Hedda Gabler | Schaubühne Berlin

14 jahr im kalten regen der langeweile – ostermeiers hedda gabler an der schaubühne

Interessant wäre bei diesem Abend ja, zu sehen, wie Spieler (und Spiel) sich über die lange Zeit verändert haben. Denn Thomas Ostermeiers Hedda-Gabler-Inszenierung ist seit fast 14 Jahren im Spielplan. Leider waren wir damals nicht in der Premiere und so fehlt der Vergleich. Aber a) ist es ein recht sehenswerter Schauspielerabend und b) werden Texte with Lars Eidinger in it immer so gut geklickt ;-) – deshalb hier ein paar Worte zur Hedda, die nach all der Zeit noch recht frisch rüberkommt.

Hedda Gabler Schaubühne Berlin © Arno Declair

Hedda Gabler Schaubühne Berlin © Arno Declair

Vielleicht liegt das ja am Bühnenregen, der meist sturzbachartig an den Fenstern des wintergartenverglasten Architektentraumes herunterläuft. Die Bühne von Jan Pappelbaum ist ein stylisches und sehr einsehbares Puppen-Appartment mit Blick in den Garten. Draußen Dschungel, drinnen Aufgeräumtheit. Im Bühnenhimmel hängt ein großer, kippbarer Spiegel, der aber leider nur selten wirklich neue Blickwinkel aufs Geschehen erlaubt. Trübes Wetter = trübe Stimmung auf dem grünen Sofaungetüm, das, neben ein paar frisch gefüllten Bodenvasen, das einzige Mobiliar darstellt. Wohnlich geht anders und nach dem Geschmack der so eben im Ehealltag angekommenen Hedda-ehemals-Gabler ist das schon mal gar nicht.

Die umworbene Hedda Gabler hat den Historiker Jørgen Tesman geheiratet – aus Gründen des Prestiges und in der Hoffnung auf die gehobene Gesellschaft, die seine in Aussicht stehende Berufung auf den Professorenstuhl verspricht. Aber schon in den Flitterwochen langweilt sie sich mit ihm, im neuen Zuhause wird’s selbstredend nichts besser. Da hilft auch kein noch so abwegiger Flirt mit Richter Brack, dem Tesmanschen Hausfreund und Rechtsbeistand. Als ein verflossener Liebhaber, ebenfalls Wissenschaftler, dem Gatten und Ruhm und Professorentitel abzujagen droht, beginnt die verwöhnte Generalstochter einen emotionslos kalkulierten, (auto)agressiven Amoklauf, in dessen Verlauf die junge Frau in nur 36 Stunden ein ganzes Leben und sich selbst zerstört.

Ostermeier inszeniert Ibsens Tragödie routiniert in düster-blassen Farben, mit wenig Überraschungen, aber vielen Zwischentönen. Als Klassiker eben: so ohne Reibung an der Zeit, dass man den Abend vermutlich auch noch in weiteren 14 Jahren spielen könnte. Oder in 30, was dem ganzen wiederrum die nicht unspannende Komponente wirklichen Alters hinzufügen würde.

Was wirklich Spaß macht, ist diesen Schauspielern bei der Arbeit zuzuschauen. Katharina Schüttler ist ein herrlich gelangweiltes Biest und gleichzeitig  eine transzendent-lebensmüde Schmerzensfrau, Lars Eidinger wird vom putzigen Pantoffelbräutigam zum eiskalten Karrieristen und Jörg Hartmanns Brack zwischen Pullunderträger-Armseligkeit und einer immer offeneren, klebrig-bedrohlichen Übergriffigkeit ist ziemlich großes Kino.

Und tatsächlich schafft das Zurückgenommene, Kammerspielartige der Szenen und die disziplinierte Routine der Spieler eine sehr passende, reichlich beklemmende Atmosphäre. Richtig böse hingegen wird es erst am Schluss, wenn Heddas Selbstmord mit einer geradezu perfiden Beiläufigkeit mal eben so hingenommen wird. Wie der Dauerregen im Garten.


» Hedda Gabler
Regie: Thomas Ostermeier. Bühne: Jan Pappelbaum. Kostüme: Nina Wetzel. Musik: Malte Beckenbach. Dramaturgie: Marius von Mayenburg. Video: Sébastien Dupouey. Licht: Erich Schneider. Mit Lars Eidinger, Katharina Schüttler, Lore Stefanek, Annedore Bauer, Jörg Hartmann und Kay Bartholomäus Schulze.

Wieder vom 16.-18. August 2019, Schaubühne Berlin