auswärtsspiel in berlin

In den Jahren der Intendanz von Sebastian Hartmann waren auf der Bühne des Centraltheaters zwei Schauspielerinnen in Gastrollen zu erleben, die man ansonsten von der Berliner Volksbühne her kennt: Sophie Rois (als Medea) und Kathrin Angerer (in “Der gute Mensch von Sezuan”). In Dostojewskis „Der Spieler“ kann man nun beide Damen gemeinsam in der Regie Frank Castorfs an der Volksbühne sehen. Mit Dostojewski feierte Castorf schon Ende der 90er Erfolge. Er inszenierte „Dämonen“, „Erniedrigte und Beleidigte“, „Der Idiot“ (mit Cordelia Wege) und „Schuld und Sühne“ – alles ausufernde, mehrstündige Inszenierungen, in denen ein sehenswertes Volksbühnen-Ensemble brillierte: Hübchen, Wuttke, Peschel, Rois, Angerer, Rieger, Fritsch, Schütz und und und…

dostojewskis spieler. regie frank castorf.

Nach einigen Jahren ohne Dostojewski nun also „Der Spieler“, eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Die Kritikermeinung zur Premiere in Wien war überwiegend positiv. Erstaunlich, hatte man doch in letzter Zeit den Eindruck, das Feuilleton sei bemüht, Castorf eine gewisse Müdigkeit anzudichten.

DER SPIELER , THE GAMBLER , OFFICIAL TRAILER for the VOLKSBÜHNE BERLIN and WIENER FESTWOCHEN DIRECTED by DANIEL JOSEFSOHN from Volksbühne Berlin on Vimeo.

Die Hauptrolle, also den Alexej Iwanowitsch, spielt Alexander Scheer. Dieser hat, der nach einigen kleineren Rollen unter Castorf, bereits vor drei Jahren in „KEAN“ (Musik damals übrigens von Steve Binetti, der nun auch verschiedentlich in Leipzig zu erleben war) gezeigt, dass er sich auch in einer Hauptrolle pudelwohl fühlt – Theater heute wählte ihn zum Schauspieler des Jahres 2009.

Im Gegensatz zu anderen Dostojewski-Romanen ist „Der Spieler“ ein eher dünnes Büchlein. Um den Abend nicht zu kurz werden zu lassen, wird noch Dostojewskis Groteske „Das Krokodil“ mitverwertet. Und es ist tatsächlich eine äußerst gelungene Castorf-Arbeit geworden. Erzählt wird die Geschichte einer russischen Familie in Roulettenburg – im Zentrum der Spieler: Hauslehrer Alexej Iwanowitsch. Zur Spieler- und Verliererin wird aber auch die reiche Erbtante, die ihr Vermögen binnen kürzester Zeit beim Roulette durchbringt. Alexejs Liebe zu Polina, der Stieftochter der Familie, bleibt unerfüllt, weil die Spielsucht Besitz von ihm ergreift. Dostojewski hat hier seine eigenen Erfahrungen mit der Spielsucht verarbeitet.

alexander alexej scheer

Alexander Scheers Alexej ist ein Irrlicht, immer in Bewegung und man möchte nicht wissen, wie viele blaue Flecke er sich bei jeder Vorstellung holt. Mal wälzt er sich auf einem Haufen Kartoffeln, mal liegt er zuckend am Boden, so daß man an Dostojewskis Epilepsie denken muß, dann wieder holt er die Gitarre raus. Besonders beeindruckend die Szenen, die hinter den Kulissen stattfinden und per Kamera projiziert werden: leinwandgroß kann man in die Gesichter von Alexej und Polina (Kathrin Angerer) blicken, so daß es nicht mehr stört, daß man in der 14. Reihe sitzt. Sophie Rois spielt die Tante – böse, zynisch, egoistisch – „Was wollt ihr denn? Es ist doch nicht euer Geld, das ich hier verliere.“ Am Spieltisch wird aus der alten Dame eine attraktive Frau, den Verlust jedoch verhindert das nicht. Hendrik Arnst ist der General, das Familienoberhaupt, wohlgenährt und ohne Hemmung, das zu zeigen. Am Ende hat er seine Geliebte Blanche (Margarita Breitkreiz) geheiratet, liegt dann aber tot auf dem Bett. Der große, kantige Frank Büttner hat einen Kurzauftritt als angebliche Mutter von Madame Blanche, wird dann aber zum deutschen Krokodilsbesitzer. Der will auf keinen Fall zulassen, daß sein Krokodil Karlchen geschlachtet wird, nachdem es einen russischen Beamten verschluckt hat. Nein, im Gegenteil, jetzt will er noch höhere Eintrittsgelder verlangen – das ökonomische Prinzip.

