von freistunden, selbstausbeutung und mutanfällen auf der pointenjagd – der centralkabarettist meigl hoffmann

Gerade hat er sein 30jähriges Bühnenjubiläum gefeiert, die Kritik bejubelt seine Kabarettabende und in nicht ganz zwei Wochen lädt er zum neuen Soloprogramm und an den Stand der Dinge: Meigl Hoffmann ist aus Leipzigs Kabarettszene nicht wegzudenken. Wir haben den Centralkabarettisten auf einen Kaffee getroffen …

Mach ich einen derben Witz sagen die Leute, ich hab kein Niveau – mach ich einen niveauvollen, sagen die Leute, ich hab keinen Witz …

Seid 2009 residiert Meigl Hoffmann mit seinem Centralkabarett am Leipziger Markt und mischt die Szene von dort aus ordentlich auf. Als Museumswärter mit Hang zur Metaphysik, als aberwitziger Dada-Kunstler, als Wiedergänger Otto Reutters oder als säggs’scher Daggsifoahrer. Nicht ganz aus der Luft gegriffen ist da der Verdacht der LVZ anlässlich der Mona Lisa Premiere im letzten Jahr, es gäbe offenbar mehrere Hoffmanns.

Aber trotz oder gerade wegen der teils verblüffenden Rollenwechsel ist der selbsternannte Chef de Pointe doch ’nur‘ einer. Dafür aber ein ganz unverwechselbarer Typ. Einer, der sein Publikum am liebsten überfordert. Der nicht die Panik kriegt, wenn mal drei Minuten keiner lacht. Einer, dem der derbe Witz genauso liegt wie der singende Scharmör und fröhlich behauptet, Dada wäre ein Muss und dafür auch noch die Ex-Centralspielerin Emma Rönnebeck zurück nach Leipzig holt. Auf die Kabarettbühne!

Zeit, mal einen Blick von der (manchmal auch nur recht kleinen) Großkunst auf die (manchmal ziemlich großartige) Kleinkunst zu werfen. Wir haben uns mit Leipzigs – 1,89 Meter nach eigener Messung – größtem Kleinkünstler auf einen Kaffee getroffen und uns von 30 Jahren Bühnenleben erzählen lassen. Schon, wie Meigl zum Kabarett kam, ist eine längere Geschichte. Die er aber gern erzählt. Mit viel Herz und Humor, manchem Augenzwinkern, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen und gefühlt ohne Punkt und Komma ;).

Zur Bühne will er nach der Schule gar nicht. Journalist zu werden, hätte er sich gut vorstellen können, bekommt aber gesagt: „mit der Mutter im Westen wirste nicht mal Volkskorrespondent!“. Trotzig bewirbt er sich dann eben für gar nichts und steht zu tiefsten DDR-Zeiten am Ende als Einziger in der Stadt „mit einem Durchschnitt von 1,3 und keiner Lehrstelle da. Ein Politikum!“.

Aus Metropolis auf die Kabarettbühne

Vater Hoffmann spricht ein Machtwort: Schlosserlehre. „4:15 Uhr aufstehen. 5:30 Uhr Schicht. Metropolis Stahlstadt, Lärm, Dreck“. Aber dann infiziert sich der Lehrling genau an diesem unwahrscheinlichen Ort mit dem Bühnenvirus. In der Berufsschule soll er ein Kulturprogramm machen: „Das fetzt, dachte ich, da hast du Narrenfreiheit, kriegst ’ne Freistunde, kannst dem Staat noch eine mitgeben.“ Meigl gründet auf Anregung des Direktors bald eine eigene Kabarett-Truppe; mit der Erwartung: „noch mehr Freistunden und noch mehr Systemkritik. Ich natürlich keine Ahnung von irgendwas “.

