wo kommt euer hass her? katrin kaspar und dennis depta von glanz&krawall über ein komplexes gefühl

„La Haine – Eine Hassrevue“ heißt es ab dem 27. April in den Leipziger Cammerspielen. Verantwortlich ist das Berliner Theaterkollektiv glanz&krawall, das dieses wieder so salonfähige Gefühl sezieren will. Irgendwo zwischen Musik- und Sprechtheater, dem Deutschen und dem Französischen, den Weltkriegen, Nationalhymnen und der neuen Rechten. Sprechen wir also über Hass mit Schauspielerin Katrin Kaspar und dem Dramaturgen Dennis Depta. Ein erstaunlich komplexes Thema, wie sich herausstellt …

reihesieben: Jeder ist mal wütend, oder man kann jemanden partout nicht ausstehn. Aber Hass ist da schon eine andere Nummer. Habt ihr schon einmal so richtig gehasst? //  Dennis: Ja, was ist Hass? Ich habe von mir behauptet, ich hasse nicht. Aber nach der Arbeit in den letzten Wochenb in ich mir da nicht mehr so sicher. Hass ist ja mehr als Wut oder Zorn. Okay, ich überlege mal kurz, worauf ich richtig zornig war … Also, das Unsinnigste auf der Welt sind diese Fäden an Bananen! Das ist vielleicht das einzige, wo ich wirklich sagen würde: das hasse ich. Es ist der absolute Schwachsinn, dass es diese Dinger gibt! // Katrin: Ich schon. Ich war im Sommer in Frankreich – ich war vier, glaube ich – und habe ein Kätzchen gefunden und gehegt und gepflegt, mein Sommerkätzchen. Als der Sommer vorbei war, musste ich es schweren Herzens weggeben und als ich dann im nächsten Jahr wiederkam und es besuchen wollte, da hatte die Frau es ausgesetzt! Diese Frau habe ich  einfach nur gehasst. Meine Eltern hatten echt Angst, ich schrei die gleich an, so böse habe ich geguckt. Da war ich noch klein, aber ich weiß, dass ich Hass gefühlt habe, weil das Kätzchen meine Liebe war.

Wie hält man dem Hass den Spiegel vor? Dennis und Katrin beim reihesieben-Gespräch im liebenswerten Café Maître.

reihesieben: Es muss einen also etwas stark emotional betroffen haben, damit sich Hass entwickeln kann? // Katrin: Naja. Wir beschäftigen uns ja auch viel mit dem Hass auf politischer Ebene. Und fragen, wo dieser Hass herkommt. Wenn da Pegida aufmarschiert, das ist ja Hass. Die predigen Hass und sie leben diesen Hass auch. Aber dieser Hass entsteht, weil sie so frustriert sind. Und wird dann von anderen instrumentalisiert. // Dennis: Hass ist ja auch gemeinschaftsstiftend und damit vielleicht sogar wichtig für eine Gesellschaft. Ich will das jetzt überhaupt nicht verklären, aber wir haben uns viel mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigt und wir sind ja nicht die ersten, denen auffällt, dass es da Parallelen gibt.

reihesieben: Ihr schreibt in der Ankündigung, dass der Hass „gar nicht mehr zum emotionalen Repertoire des modernen Menschen zu gehören“ schien. War er wirklich weg, der Hass und ist erst jetzt wieder da? // Dennis: Nicht wirklich weg, weder das Wort noch das Gefühl. Deshalb finde ich es – wie bei Falk Richter und seinem Stück „Fear“ – auch schlimm, zu sagen, jetzt würden die Zombies wiederauferstehen. Das sind keine Zombies, die 70 Jahre weg waren! Dieses Gefühl, diese Leute sind unter uns oder in uns. Aber von der Sprache her schon. Hass oder das englische hate sind ja krasse Wörter. Nicht wie im Französischen, wo Haine ein schönes, weiches Wort ist. Ich kann nur für Deutschland sprechen, aber früher war es etwas Krasses, wenn jemand sagt Ich hasse . Und jetzt ist das fast schon common sense. Es ist gruselig, was mit der Sprache passiert. Die Wörter zu manipulieren, Sprache umzudeuten – das ist etwas, das schleichend passiert ist in den letzten zehn Jahren. // Katrin: Du meinst jetzt Pegida? Die AfD? // Dennis: Im » Wörterbuch des besorgten Bürgers kann man das gut sehen. Die Rechten haben ihre eigenen Wörter, ihre eigenen Medien und Vordenker und wollen, dass ihr Denken, ihr Weltbild in die in die Mitte der Gesellschaft rutscht. Und genau das passiert. Und das ist schon krass, dass das in ganz vielen Köpfen steckt, dass solche Wörter überhaupt benutzt werden.

