wider die intellektuelle arteriosklerose – meigl hoffmann kämpft am stand der dinge

Ja, hat er nu zu? Oder ist offen? Denn, nur weil man die Klappe nicht zukriegt, heißt das ja noch lange nicht, dass der Kiosk aufhat. Was es allerdings auf jeden Fall bedeutet: hier hat jemand einiges zu sagen. Meigl Hoffmann gibt in seinem neuen Soloprogramm einen so geschäftsunwilligen wie redseligen und sangesfreudigen Zeitungskioskinhaber. Und noch einiges mehr: Am Stand der Dinge.

Meigl Hoffmann ist ganz <em>Am Stand der Dinge</em> © Centralkabarett

Meigl Hoffmann ist ganz Am Stand der Dinge © Centralkabarett

Beim King-Kiosk klemmt also die Klappe (also die am Kiosk, nicht die im Gesicht). Weshalb der blaubekittelte Kioskbetreiber sie nicht schließen kann, wo er doch aber Pause hat und dem unverständigen Möchtegernkunden lang und breit erklärt, warum er jetzt weder Fahrschnipsel noch irgendwas anderes verkaufen wird. Was zu einem Exkurs über die Unsinnigkeit von Fahrscheinen im Allgemeinen und zum genüsslichen Ausmalen des zwischen den beiden nun entstehenden, zwischenmenschlichen Erregungszustandes bis hin zur handfesten Prügelei führt – Und das möchten Sie doch auch nicht.“

Was Hoffmann in kapitalistisch herrlich inkorrekter und dabei äußerst produktiver Verweigerungshaltung möchte und was er kann wie kein Zweiter: dem Volk, bzw. dem maulenden Mob auf Selbiges zu schauen, ohne ihm nach dem Munde zu reden. Wortspiel- und sprachwitzreich vom Hundertsten ins Tausendste kommen (und wieder zurück). Von einer Rolle in die nächste schlüpfen: Klug, komisch, herzlich, schräg und immer wieder überraschend. Und was wäre dafür ein besserer Schauplatz als der Kiosk – die Messstation für das Empörungslevel der Unzufriedenen – an dem sich die ganze Palette des großstädtischen Personals treffen kann und thematisch so ziemlich alles denkbar ist: von Lügenpresse bis Weltpolitik, von Veganerbashing bis Survivalratgeber.

Das Niveau sing/kt.
Aber sicher nicht die Nationalhymne.

Klar ist das ein ganz anderer Ort, als das Museum der » Mona Lisa aus dem letzten hochgelobten Soloprogramm. Der Centralkabarettist stellt die metaphysischen Ausflügler gewissermaßen zurück auf den Boden der Tatsachen. Auf dem dann auch gern mal Walzer getanzt werden darf. Gern gehörte Wahrheiten zur Rückversicherung des eigenen Empörungszustandes gibt es hier wie da so wenig wie den Fahrschnibbl für die Leipziger Verkehrsbetriebe in der Kioskmittagspause. Dafür ist Meigl Hoffmann ein zu genauer Beobachter allzu menschlicher Befindlichkeits-Hysterien, der mit großer Komik so manchen gesellschaftlichen Phantomschmerz diagnostiziert.

Am Stand der Dinge © Meigl Hoffmann

(Laden)Klappe auf! © Meigl Hoffmann

Vom Zeitungsbudenbesitzer wird er zur behüteten Oma, die sich das Sterben nicht leisten kann. Berät als Sgt. Prepper mit Tropenhelm in Sachen Atomblitz-Survival und fragt als konspirativer Resistenz-Kämpfer, wo denn nun Gehorsam zum Verbrechen und Widerstand zur Pflicht wird. Zwischendurch greift er auch gern zum Mikro für den einen oder anderen Song. Da ist zwar dann doch vor allem auch textlich noch bisschen Luft nach oben, aber grad, wenn man denkt: och nö, nicht wieder singen, kommt dieser Hoffmann mit einem Wie-schön-hat-man’s-im-Schneckenheim-Lied um die Ecke, das so walzertaktbeschwingtleich wie herrlich bitterböse ist. Und gänzlich kriegt er uns dann auch musikalisch mit einem ganz feinen Schlusslied über die Schönheit des drohenden Untergangs.

Geht was unter
wars für oben wohl zu schwer …

Überhaupt gewinnt der Abend in der zweiten Hälfte noch mal deutlich an Biss und Tiefe. Dann balanciert er wortgewitzt und sprachverspielt über den Rand des existentiellen Abgrunds zwischen Sein und Haben, Besitzen und Besessen, aus dem es doch immer nur genauso schallt, wie man halt hineingerufen hat. Soll man nun sein, um zu haben? Wäre es nicht viel schöner, man würde einfach nur haben müssen, um sein zu können? Bin ich nun wer, oder nur was? Ein starker Schluss für einen im besten Sinne zeitungsbunten Abend, mit dem noch so gut wie alles möglich ist und der definitiv spannend bleibt: denn nichts ist so alt wie die Schlagzeile von gestern und morgen gibt es garantiert eine neue Ausgabe!


» Am Stand der Dinge
Von und mit Meigl Hoffmann. Regie Ekkehard Dennewitz. Musik: Karsten Wolf.

Wieder am 4., 11. ,12. und am 24. – 26. Mai 2018, Centralkabarett Leipzig