© privat, Meigl Hoffmann

© privat, Meigl Hoffmann (Zweiter von rechts)

Die Truppe nennt sich – frei nach der Punkband Wutanfall – Mutanfall, lässt sich, noch bevor der erste Text geschrieben ist, von Meigls Mutter beim Staatsfeind T-Shirts drucken und hat prompt durchschlagenden Erfolg: „Die waren total von den Socken, was wir da raushauen. Wir wussten eben nicht, was verboten ist“. Hoffmann ist bald offizieller DDR-Kabarettist und soll 1989 sogar nach Berlin zum Regie- und Dramaturgiestudium deligiert werden. Aber kaufen und vor allem zensieren lassen will er sich nicht in den letzten Tagen der DDR: „Das hab ich abgelehnt. Da haben die geguckt!“

Stattdessen reist der Kabarett-Punk noch kurz vor dem Mauerfall in den Westen aus, kommt aber schon nach ein paar Monaten zurück. „Gegen den Trend – alle gehen in den Westen und ich geh zurück. Aber drüben war alles schon verteilt und hier noch so eine Offenheit, da konnte man noch was machen mit den Leuten. Das hat gefetzt, das waren wirklich interessante Zeiten!“

Meigl stürzt sich ins freie Unternehmertum, wird Leipzigs jüngster Kneiper und spielt natürlich wieder Kabarett. Das begeistert auch die Kollegen von der Hochkultur „Bei unserm Lene-Voigt-Abend kam Guido Lambrecht (ehemals Student am Schauspiel Leipzig und Ensemblemitglied am Centraltheater, A.d.R.) rein. Den kannte ich noch von früher, der wusste aber nie so richtig, wer ich eigentlich bin. Und der fand das so geil. Er meinte: ‚Wenn ihr das so verrückt macht, dann fetzt das.'“ Der sächsische Zungenschlag gepaart mit frechem und klugem Wortwitz soll auch weiter eine wichtige Rolle spielen.

Meigl Hoffmann © privat Meigl Hoffmann © privat

Meigl Hoffmann © privat

Meigls neue Kabarett-Truppe heißt gut-sächsisch Gohglmohsch, Meigl schreibt die Texte und steht auf der Bühne. In den frühen Neunzigern schlägt das richtig ein in der Stadt. Und kennste in Leipzig die richtigen Leute, kommste zum eigenen Haus wie die Jungfrau zum Kinde. Direkt am Markt können die Gohglmohscher Räume zum Selberausbauen beziehen, eine ziemlich große Nummer für die jungen Künstler: „Wir haben überhaupt nicht überblickt, was zu so einem Haus dazugehört. Wir dachten, dann nehmen wir uns etablierte Kneiper rein. Gut. Das waren dann aber auch die einzigen, die Geld verdient haben. Wir haben gedacht, das läuft so jetzt von alleine.“  Tat es natürlich nicht. Auch nach dem Umzug ins Kosmoshaus am Ring ist eher Selbstausbeutung als Geldverdienen angesagt. Das will nicht jeder auf Dauer, am Ende löst die Gruppe sich auf.

Wie weiter? Meigl Hoffmann gibt dem Werben der Konkurrenz nach und steht bald auf der Academixer-Bühne. „Da gab es natürlich einen geordneten Ablauf. Du probst du ein Vierteljahr von Punkt zehn bis 17 Uhr. Eine Stunde Mittag. Gespielt wird, was auf den Tisch kommt. Aber als Gegenentwurf zum anarchischen Gohglmohsch war das gut. Das war für mich noch mal wie eine Ausbildung“. Am Ende will Hoffmann aber doch lieber auf der Bühne seine Geschichten erzählen, anstatt im eher konventionellen Kabarett den Pointen nachzujagen.

Dass man sich in Frieden trennte, zeigt nicht zuletzt die kollegiale Einladung anno 2018: Anlässlich des Hoffmannschen Bühnenjubiläums gibt es ein Gastspiel am alten Wirkungsort: Geölter Witz – Im Rahmen der Mona Lisa spielt am 19. April auf der Mixer-Bühne. Tickets unter » academixer.com

Geölter Witz - Im Rahmen der Mona Lisa

Ausflug ans ‚richtige‘ Theater

Während der Intendanz von Wolfgang Engel inszeniert und spielt er einmal das Sommertheater am Gohliser Schlösschen. „Sag mir wo Liebe ist – Ein Sommernachtstrauma“ heißt das Ganze und Meigl steht mit Barbara Trommer auf der Bühne. Natürlich gibt es auch hier wieder verrückte Geschichten zu erzählen. „Das war wie Vom Winde verweht. Mit Band. Und die Gohliser: überall Sternchenfeuer und Rio Reisers Junimond! Das ganze Viertel. Echt. Zuerst hieß es: ‚Wir holen die Bullen!‘, dann Sternchenfeuer und ‚Wir finden’s total geil!“‚ Riesenparty.“

Meigl Hoffmann und Barbara Trommer im Sommertheater © privat

Meigl Hoffmann und Barbara Trommer im Sommertheater © Rolf Arnold

Die Theaterleute sind noch mal bekloppter als die im Kabarett.