reihesieben: Da sind wir thematisch direkt in Frankreich, wo es der Front National in den letzten zehn, fünfzehn Jahren vom ganz rechten Rand in die Mitte geschafft hat …  // Katrin: Klar! Wir behandeln ja auch französische Texte in unserem Stück. Es ist gerade eine große Frustration in Frankreich, was die Politik angeht. Die Wähler sagen, wir haben keine echte Wahl. Das spaltet das Land total. Auch die Terrorangriffe spalten das Land. Natürlich ist der Hass, die Angst vor Muslimen gestiegen. Und dann hast du in Frankreich diese großen Unterschiede in der Bildung. Mit einer ganz normalen Ausbildung in einem Vorort kannst du’s in diesem Eliten-System so ziemlich vergessen. Ich hab echt ein bisschen Angst … // Dennis: Das politische System ist aber nur ein Teil. Man sieht in allen Industrienationen eine Frustration. Und ja, da sind Leute, denen es wirklich nicht gut geht und die sich nicht gehört fühlen. Und teilweise von der Politik auch nicht ernst genommen werden – auch in Deutschland. So nach dem Motto: Du hast ein Problem? Das kann gar nicht sein. Aber was ich wirklich krass finde ist, dass es so viele Leute gibt, denen es total gut geht und die trotzdem Angst haben. Und die gegen andere, denen es deutlich schlechter geht – zum Beispiel gegen Flüchtlinge – treten, obwohl sie gar keinen Grund dazu haben (und eigentlich in eine ganz andere Richtung treten müssten). Weil das eben das Einfachste ist … // Katrin: Wo man sich denkt: Leute, wo kommt euer Hass her?

reihesieben: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut. Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid … (Master Yoda in Star Wars Episode 1) // Dennis: Ja, Angst ist eine total wichtige Komponente. Vielleicht haben die Leute Angst, etwas von dem zu verlieren, was sie sich in ihrer behüteten Welt in den letzten 50, 60 Jahren aufgebaut haben. Angst, das eigene Leben ändern zu müssen. Aber warum sie deshalb hassen, erklärt sich mir nicht.  // Katrin: Das ist ein tolles Zitat, das hätten wir noch einbauen können! Das würde ich total bestätigen. Ich denke, das passiert, wenn man nicht reflektiert, sich nicht damit auseinandersetzt, warum und wovor man wirklich Angst hat. Wenn diese Angst blind wird, dann ist man so getriggert auf diese Emotion, dass daraus eine Wut wird, und Hass. Ich glaube auch, wenn du es schaffst, den Menschen Angst zu machen, dann hast du sie ganz schnell in der Hand.  // Dennis: Angst ist eben irrational, das ist ja der wunde Punkt in einer Gesellschaft.

La Haine - Foto: Ingo Tesch

La Haine – Foto: Ingo Tesch

reihesieben: Ist Hass nicht auch irrational? // Dennis: Ich glaube nicht. Angst oder Furcht sind irrational. Und dann wird sie getriggert – von einer Partei, einer Kirche oder wem auch immer. Und damit kriegt man die Leute. Man schafft etwas Gemeinschaftliches und das ist dann der Hass. // Katrin: Wobei … Hass ist schon auch irrational. Irrational bedeutet ja eigentlich, dass du etwas nicht greifen kannst.  // Dennis: Aber die Leute, die das forcieren, die machen das ganz ja rational … // Katrin: Ja, die sind manipulativ. Es gibt immer die Denker, die den Hass befördern und die, die darauf einsteigen und ihn leben. Diesen Unterschied finde ich ganz wichtig.

