auf einen wein im „hessischen landboten“
leonce & lena am schauspiel frankfurt

Welcome back im Frankfurter Kruseversum. Dieses Mal mit einem Stück, das wie gemacht ist für Jürgen Kruses Co-Regie mit dieser tollen Mischung aus Sprachspiel, Wortwitz, Absurdität und Melancholy – Welcome to Georg Büchners schräger Welt of Pipi & Popo, give a warm welcome to: Leonce und Lena.

Am Anfang und Ende dieses wundersamen Abends durchwandert eine kleine Alice staunend dieses Bühnenwunderland, das zugleich Gasthaus „Zum hessischen Landboten“ (sic!), Schloss zu Pipi, Schloss zu Popo und nächtlicher Garten ist und in dem in jeder Ecke immer etwas passiert. Die Kleine entdeckt fasziniert die ganzen seltsamen Figuren, die es bevölkern und – schon tut es sich wieder ganz weit auf: das Kruseversum.

Leonce und Lena © Birgit Hupfeld

Lüster lüstern, die Musicbox spielt und in jeder Ecke ist Leben. © Birgit Hupfeld

Jukebox, Schreibpult mit schreibenden und verwerfenden Fräulein Büchner, Tresen, Sofa, schillernde Flaschen, lüsterne Lüster, später klickende Metronome, natürlich Weltkugeln, eine Riesenfliege (Hei! da sitzt e Fleig an der Wand! Fleig an der Wand …) schälen sich aus dem rom-antischen Bühnendunkel, das nur auf den ersten Blick schlampert vollgestellt scheint –  hat doch Bühnenbildner Daniel Wollenzin, wie es sich für eine Kruse-Bühne gehört, wohldurchdacht in jedem Winkel Anspielungen und Zitate plaziert, die sich über den Abend mit großer Lust entdecken lassen. 

Heißt dies etwa Jugend ? Nein!
Es genügt nicht 18 zu sein.
Majakowsi, Geheimnis der Jugend

Im Dunkel leuchten des Weiteren – und eigentlich in erster Linie – die wunderbaren Schauspieler, die Büchners ohnehin schon wortspielreichen Text – zurückhaltend angereichert mit Faust, Schiller, Majakowsi, Handke und einigen Seitenhieben auf’s Hier und Jetzt – herrlich gegen den Strich bürsten. Ein Genuss, wie Isaak Dentler seinen Leonc-se aus träger Schwermut und Langweile aufbegehren lässt und wie Linda Pöppels schwarz funkelnde Lena trotzig die Hochzeit verweigert und gleichzeitig die Hand ausstreckt auf der Suche nach einem „Du“. Reine Freude und großer Spaß, wenn Oliver Kraushaar als Valerio zur Hochform aufläuft und dem Affen Zucker bzw. sich einen fetten Joint gönnt und großartig, wie Heidi Ex-Ecks Lenas Gouvernante zwischen Übermut und trockenem Witz changieren lässt.

Leonc-se und seine Lena. © Birgit Hupfeld

Leonc-se und seine Lena. Immer mittendrin: Valerio © Birgit Hupfeld

Dem Gesamtkunstwerk darf die Melodie nicht fehlen. Die kommt – wie immer –  so lockerleicht aus dem Ärmel geschüttelt daher und ist doch ist sorgsam auf den Punkt gesetzt. In Kruses immenser Plattensammlung schlagert’s mal wieder kräftig. Zudem findet sich neben Mick Jagger, John Lennon und Manfred Mann (schwer wieder loszuwerden, diese Ohrwürmer), doch tatsächlich auch ein Song für die eben von Leonce abservierte:

Well, well, well ist Rosetta nach dem Liebesaus vermutlich nicht mehr, wohl aber der Zuschauer, der sich einzulassen vermag auf all den düsteren Bühnenzauber, das Spiel der Schatten und den Theaterflitter, den ganzen herrlichen hier-passiert-nix-und-doch-alles-Bühnenmüßiggang unter der sehr ernsthaften Regentschaft König Absurdians.

Unter Spaß und Wortspiel gluckst reich und tief die Melancholie, im schwarzen Abgrund spiegelt sich der Witz – wobei die Abgründe sich hier natur- und stückgemäß nicht so abgrundtief auftun können wie beispielsweise in Borcherts » Draußen vor der Tür. Dennoch wiegt auch im Luft … ähm .. Lustspiele das Leichte manchmal kiloschwer und das Schwere scheint auf seltsame Weise zu schweben.

Und, jep, ihr habt recht, das kann man so oder ähnlich bestimmt auch in unseren anderen Texten zu Kruse-Inszenierungen lesen. Aber es ist ja tatsächlich immer ganz genauso und jedes Mal neu. Ein Nach-Hause-kommen und zugleich ein Welten entdecken. Und somit: nie genug ;)!


» Leonce und Lena
Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele
Co-Regie: Jürgen Kruse
Mit: Alexej Lochmann, Isaak Dentler, Linda Pöppel, Oliver Kraushaar, Heidi Ecks, Alexandra Finder, Timo Fakhravar, Kornelius Eich, Ildiko Schwab, Vanessa Schwab, Stefan Biaesch, Andreas Tillmann, Virginia Goldmann und Alice im Wunderland

Wieder am 27. und 28. Februar 2016. Bei beiden Vorstellungen gibt es allerdings nur noch die Chance auf Restkarten an der Abendkasse. Aber die Spielzeit läuft ja noch ein bisschen …