selbst eine flüsternde stimme, kann eine armee übertönen, wenn sie die wahrheit spricht

Ins Gespräch kommt man mit Mirko Borscht, dem 1971 in Cottbus geborenen Regisseur und Drehbuchautor sehr schnell. Wer dann aber bei wem zu Gast ist, ist schon nach kurzer Zeit nicht mehr feststellbar. Er öffnet die Tür zu den dahinterliegenden Denkräumen mit dem biografischen Schlüssel. Rückt sich selbst ins Zielkreuz, erzählt fließend mit der Distanz desjenigen, der die Geschehnisse durchlebt, verarbeitet und integriert hat.

Cottbus, sein Geburtsort und mittlerweile wieder eine für ihn schöne Stadt, die in ihm einen trotzigen Stolz befördert, ist Fluchtpunkt und Anker zu gleich. Er besucht dort verschiedene Schulen, gerät früh in Opposition zu der Mehrheit. Durch seine suchende Haltung, wie sehe ich die Welt, stellt er Fragen, die Risse in jegliche geschönte Fassade trennen. Die Ausbildung zum Herrenmaßschneider bricht er ab und geht mit zwei Taschen nach Berlin ins Exil. Taucht ein in eine Parallelwelt, wohnt illegal, versucht sich als Musiker, lebt und arbeitet vor und hinter dem Tresen: Sein, kosten bis zum Rausch. Er probiert sich und die Welt mit ihm aus, um zum Kern dessen vorzudringen, was ihn umtreibt, welche ist die richtige Sprachform. Dafür baut er sich so zu sagen seine eigene Universität, sieht über Jahre hinweg täglich mindestens einen Film. Er „frisst“ sich durch die Genres und formt über die Flut der Bilder, über die Flut der gelesenen Worte, sich selbst mit dem ihm eigenen künstlerischen Blick. Nur so ist auch sein Bewegungsmuster zu verstehen, für diesen Blick muss er stets die Freiheit besitzen entscheiden zu können, wo gehe ich hin. So kommt er dann auch über Seitenwege zum Film, macht dort jeden Job, wird so Regie- und Kameraassistent. Nach zwei Kurzfilmen dreht er 2005 Kombat 16.

Mirko Borscht © Zimpel
Mirko Borscht © Zimpel

Diesen Spielfilm kann man als Schlüssel zum Werk von Mirko Borscht verstehen. Mit dem ersten Bild zeigt er sparsam beleuchtet die Matrix zu seinem Selbst- und Weltverständnis. Der Brunnen als Metapher, aus der Position des stillen Betrachters. Aus diesem sich hinwenden entwickelt er über den Ort das Panorama einer untergegangenen Gesellschaftsform mit den Folgen Zusammenbruch, Verlust, Ödnis, seiner Verortung in den Schrecken. Bricht dieses Drama um und öffnet über den Kampf seiner jugendlichen Protagonisten den Blick ins Weite. Durch deren Prozess des Getrenntseins durch nichtverstehen über den Kampf hin in eine Verbundenheit, die wächst aus dem sich gegenseitigen Begreifen. So beschreibt er mit diesem doppelten Boden auch einen doppelten modernen Initiationsritus mit kraftvollen Bildern. 2008 ist er Regieassistent für Hannes Stöhr bei dem Film Berlin Calling.

Seit 2009 arbeitet er auch am Centraltheater/Skala Leipzig, liefert dort Arbeiten von großem Gewicht wie Sweet Dreams, Der Tag des Opritschniks, Unfun und Deutschland tanzt nicht, die heftige Reaktionen auslösen. Wenn man ihn so im Gespräch erlebt und dann das Bild des Brunnens als Ursprungsbild für das Entstehen seiner persönlichen Welt deutet, bekommt man den Eindruck, dass die drei Nornen, die seine Schicksalsfäden knüpfen, Demut, Treue und Hoffnung heißen. Seine säkularisierte Kraft des Glaubens mündet in Projekte, dies dann hundertfünfzigprozentig. So darf man extrem gespannt sein, was von ihm als nächstes kommt. Zurzeit recherchiert er für die Arbeit am Theater den Sachsensumpf.