reihesieben: Ein sehr komplexes Thema für das Theater  … // Dennis: Oh ja. Wahsinng komplex. Was uns dabei auch noch interessiert: Hass ist im Theater ein total probates Mittel ist. In den alten Tragödien ist der Hass der Motor, der das alles antreibt. Ohne den Hass gäbe es nichts zu verhandeln, keinen Konflikt. Das ist ein spannendes Feld. Antigone ist vielleicht das beste Beispiel. Und führt auch wieder ein Stück zurück in unsere Realität. Linke hassen auch. Und dann denk ich mir, ist das jetzt der bessere Hass? Wir wollen einen Abend bauen, der nicht mit dem Finger auf den rechten Hass zeigt. Wir bauen schon Sachen ein, es gibt auch eine » Podiumsdiskussion. Aber das Theater kann viel mehr.

Der vielleicht französischste Interview-Treffpunkt in Leipzig – glanz&krawall-Dramaturg und Schauspielerin im Maître

reihesieben: Euer Abend ist als „Revue“ angekündigt. Hat er denn Lieder, der Hass? // Dennis: Auch ja. Die Revue ist ja die Auftrittsform des frühen 20. Jahrhunderts – genau zwischen den beiden Weltkriegen. Denk an Piscator und die linken Revuen! Und eine Hass-Revue ist natürlich auch deshalb spannend, weil beides eigentlich so gar nicht zusammengeht. // Katrin: Der Hass hat in unserem Fall wirklich Lieder. Wir haben uns mit verschiedenen Nationalhymnen auseinandergesetzt. Die französische kennt jeder, aber keiner weiß, was da im Text steht. Wenn man das mal übersetzt: Auf, ihr Kinder des Vaterlandes, der Tag des Ruhms ist da, blutrünstige Soldaten kommen, um eure Söhne zu schlachten …  // Dennis: Unreines Blut tränke unsere Felder … Der Abend kommt mehr als sonst bei glanz&krawall aus dem Schauspiel. Es wird eine Revue – da kommen Lieder, Chansons mit rein, die Hymnen … // Katrin: Später wird es etwas absurder und extremer, wenn die Opernsängerin vom Leder lässt … // Dennis: Ein wilder Mix! Es gibt aber auch noch eine Soundebene, die eine ganz wesentliche Rolle spielt. Die kommt aus dem Bühnenbild und wird – hoffentlich – noch einmal etwas ganz anderes erzählen. Aber wir wollen auch nicht zu viel verraten.

reihesieben: Eine haben wir noch: Katrin, du bist halb Deutsche, halb Französin: Hassen diese beiden jeweils anders? // Katrin:  Ja klar. Du kannst auf französisch ganz böse sprechen und es kommt trotzdem was Schönes an. Französisch ist für mich die Sprache des Gefühls und Deutsch die Sprache der Vernunft. Alles ist Emotionaler im Französischen. Von daher hasst man auch auf jeden Fall emotionaler, leidenschaftlicher im Französischen. // Dennis: Wenn man einen Hass-Abend macht, ist man in der deutschen Sprache sehr schnell beim Maschninellen, beim Kalten. Beim Französischen ist man im absoluten Gegenteil. Wir haben eine schöne Szene, in der die beiden Schauspielerinnen miteinander reden, aber nicht diesselbe Sprache sprechen. Aber sie verstehen sich. Ein fast paradiesischer Zustand …

reihesieben: Vielen Dank euch beiden! Und wenn es auch ganz und gar kein paradiesisches Thema ist, dass ihr da auf die Bühne bringt, wünschen wir aber auf jeden Fall einen paradiesischen Erfolg! Und sind sehr gespannt.


» La Haine. Eine Hass-Revue
Koproduktion von glanz&krawall, Cammerspiele Leipzig und Theaterdiscounter Berlin. Mit: Katrin Kaspar, Luise Lein, Kara Schröder. Regie: Marielle Sterra. Sound: Martin Lutz. Dramaturgie: Dennis Depta. Bühnenbild: Wiebke Bachmann Kostümbild: Anna Søder.
27. – 29. April jeweils 20 Uhr und am 30. April um 18 Uhr, Cammerspiele

Podiumsdiskussion im Bühnenbild mit der Regisseurin, Lutz Helm (Mitbegründer Hoax Map) und den Herausgebern des Wörterbuch des Besorgten Bürgers, Tobias Prüwer und Franziska Reif am 23. April um 20 Uhr.