Auch ein Wolkenbruch kann das Sommertheaterteam nicht aufhalten. „Es war immer alles verkauft, obwohl wir den beschissensten Sommer hatten, den es überhaupt gab. Geregnet hat es eigentlich immer, aber einmal ist der Blitz in die Anlage eingeschlagen, erzählt Meigl. Zack, alles stockdunkel. Und wir haben in dem Sturm einfach weitergemacht! Bis der Bühnenmeister kam und meint: ‚Also Meigl wir müssten jetzt ’ne kleine Pause machen. Und ich rein ins Schlösschen, den langen Gang lang. Wie im U-Boot. Jetzt kommt der Hoffmann. Der Techniker sagt ‚Meigl, ich habe hier 350 Steckverbindungen und in einer ist Wasser drinne.‘ Ich so:‚Und? In 3 Minuten haben wir das doch? Wir haben doch Glück!‘ Und da macht der tatsächlich Klack und das Licht geht wieder an! Wir haben weitergespielt, am Schluss gab’s Standing Ovations – das war totaler Wahnsinn. Die Theaterleute sind noch mal bekloppter als die im Kabarett.“

Zurück an den Markt

Satirisches Theater nennt Meigl das, was er am liebsten macht. Und dass er das kann, die Pointe als solche aber doch nicht gänzlich verachtet und nebenher auch ein sehr musikalischer Zeitgenosse ist, zeigt das eingangs erwähnte, für ein Kabarett erstaunlich breite Programmspektrum: Nach einigen Programmen ohne feste Bühne und einigen Touren über Land ist Hoffmann seit 2009 mit dem Centralkabarett zurück im Herzen der Stadt.

Warum Centralkabarett, Meigl? Klar, centraler geht’s nicht, aber hat das nicht doch auch etwas mit dem Theater zu tun? „Na das hat sich doch gut ergeben! Den Hartmann kannte ich noch von früher. Bei mir hieß der nur ‚Ooche‘, weil der so große Augen hatte. Na und ich hatte das Programm Sachsentaxi, der macht das Schwarztaxi … der hat das Centraltheater gegründet, da hab ich gedacht: da nennen wir das Centralkabarett und verwirren die Leute komplett!“

Tatsächlich haben sich dann so manche Zuschauer im falschen Foyer eingefunden. Hoffmann kennt einige der Centraltheaterleute noch von früher, aus der Studentenzeit. Obwohl die damals gar nicht so recht wussten, wer dieser große Typ ist, der da im Kellerclub der Theaterhochschule zwischen den angehenden Schauspielern rumhing. Während Sebastian Hartmann, Hagen Oechel und Guido Lamprecht im Studio des Schauspiel Leipzig spielten, hatte Meigl nämlich als angehender professioneller Kabarettist an der HMT Sprecherziehung.

Nie daran gedacht, wegzugehen? Ist Leipzig eine besondere Kabarettstadt? Leipzig ist ein schönes Netz. Es hält dich und es hält dich auf. Das Publikum ist hier ist echt nicht versöhnlich. Die lassen dich auch mal verrecken. Hier gibt es keine solche Künstlerverehrung wie woanders. In Dresden, zum Beispiel. Da bringen die dir Blumen an die Bühne! Das hat’s hier noch nie gegeben! Die Leute hier haben dich ganz gern als Idol, aber es soll ruhig ein bisschen wacklig bleiben. So eine Ambivalenz. Sie machen dich zum König der Hasen und dann jagen sie dich. Das ist okay, man muss es nur wissen.“

