alles was ich sagen will, ist eingesperrt in mir – sebi hartmanns verstörendes in stanniolpapier am dt

Performance des Unsagbaren. Sebastian Hartmann macht die Autorentheatertage-Uraufführung zum fast sprachlosen Höllentrip durch eine zerstörte (Frauen)Seele – mit schonungsloser Härte, radikaler Konsequenz, aber auch mit einem befremdlichen Blick auf das Objekt: Frau.

Linda Pöppel und Frank Büttner "In Stanniolpapier" Regie Sebastian Hartmann Deutsches Theater Berlin © Arno Declair

Linda Pöppel und Frank Büttner „In Stanniolpapier“ © Arno Declair

Ein steinerner Kubus in der Bühnemitte. Außen Leinwand, innen ein Gefängnis aus verwinkelten Räumen. Kameraperspektive, gelenkter Blick, rote Licht, nie abreißender, wummernder Clubsound. Schwarz lauern die Abgründe in den Ecken, mehr noch in den Augen. Ein Höllentrip durch die Innenwelt der Prostituierten Maria – wie durch ein Brennglas direkt auf die Schmerzpunkte konzentriert, unerträglich gewalttätig intensiv.

Theater? Performance? Grenzüberschreitung.

Gespielt wird die Maria von Linda Pöppel, die sich in einen atemlos-schmerzhaften Zustand katapultiert und den über eine Stunde vierzig auf gleichbleibenden Energie-Level durchhält. Wobei gespielt hier die falsche Vokabel zu sein scheint. Das ist keine Rolle, das ist Performance, das ist Zustand, das ist schmerzhaftes Sein. Ein sich Ausliefern mit Haut und Haar. Und auch für die Zuschauer eine Zumutung bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus.

In Stanniolpapier, das auf Basis von Gesprächen mit einer Prostituierten entstand, spricht Maria über ihr Leben, das mit Missbrauch in der Familie beginnt und alternativlos auf den Straßenstrich führt. Von Freiern, Zuhältern und übler Gewalterfahrung. Glaubt man den Ankündigungen, erzählt das Björn SC Deigners Theatertext mit einer großen Distanz, unsentimental, präzise und mit lakonischem Witz.

Sebastian Hartmann reißt das schützende Stanniolpapier, die Distanz einer solchen Erzählung, rücksichtslos ab und wirft seine Spielerin und uns unmittelbar hinein in die Seele, die Adern, die Nervenbahnen dieser Figur.

Keine Uraufführung – die Jury is not amused

Und er nimmt ihr die Sprache. Diese Maria ist zuckender Körper, geschundene Seele und nur noch fähig, einzelne, scheinbar unzusammenhängende Worte auszustoßen, zu schreien, zu flüstern, ja manchmal beinahe zu erbrechen. Die Inszenierung ist damit soweit vom Ursprungstext weg, dass sich die Autorentheater-Jury vorsorglich distanziert und ihr noch vor der Premiere den Uraufführungsstatus abspricht.

Kindheit
Leben
Angst
Vater Flasche
Maria
Versteckt

Dabei hat alles ganz anders begonnen. Nicht die Frau selbst, sondern ein Mann, Manuel Harder, schildert den Anfang von Marias Geschichte. Zart fast, in Täter-Opfer-Ambivalenz gefährlich uneindeutig, in Großaufnahme vor der allgegenwärtigen Kamera. Von hochgeschobenen Mädchenröcken ist da die Rede, vom Freund der Familie, vom Streicheln, bis es schmerzt und vom Abrutschen ins Milieu durch die erste große Liebe, für die die 16Jährige alles tun würde. Und wird.

Die Kamera folgt den Spielern – neben Linda Pöppel und Manuel Harder ist das noch Frank Büttner – durch das verwinkelte Innere des Bühnenkubus wie durch ein Tunnelsystem ohne Notausgänge und ohne Licht am Ende und projiziert ihre Bilder mehrfach, wiederholt, gebrochen  auf die Bühnen-Haut. Wir sehen beides: die Bildermacher und die Bilder selbst und das sind oft welche, die man lieber nicht sehen möchte. Zuckende, nackte Körper, geschundene Glieder, ein Zerren, ein Schlagen, ein Treten. Ein sich windender Körper, eine kaputte Seele im unerträglich geilen und larmoyanten, gewalttätige-männlichen Macht-Spiel.

Linda Pöppel "In Stanniolpapier" Regie Sebastian Hartmann © Arno Declair

Linda Pöppel und Frank Büttner „In Stanniolpapier“ © Arno Declair

Aber auch solche von geradezu erschreckender Schönheit, Momente, die sich verstörend in die Zuschauerseele fressen. Und das sind gerade nicht die Eindeutigen. Da ist der erste Tanz, ein Kampf vor der Kamera, in dem der Täter schon Täter ist, sein Opfer aber unsichtbar bleibt. Und umgekehrt. Das sind Augen-Blicke, die so viel mehr erzählen als klatschende Schwänze. Da ist die besitzergreifende Hand auf der kleinen Brust. Die Schemen hinter der Leinwand, Körper, die durchleuchtet vom roten Licht wie unter Röntgenstrahlen tanzen, zerfallen, sich wieder sortieren – auseinander, zueinander.  Der Moment, in dem aus den rot überstrahlten, verfremdeten Bildern durch abrupten Lichtwechsel plötzlich zu realen Körper werden.

alles was ich sagen will,
ist eingesperrt in mir

Auch wenn Thema und Machart sehr an Sebi Hartmanns Stuttgarter Clemens-Meyer-Inszenierung erinnern, das hier ist kein komprimierter » Im Stein. Ganz abgesehen von den recht unterschiedlichen Text-Qualitäten waren dort Geschichten, Figuren, da war Raum für Mehrdeutigkeiten, da war Durchlässiges, wo es hier nur den einen Zustand zu geben scheint.

Frau(en) in der Opferrolle

Und nur eine Rolle für die Frau. Dabei hat Linda Pöppel eine so immense Kraft, eine Tiefe und eine schier wahnsinnige Energie, eine so berührende Widerständigkeit. Dass ihre Maria dennoch mehrheitlich Opfer, Objekt fremder (Gewalt)Phantasien bleibt, liegt am Blick der Inszenierung auf ihre Figur. Einem Blick, der sich in gerechtem Zorn auf der richtigen Seite wähnt, in seiner Radikalität aber eben objektivierend bleibt. Der der Figur jeden Handlungsspielraum und mit der Sprache auch die Deutungshoheit über die eigene Geschichte nimmt. Denn die haben natürlich auch: die Männer.

Schonungslose Härte, letzte Konsequenz, Zumutung? Alles. Auch die Frage: Kann man eine solche Geschichte vielleicht nur genau so und nicht anders erzählen? Wir fühlen uns auf jeden Fall heftigst durchgeschüttelt und tragen eine veritable posttheatrale Belastungsstörung an die Bar des Deutschen Theaters. Während die Spieler an diesem Abend gleich noch einmal in dieselbe Hölle gehen werden. Alle Hochachtung dafür!


In Stanniolpapier am » Deutschen Theater Berlin
im  Rahmen der Autorentheatertage 2018. Von Björn SC Deigner, nach einer Idee von Anna Berndt in einer Fassung von Sebastian Hartmann.
Regie und Bühne Sebastian Hartmann. Kostüme Adriana Praga Peretzki. Mit Linda Pöppel, Manuel Harder und Frank Büttner.

Noch einmal am 27. Juni 2018