Sicher kann man behaupten, hier wird „Der Spieler“ verwurstet, verslapstickt, ins Lächerliche gezogen. Aber diese Art, mit Texten umzugehen, ist typisch für Castorf, der Text wird nicht nur mit dem „Krokodil“ angereichert, sondern auch mit Textstellen aus anderen Dostojewski-Werken, auch Heiner Müllers Auftrag wird kurz zitiert und wahrscheinlich wird noch vieles andere angerissen und erwähnt, ohne daß es der Zuschauer alles erfassen kann. Denn wie fast immer in einer mehrstündigen Castorf-Inszenierung – es kommt der Moment, wo man müde wird, wo man dem Geschehen nicht mehr aufmerksam folgt. Ein kurzer Moment nur, dann ist man wieder dabei. Auch das gehört dazu bei Castorf, der das Publikum gern fordert. Doch gerade diese Forderung, diese Anstrengung führt dazu, daß man erkennt: Nein, das hier ist keine Komödie. Wir sehen dem Kampf des einsamen, verzweifelten Subjekts mit dem Leben zu.

Und natürlich muß man Castorf mögen. Es entscheidet kein objektives Kriterium über gut oder schlecht. So wie es in Leipzig über Sebastian Hartmann heißt, er würde zu sehr polarisieren, so mag auch mancher Berliner Abonnent geurteilt haben, als Frank Castorf 1992 die Volksbühne übernahm und gründlich entstaubte. Nun hat man in Berlin den Vorteil, ins Deutsche Theater, ins Berliner Ensemble oder in ein anderes Theater gehen zu können, wenn einem der Castorf-Stil nicht liegt. Wenn dem so ist, sollte man sich diesen fünfstündigen Spieler-Abend nicht antun. Doch wer sich darauf einläßt, der wird einen großartigen Abend erleben.

castorf-hartmann-und?

Ein interessanter Nebeneffekt ist, daß man als Leipziger Centraltheatergänger bei einem Ausflug nach Berlin die Möglichkeit hat, den Regiestil von Frank Castorf mit dem von Sebastian Hartmann vergleichen zu können. Besonders schön wäre das sicherlich, wenn beide den gleichen Text inszenieren würden. Da fällt mir auf Anhieb „Pension Schöller“ ein, wobei natürlich Castorfs Version Mitte der 90er Jahre auf die Bühne kam, was den direkten Vergleich dann doch wieder erschwert. Tatsache ist, daß Castorf im Theater mehr verändert hat als jeder andere Regisseur in den letzten 20 Jahren. Man kann sagen, daß er einen neuen Stil kreiert hat, ein anarchistisches, den Text zertrümmerndes Theater, das nicht vor Schmutz, Blut und Lärm zurückschreckt, das den Schauspieler an seine Grenzen treibt und den Zuschauer durchaus auch. Wenn ich das Textzertrümmern erwähne, so sollte doch nicht ungesagt bleiben, daß aus den Trümmern Neues entsteht – Fremdtexte werden einmontiert, oft werden ganze Stücke miteinander verschränkt (so Pension Schöller mit Heiner Müllers Schlacht) und eigene Assoziationen spielen oft eine Rolle. Castorfs Theater ist auch eine Widerspiegelung aktueller Politik, wobei man Castorfs DDR-Herkunft nicht übersehen kann (nicht umsonst prangt das Wort OST über der Volksbühne), aus der sich auch seine Affinität für russische Texte ergeben mag.

Sebastian Hartmann ist durch Castorfs Schule gegangen und hat dort vieles gelernt. Bei seiner Eröffnungsinszenierung in Leipzig – „Matthäuspassion“ – fühlte ich mich phasenweise in die Volksbühne versetzt. Und manchmal hört man den Vorwurf, Hartmann mache jetzt hier das, was an der Volksbühne in den 90ern aktuell gewesen sei. Wer etwas genauer hinschaut, stellt fest, daß an diesem Vorwurf nicht viel dran ist. Auch wenn Hartmann bestimmte Mittel nutzt, so hat er doch seinen eigenen Stil entwickelt. Sein Zugriff auf den Text ist oft nicht so direkt aktuell, dafür dominiert bei ihm eine stärkere Bildhaftigkeit und Metaphorik. Bezeichnend in diesem Zusammenhang das Motto, das Hartmann seine Inszenierungen lange Zeit voranstellte „All that we see or seem is but a dream within a dream“ – eine Zeile aus einem Gedicht von Poe. Und oft sind es die traumhaft schönen Bilder, die im Gedächtnis des Zuschauers hängenbleiben – der letzte Akt der Matthäuspassion, die Sterbeszene des Königs in Macbeth, der brennende Mann im Kirschgarten oder, auch im Kirschgarten, der ertrunkene Sohn, der bei Tschechow gar nicht als Person auftaucht.