außer dienst heißt im theater oder zuschauen als ritual

Unser Centraltheaterfreunde-Stammtisch findet überregionale Beachtung in der Theater-Presse! Wir freuen uns über den Beitrag ZUSCHAUEN ALS RITUAL von Christian Horn in der Theater der Zeit vom Dezember 2010:

Außer Dienst heißt im Theater – Der Theaterstammtisch am Centraltheater Leipzig.

Das Astra geht zurück. Werner Mattke, Stammgast im Leipziger Theatercafé Pilot lässt den Kellner zwei mal laufen. Der hatte das Bier, man kennt sich, ungefragt gebracht. Doch Werner fühlt sich heute grippal. Also: Bier weg, Pfefferminztee her.
Ist Werner nicht krank, dann ist er eigentlich auf Arbeit. „In so einer Galvano-Tech-Bude“, wie der Mittfünfziger sagt. Ist er aber nicht auf Arbeit, so ist er, wie sein Tischnachbar schnell ergänzt, immer im Theater. Er zählt zu einem Dutzend Personen, die am Leipziger Centraltheater den harten Kern eines Theaterstammtisches bilden. Sie reisen den Akteuren zu Aufführungen nach München, Oslo oder Kopenhagen hinterher. Oder sie werden zu Dauerbesuchern ein- und derselben Inszenierung in Leipzig.
So auch Thomas Pannicke, promovierter Biologe, bärtig und krauses Haar, Mitglied der Shakespeare-Gesellschaft. „Theater muss wehtun“, sagt er. Und er hat die Verweigerung von Jürgen Kruses Bühnenästhetik gegenüber dem schnellen Spektakel als eine seiner liebsten Zuschauerübungen entdeckt. Acht Mal hat er den legendären „Don Juan“ gesehen und bedauert das Absetzen der Inszenierung. „Ein Stück wie Musik“, sagt er. Auch Werner war drin. Noch öfter? Nun ja: „Bei jeder Aufführung. Nur drei Mal nicht.“ „Aber auch nur, weil er Dienst hatte!“, wirft Thomas ein. Natürlich sind nicht alle hier ganz so besessen. Ruhig und gelassen sitzt Elke Sander am Tisch. Eine Rentnerin mit ein wenig Werthers-Echte-Aura. Der nervige Journalist an ihrer Seite macht sie eher nervös, als dass sie sich bei der Beantwortung seiner Fragen wohl zu fühlen scheint. Als sie nach Leipzig kam, wollte sie sich persönlich engagieren, nicht nur mit Geldspenden einen sozialen Beitrag leisten. Seitdem arbeitet sie im Abenddienst des Centraltheaters und kommt auch zum Theaterstammtisch. Außerdem ist sie Mitglied im Freundeskreis des Hauses. Doch selbst wenn sie es nicht wäre – aufgepasst! – dürfte (!) sie Mitglied des Stammtisches sein. Richtig, hier gibt es klare Regeln. In diesem Fall freilich eine Nicht-Regel.
„Wir müssen die offene Form des Stammtisches wahren!“ sagt Christian Palm. Und lässt dem Imperativ zwei lebende Beweise folgen, indem er auf Thomas und Werner zeigt: „Sie sind zum Beispiel nicht Mitglieder des Freundeskreises.“
Palm ist von Beruf Anwendungstechniker. Er sitzt an diesem Stammtisch nach eigenem Bekunden nicht, weil seine Frau Jutta Palm gleich neben ihm sitzt und sich, neben ihrer Tätigkeit als Fachpflegekraft, im Vorstand des Freundeskreises vom Centraltheater und als Organisatorin des Stammtisches engagiert. Sondern er ist hier, weil er immer schon im Dialog über das war, was man so Gesellschaft nennt. Lange Zeit im Westen in der Gewerkschaft, nun im Osten im Centraltheater.
Es gibt weitere Regeln. So werden Gäste – Schauspieler und Akteure des Hauses – nach allen Gepflogenheiten der Konversationskunst mit einem biografischen Kurzabriss begrüßt. Egal, wie laut der Wirt hinter der Bar mit dem Geschirr scheppert, so viel Anstand muss sein. Und es gibt auch schon ein Ehrenmitglied. Clemens Meyer, dem Centraltheater durch Dramatisierungen seiner Erzählungen und bald die Uraufführung seines ersten Theatertextes verbunden, wurde in den goldenen Sattel gehoben.
Es geht also um mehr als Pfefferminztee und Bier. Über Aufführungen, Regisseure, über das heutige Verständnis von Theater wird diskutiert. Einig ist man sich, dass der Intendant Sebastian Hartmann das Haus in der Breite von Sehangeboten und Ästhetiken weit nach vorn gebracht hat. Der Einwand, dass dieser in seinen eigenen Inszenierungen allzu oft Berliner Theaterästhetiken der letzten 15 Jahre recycle, wird lässig retourniert: wenn schon, man sei hier in Leipzig. Als die Schließung der Nebenspielstätte des Hauses durch die Stadt Leipzig drohte, reichte man eine Petition an den Stadtrat ein. Fans stehen ihrem Theater erst recht in Krisenzeiten bei.
Warum man so ein Theaterfan ist? Warum man bis zu 100 Mal in der Saison ins Theater geht? Darauf kann niemand wirklich antworten. Doch diese Frage darf man wohl einem Theaterfan genausowenig stellen wie einem Fußballfan.
Wie im Stadion, so kann übrigens auch im Theater die Platzwahl zum Ritual geraten. In Hartmanns „Kirschgarten“ sitzt Werner immer dort, wo nur wenige Zentimeter vor den Knien der Zuschauer das Auto zur Mitte der Inszenierung in die Sicherheitsseile haut. Theater muss weh tun? „Ja“, sagt Thomas, „aber noch weiter links ist dann auch für Werner gesperrt. Sicherheitsgründe.“