ausgetrieben? die bösen geister verlassen frankfurt

Frankfurt am Main im April. Gerade ist die Vorstellung der Dämonen vorbei und der von Leipziger Verhältnissen nicht verwöhnte Zuschauer denkt noch bei sich: Wow, ziemlich viel Publikum, junges Publikum in diesem riesigen Frankfurter Zuschauerraum. Und das an einem Montagabend. Bei einem solchen langen, anstrengendem Stück. Bei dem fast schon sommerlichen Frühlingswetter da draußen.

Dämonen © Birgit Hupfeld

Dämonen © Birgit Hupfeld

Für die Frankfurter Chefetage aber war es offensichtlich nicht genug: Ende Januar erst die Premiere, dreieinhalb Monate später wird die Dostojewski-Inszenierung von Sebi Hartmann schon wieder Geschichte sein.

In der Kantine macht sich nach dieser vorletzten Vorstellung Enttäuschung breit, Wut, Unverständnis und Traurigkeit: „Kannst du das verstehen?“ fragt Tolga Tekin, der in den letzten vier Stunden  in seinem Rollstuhl über die Bühne kreiste, vom Ensemble umringt anstelle der ganzen Menschheit starb und kurz drauf neu geboren wurde. Das Ensemble liebt diesen großen Abend, das sieht man in jeder einzelnen Minute on stage und das spürt man jetzt.

Sebastian Hartmann nimmt sich nicht einen Roman her, um ihn auf einen theatertauglichen Plot zu verkleinern. Er nimmt ihn sich vielmehr her, um das Theater groß zu denken. Wolfgang Behrens, nachtkritik.de

An einen solchen Abend muss man glauben! Den muss man aushalten. Was hier auf der Bühne passiert ist wunderbar, ist unglaublich intensiv. Ein Theater, das Fragen stellt, das fordert, das wissen will und weiß, dass es nicht weiß, das nicht kalt ist oder lau sondern ganz oder gar nicht, das bis zum Kern der Dinge bohrt und dabei schmerzhaft den Nerv trifft, das das eigene Scheitern in Kauf nimmt – einfach weil es so sein muss. Am Schauspiel Frankfurt hingegen scheint man an eher Zahlen zu glauben, an Auslastung, an Logistik, an Bilanzen und Disposition.

Dämonen © Birgit Hupfeld

Dämonen © Birgit Hupfeld

Nicht nur das Ensemble verliert hier ein Stück, das es lebt und liebt. Das Haus selbst vergibt eine Chance, das Potential, das in diesem Abend steckt. Da passiert endlich mal etwas im Zuschauerraum verdammtnochmal! Da passiert was im Zuschauer: Kein „ja, ganz nett“ und zack, vergessen. Fisch oder Fleisch! Die Leute sind dabei, die sind dran. Und dass es ein bißchen Hartmann genausowenig gibt wie ein bißchen schwanger, dass habt ihr doch vorher gewusst! Ja, es gibt Buhrufe. Und es gibt Standing Ovations. Draußen wird noch lang über das Erlebte gesprochen. Es wird gestritten. Über Theater! Ist das nicht wunderbar?

Nun also der Abgesang. Morgen Abend letzter Vorhang. „Die Harder!“ – Gebt nochmal alles, ihr fantastischen, ihr wunderbaren, ihr atemberaubenden Seelen-Schau-Spieler! Die bösen Geister werden uns ganz sicher nicht den Gefallen tun und mit dieser Derniere an Himmel-Fahrt in den Himmel fahrn. Die bleiben. Wenn auch nicht auf d(ies)er Bühne.


» Die reihesiebenmitte-Premierenkritik
» Dämonen, die Letzte: Donnerstag, 14. Mai, 19 Uhr

In der kommenden Spielzeit wird Bastian Kraft mit Schuld und Sühne die Frankfurter Dostojewski-Trilogie vollenden. Und auch einen neuen Hartmann wird’s am Main geben: Gogols Revisor. Premiere ist im Februar 2016.