von goldenen hähnen, fiesen ‚a’s und säbelrasseln – ein tag im leben eines schauspielstudenten

Morgens wegen gestern das Seminar Seminar sein lassen? Hausarbeit aus dem Netz herunterladen? Keine Chance: Lässiges Studentenleben ist an der Schauspielschule Fehlanzeige. Hier gehts schon früh morgens zur Sache und von Anfang an ans Eingemachte. Dabei sind die Schauspielstudenten eine echt lässige Truppe. Wir durften einen Tag an der HMT Leipzig mitstudieren …

Bei der Szenenarbeit: Julius Brauer, Marlene Goksch und David Kösters

Wie sieht er also aus, der Alltag an der Schauspielschule? Suchen wir uns einen angehenden Schauspieler und heften uns an seine Fersen. ‚Unser‘ Student ist Julius Brauer. Julius kommt aus Berlin, hat schon viel Tanz und Theater gespielt und gemacht – unter anderem an der Volksbühne P14 – und hat einen großen Bruder, dessen Grenzgänge auf der Centraltheaterbühne noch so manchem in Erinnerung sein dürften. Auch Maximilian Brauer hat an der HMT Leipzig studiert; Julius ist seit letztem Herbst dabei und damit jetzt fast am Ende seines ersten Studienjahres.

Ein Hahn, kein Suppenhuhn, ihr Anti-Taichisten!

+++ Donnerstag, 8. Juni, siebenuhrfünfundvierzig … wir stehen noch etwas verpennt – Ausschlafen ist nicht vorgesehen im ersten Studienjahr – vor der Hochsschule. Punkt acht geht’s los, wer nicht mindestens 10 Minuten eher da ist, bekommt den ersten Rüffel. Und tatsächlich üben schon die ersten Studenten ihre Tai-Chi-Figurenfolge. Der chinesische Kampfsport steht als erstes auf dem Stundenplan. Was sofort auffällt zwischen Der goldene Hahn steht auf einem Bein und Den Vogel am Schwanz fassen ist der fröhlich-lockere Umgangston zwischen Dozent und Eleven, ein großer Spaß an der Sache, aber auch, wie konzentriert hier gearbeitet wird.

Es ist recht schwer, den Lehrer zufriedenzustellen – mal sieht der stolze Hahn aus wie eine Henne, der Ausfallschritt geht in die falsche Richtung oder die Handhaltung ähnelt mehr der beim E-Gitarrenspielen als einer Tigerkralle. Oder war’s doch eine Adlerklaue? Aber chapeau – unser nun schon etwas angealtertes Hirn hätte mit Sicherheit größere Schwierigkeiten, sich Bewegungen und Abläufe zu merken. Und das noch vor neun Uhr.

Wir kennen nun schon David, Paul, Nina, Marlene und Laura, die alle netterweise nix dagegen haben, sich einen Tag lang von uns beobachten zu lassen. Insgesamt sind 18 Studenten in Julius‘ Jahrgang. In 8 Semestern wollen sie zum Master of Arts und danach auf die Bühnen der Welt. Pro Jahr bewerben sich um die 900 Leute auf die wenigen Studienplätze. Das Aufnahme-Verfahren geht über 3 Runden, an ‚unserem‘ Studientag läuft eine Runde 2: Vorspiel, Bewegung, Musikprüfung und Gesang. Die höheren Semester kümmern sich ganz liebevoll um die nervösen Wanna-Be-Studenten und fiebern mit …

Richtig sprechen ist das A&O, auch beim 'A' und beim 'O'

Richtig sprechen ist das A&O, auch beim ‚A‘ und beim ‚O‘

Im Bärensitz kann man nicht nur A sagen

+++ achtuhrfünfundfünfzig … Trotz einem erkältungsbedingt noch etwas kratzigen Hals will Julius seine Sprecherziehungsstunde bei Cornelia Debes lieber nicht ausfallen lassen. Da gäbe es noch viel zu tun, schmunzelt er. Vor dem Start in Leipzig hätte er sein Hochdeutsch für ganz passabel gehalten – aber das sei hier mit allen Dingen so: in der ersten Zeit käme man sich vor, als könnte man gar nichts mehr: nicht mehr laufen, nicht richtig sprechen. Sprecherzieherin Cornelia arbeitet mit Julius heute am klaren A. Da geht es ganz viel um Körperhaltung und Atmen und es ist ziemlich irre, wie eine Stimme tatsächlich durch den ganzen Körper klingen kann. Zweimal 45 Minuten pro Woche ist Einzelunterricht, dazu kommt noch das Gruppensprechen. Da klappt es sicher bald auch mit den ‚As‘. Kleine Hausaufgabe: probiert mal, die Lippen kreisen zu lassen, ohne dabei den Kiefer zu bewegen :-)!

+++ neunuhrvierzig … Rhythmik fällt heute aus – aber statt einfach abzuhängen, übt die Gruppe um Julius lieber schon mal ein paar Teile ihrer Choreographie für die Bewegungsstunde bei der Schauspielschulchefin, die um +++ zehnuhrfünfunddreissig … dran ist. Die Studenten sind für das Semester in Gruppen aufgeteilt – es gilt zum selben Musikstück eine eigene Bewegungsgeschichte zu erfinden. Julius, Nicole, Laura, Paul und David haben sich für eine Menschen-Maschine entschieden, bei der am Ende alles aus dem Ruder läuft – schönes Bild für den Menschen, der sich im starren System abrackert, bis er nicht mehr funktioniert bzw. funktionieren will.

