild-Teppich, der über sich selbst hinausweisenden Gedanken, Ansätze und Fragen wie störende Geräusche gründlich verschluckt. UnGEMÜTlich mag es da zwar auf der Bühne sein, bedrohlich dieses „Heim“ und das Wir-sind-ganz-bei-uns-Mantra. Viel zu tun mit denem im Saal hat es – so erzählt – aber nicht. Schade.


wellness-hölle, choreographiert

Was die Diskothek neben dem Frontalunterricht noch kann, war gleich in der zweiten Premiere zu sehen: Mirja Biel nutzt in ihrer Inszenierung von Sascha Hargesheimers Choreographien der Arbeit den gesamten Raum als Bühne: Ausgestattet mit Pool, griechischen Säulen, Dusche, Luftmatratzen und Smileykissen und bevölkert von ausgepowerten Selbstoptimierern, Julia Roberts und Maggie Thatcher, abgehängten Sinnsuchern, Fitnesscoaches, Jane Fonda, Therapeuten, Tauben und abgebauten britischen Bergarbeitern. Das Publikum mittendrin. Man weiß nicht so ganz, wo man da hingeraten ist. Ins Berg(hain)-Wellness-Hotel? In eine Virtual Reality Präsentation? In den Saunakeller des hippen Startups?

Woher kommt der Schmerz? Oder ist das jetzt die falsche Frage?

Leistungsgesellschaft, Selbstoptimierung, Gruppendruck und Funktionierenmüssen werden hier unterhaltsam und klug ver-spielt. Die fünf Schauspieler locken uns ins illusionäre Wellness-Heim, geben als 80er-Aerobictrainer den Rhythmus vor, sollen als Therapeuten die Maschine in unserem Kopf zum Stehen bringen oder uns als brüllende Human Ressource-Manager zum Betriebssport treiben …

Choreographien der Arbeit © Rolf Arnold

Choreographien der Arbeit © Rolf Arnold

Besonders überraschend oder erkenntnisreich ist das zwar nun nicht, der Abend punktet dafür aber mit so einigen schönen, komischen oderund berührenden Momenten, dazu ein paar klug platzierte Störsequenzen, die sich nicht gleich auf den ersten Blick einordnen lassen wollen und enthält durchaus manch bedenkenswerten Satz. Die Dynamik zwischen den allesamt starken Spielern stimmt. Sinnsuchend irren sie durch den Nebel der Erkenntnis, begleitet von der intensiven und raumfüllenden Musik von Sophia Kennedy, und lassen hinter ihren Rollen-Stereotypen der textlichen Versuchsanordnung immer wieder die oft recht traurige, manchmal wütende, meist verzweifelte Menschenseele durchscheinen.

Der Abend erzählt das auf mehreren Ebenen und mit einer sehr schönen Energie. Eine Befragung des modernen Menschen, der sich von sich selbst so weit entfernt hat, dass er nicht mal mehr weiß, wonach er Streben soll in unserer brave (new) world, in der alles therapierbar ist (und ergo auch therapiert werden muss). In der jedes Bedürfnis sofort und umfassend befriedigt werden kann. Außer das nach einem Sinn außerhalb des Hamsterrades. Aber das sollte sich bei der Vollbeschäftigung ja auch gar nicht eingestellt haben.

Man sollte aufpassen, dass man nicht so nah an seine Wünsche herankommt. Aus der Nähe betrachtet sind sie einfach schlecht produziert.

Diese Uraufführung hält einer Betrachtung aus der Nähe stand. Und wer die echte Geschichte von Pretty-Julia-Roberts hören möchte, die natürlich weitaus weniger happyendig ist als der bekannte Filmschmonz, der muss da sowieso rein und sich ein Plätzchen auf dem immer lächelnden Smiley-Kissen suchen.


Weiter geht es in der Disko gleich am kommenden Samstag: Dann hat die deutsche Erstaufführung von Prinzessin Hamlet Premiere, ein Stück der finnischen Autorin E. L. Karhu und die erste Arbeit der Regisseurin Lucia Bihler am Schauspiel Leipzig. Es spielen Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel und Andreas Dyszewski. Toitoitoi!


» Wolken.Heim
Elfriede Jelinek. Regie Enrico Lübbe. Bühne Titus Schade. Mit Anna Keil, Hartmut Neuber, Tilo Krügel, Bettina Schmidt und Hubert Wild
Nächste Termine: 6. / 17. und 29. Dezember

» Choreographien der Arbeit
Sascha Hargesheimer. Regie Mirja Biel. Bühne Matthias Nebel. Kostüme Katrin Wolfermann. Live-Musik Sophia Kennedy. Mit Julia Preuss, Ulrike Beerbaum, Wenzel Banneyer, Florian Steffens und Thomas Braungardt
Nächste Termine: 8. und 14. Dezember

» Prinzessin Hamlet
E.L. Karhu. Regie Lucia Bihler. Bühne & Kostüme: Josa Marx. Musik: Planningtorock. Mit Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel und Andreas Dyszewski.
Premiere am 2. Dezember, weitere Vorstellungen 10. und 23. Dezember