aussteigen aus der chronologischen zeit ins emotionale licht und schattenreich

Am 24.03. war es soweit, der 1965 in Schkeuditz geborene Preisträger des Leipziger Theaterpreises 2010 des Freundeskreises Schauspiel Leipzig e.V. kam als Gast des Stammtisch Late Night Specials.

Hagen Oechel in Paris, Texas
(Photos: Rolf Arnold / CT und Thomas Aurin (Paris, Texas))

Hagen Oechel erscheint „bartlos und mit imaginären Flügeln“, pünktlich.
Checkt mit Speed die Lage, übernimmt die Führung, legt los.

Leicht wäre es nun sich an die Fülle der gelieferten Daten und Ereignisse zu heften. Hochprofessionel schafft er sich das Setting, setzt sich lässig in Beziehung und beweist sich als nüchterner Chronist seiner eigenen Entwicklung.

Zeit als Ordnungsgröße mit eindeutiger unumkehrbarer Richtung. Aber auch als starke integrative Kraft.

Wer dies verstehen will, sollte sich an Oechels unvergleichliche Darstellung in Kruses Don Juan erinnern lassen.

Da dampft er mit Hilfe von Rhythmus, seines ganz speziellen Spiels von Dauer/Handlung und Pause/Enthaltung seine Figur auf dem Zeitpfeil ins 21.Jahrhundert und bewirkt somit eine Riesenprovokation.

Der Mann hat seinen eigenen Grundschlag. Ob nun als Tod im Jedermann, den er lapidar gibt und damit schon wieder den respektlosen Kommentar mitliefert, oder in den unterschiedlichsten Figuren wie in „Büchner/Leipzig/Revolte“, „Der Kirschgarten“, „Die Nacht, die Lichter“, „Pension Schöller“.

Der wesentliche Parameter für seine Schauspielkunst scheint das Streben nach Objektivität, Klarheit, Logik zu sein. Er erreicht mit der Lösung der Entpersönlichung den Transfer vom Zeitlichen ins Zeitlose. Mit wieviel räumlicher Ausdruckskraft zeigt er nicht zuletzt in „we are blood“ und Paris-Texas. Beides Stücke, die überregional Anerkennung erfahren.

Er ist ein großer, lakonischer Erzähler der sich lustvoll an dem Widerspruch von Spiel und Sein abarbeitet. Ein Wanderer der sich auskennt mit Fülle und Leere, Anfang und Ende. Der es schätzt, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, aber trotzdem die Verortung sucht.

Die künstlerische Heimat hat er nun wohl gefunden, hier am CT. Er schätzt die flache Hierarchie des hiesigen Stadttheaters, die Anforderung an die Eigenverantwortung. Im gleichwertigen Miteinander den hohen Anspruch an Kunst zu verwirklichen, dass ist sein Ding.

Wer weiß wie er tickt, versteht, dass er neben Guido Lambrecht nicht nur für seine exzellenten schauspielerischen Leistungen ausgezeichnet wurde. Er repräsentiert die bauchgesteuerte Seite dieses Typs Stadttheater, dass subversiv kraftvoll nach vorne Strebende.

Den Abschluß des Abends gibt er wie den Anfang: uneitel, freundlich diesen beendend, ohne die Tür für immer zu zumachen.