Mittagspause im Hof: ‚Unsere‘ Studenten wirken eingeschworen, als wären sie schon seit der Grundschule zusammen und nicht erst seit einem knappen Jahr. Schon nach der bestandenen Aufnahmerprüfung hätten sie zusammen gefeiert, erzählt Julius und dann lernt man sich in der intensiven Zusammenarbeit schnell kennen,  schätzen und sich aufeinander zu verlassen. Im 1. Semester kommen im Grundlagenseminar auch ganz persönliche Dinge zur Sprache. Kurz, man kommt sich sehr nah und ist sehr aufgehoben in der Gruppe – das merkt man gleich. Manchmal müsse man sich in Erinnerung rufen, dass es trotz aller Nähe Arbeitsbeziehungen auf Zeit sind. Für solche und andere spezielle Herausforderungen des Schauspieler-Seins gibt es sogar eigens psychologische Schulungen.

Hiebe und Stiche: Julius und Nicole in Gefechtsstellung

Hiebe und Stiche: Julius und Nicole in Gefechtsstellung

Erst zielen, dann schießen

+++ Vierzehnuhrfünfundvierzig … Fechten. Tschuldigung: Bühnenfechten. Fechtmeister Claus Großer ist ein wahres Urgestein der Bühnenkampfkunst und lässt seine Studenten erstmal die Unterschiede zwischen Bühnen- und Sportfechten aufzählen. 21 Stück sind es, wir bekommen einen Spickzettel. Aber dann: Terz, Kontraterz, Quart, Oktav … es klirren die Degen (vermuten wir jetzt mal) und die Fachbegriffe fliegen uns nur so um die Ohren. Sieht alles schon recht hieb- und stichfest aus, auch wenn der Meister mit seinen Eleven in Sachen Technik und Bühnenwirkung noch nicht so ganz zufrieden ist. Da muss man schon ganz genau wissen, was man und vor allem auch was sein Partner gerade tut. Ernsthaft ins Auge gegangen wäre aber noch nix, versichert uns Fechtmeister Großer. Wir bleiben sicherheitshalber aber trotzdem lieber bei Wortgefechten.

Sprecherziehung, Schauspielunterricht, Szenenstudien, Akrobatik, Tanz, Gesang, Fechten, Tai Chi, Pantomime und Theatergeschichte stehen auf dem Lehrplan im Grundstudium. Über 30 Stunden kommen da pro Woche locker zusammen. Daneben gibt es noch gefühlte 27 Projekte, Vorspiele, Bandproben und und und. Viel Freizeit bleibt da nicht. Manchmal vermutlich auch nicht allzuviel Zeit zum Schlafen … Dafür lernt man aber auch wirklich eine Menge, meint Julius und auch alle anderen, die wir fragen, sind ganz happy mit Schule und Studium. Superanstrengend, klar, aber großartig.

Sportliche Entspannung mit Frisbee

Im sonnigen Innenhof trifft man die, die gerade frei haben. Es wird jongliert, geredet, Text gelernt, gegessen, geraucht, Frisbee gespielt.

Habt ihr heute Sprecherziehung gehabt? Ah …, also beim Spielen lasst ihr das bitte!

Mittlerweile ist es +++ siebzehnuhrfünfzehn … In Zimmer 2.14 wird Borcherts Draußen vor der Tür geprobt – für das zweite Szenenvorspiel in diesem Jahr. Julius, David, Marlene und Laura arbeiten erst allein an einzelnen Szenen, Übergängen und Scheinwerferpositionen und versuchen dann mit ihrem Prof, Olaf Hilliger – der sich übrigens immer freut, wenn auf ReiheSieben etwas über seine ehemaligen Studenten zu lesen ist :-) – einen Durchlauf. Licht, Bühne, Kostüme und musikalische Einrichtung – machen die vier alles selbst. Den Beckmann spielen die Studenten abwechselnd und wir müssen sagen, Marlene ist eine ziemlich famos-rotzige Elbe …

Beckmann und der Andere: Julius Brauer, David Kösters und Marlene Groksch

Beckmann und der Andere: Julius Brauer, David Kösters und Marlene Goksch

Puh, nach der Probe sind wir dann doch ziemlich durch – und dass nur vom Zuschauen und nach nur einem Tag. Aber wir haben eine Menge gelernt und sind ganz begeistert von der tollen Atmosphäre an der HMT und all den ganz unterschiedlichen, begeisterungsfähigen, ein bisschen durchgeknallten, wunderbaren Menschen dort. Wir sagen Danke fürs Dabeisein- und Schauspielschulluft atmen dürfen und vielleicht besuchen wir euch im kommenden Jahr ja noch einmal? Jetzt gehen wir aber erst einmal im Kontraterzschritt und Lili-Marleen-summend heim …


reihesiebenmitte wants to say thank you to: Julius Ferdinand Brauer, Tobias Amoriello, Dennis Bodenbinder, Campbell Caspary, Laura Friedmann, Marlene Goksch, Julian Kluge, David Kösters, Paul Langemann, Philipp Staschull, Paul Trempau, Nicole Widera, Nina Wolf (Studierende des 1. Studienjahres am Schauspielinstitut „Hans Otto“ der HMT Leipzig), Ferdinand Lehmann (Studio Schauspiel Leipzig fürs Kontakt herstellen), Louise Bromby, Cornelia Debes, Prof. Claus Großer, Prof. Olaf Hilliger, Andreas Kühnel, Tim Lang und Prof. Sylvia Zygouris