Immer spricht aus den Worten und Geschichten die Leidenschaft, die Freude am Kabarett-Bühnenleben. Traumberuf gefunden, oder? „Es ist toll, wenn dein Charakter oder besser: deine Charakterdeformation, so gut auf die Bühne passt. Ich krieg Applaus und ein bisschen Geld – mehr kannst du echt nicht verlangen. Ich meine, was machen wir hier? Das ist eine kleine Form und ich genieße das schon sehr, wenn du durch die Stadt gehst und da lächelt dich ein Mädchen an. Wobei man sich dann fragt: hat das noch was mit deinem Aussehen zu tun oder fand die das witzig, was du gestern Abend auf der Bühne gemacht hast? Ich hoff dann immer, dass sie nicht ins Kabarett geht …“

Sgladdschd glei! © Centralkabarett

Sgladdschd glei! © Centralkabarett

Auf der Centralkabarettbühne herrscht eine schöne Grundoffenheit, ein Nicht-Festgelegtsein. Das Elend sehen, ihm aber immer mit einem Lachen, mit Humor und Herz begegnen. Kein Besserwissen, kein belehrender Zeigefinger. Und auch den Leuten nach dem Mund zu reden, ist Meigls Sache nicht. Vielmehr gilt es, Bedürfnisse zu befriedigen, von denen der gemeine Kabarettzuschauer noch gar nicht wusste, dass er sie überhaupt hatte und sich dabei immer Neuem zu stellen: „Was die hören wollen, ist mir relativ egal. Ehrlich, ich bin ja nicht der Abrufaffe. Man muss was anbieten und dann gucken, wie das Publikum reagiert: So wie: ich hab mir die nächste Unverschämtheit mir ausgedacht und bin gespannt, was die Leute davon halten. Ob die sich an den Kopf greifen? Und da kriegst du eben ganz direkt die Reaktionen und das ist immer spannend. Und ich glaube auch, dass ich gedanklich nicht zweimal an den gleichen Ort zurückgegangen bin.“

Ganz im Gegenteil: in den laufenden Programmen hält sich Meigl an den allerverschiedensten Orten auf. Als Taxifahrer schaut er dem Volk aufs Maul. Den herrlich verqueren Dada-Abend leistet er sich, auch wenn er weiß, dass er damit sein Publikum fröhlich überfordert und wahrscheinlich selten ausverkauft ist. Und als Reinkarnation von Otto Reutter überzeugt er schon im x-ten Programm auf ganzer Linie als charmant-hintersinniger Barde mit gegeltem Haar und Samt und Rauch in der Stimme.

Meigl Hoffmann ist Otto Reutter © Centralkabarett

Meigl Hoffmann ist Otto Reutter © Centralkabarett

Hand aufs Herz, ist es nun mehr Ernst oder Ulk? „Ich will mal sagen, das hat ja auch immer etwas mit deiner Stimmung zu tun. Mal bist du wütender gegenüber der Entwicklung der Gesellschaft, dann gehst du wieder spielerischer damit um und guckst, was kannst du verändern?“. In welcher Stimmung Meigl bei der Vorbereitung seines neuen Soloprogramms war, wissen wir zwar nicht, garantiert aber hat er auch dieses Mal ganz genau hingeschaut auf die Welt und auf die Leute.

Am Stand der Dinge hat am 27. April Premiere und spielt genau da: An einen Zeitungskiosk, wo – laut Ankündigung – skurrile Typen auf einfache Bürger treffen, Mutter-Witz auf Vater-Land und der Zeitgeist den Nerv. Klar, dass wir auch wissen möchten, was die Worthülse im Revolverblatt macht. Oder, wie sich die Küchenrolle zur Rolle der Frau verhält und wie es beim Krummlachen um den aufrechten Gang bestellt ist. Wir sind gespannt, schicken schon mal ein fettes Toitoitoi an den Leipziger Markt und bleiben am Ball. Oder, um im Bild zu bleiben: Wir versorgen euch bald mit den neuesten Schlagzeilen aus der Centralkabarett-Welt.


» Geölter Witz – Im Rahmen der Monalisa am 19. April im Keller der Academixer
» Am Stand der Dinge – Von Lumpen, Flaschen und Altpapier – Ab dem 27. April im Centralkabarett