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Berlin-Tipp: Julie | 16.-19- Mai 2019

leo skverer & nele rosetz im theaterdiscounter

Juli. Theaterdiscounter Berlin.

Leo Skverer, der in Leipzig das wuchtige „Missverständnis“, das wunderschön-fragile „Fräulein Else“ mit Sina Martens und zuletzt Satres „Geschlossene Gesellschaft“ in der Baustelle verantwortet hat, bringt jetzt in Berlin am Theaterdiscounter seine nächste Arbeit heraus: Am 16. Mai hat dort „Juli“ Premiere, ein Stück des russischen Autors Iwan Wyrypajew:

An einem Tag im Juli, dem verlorenen Monat des Müßiggangs, wacht Pjotr, 63, in der zentralrussischen Einöde auf und sieht, wie das Feuer sein Haus und seinen Verstand zum Schmelzen bringt. Seine Reise zur nächstgelegenen Stadt beginnt Pjotr mit dem Mord an seinem Nachbarn, dann tötet er einen Obdachlosen und den Priester des Klosters, in dem er Obdach findet. Als er in eine geschlossene Anstalt gesteckt wird, glaubt er in der Pflegerin seine Jugendliebe zu erkennen …

Oha, harter Stoff. Es spielt Nele Rosetz, die dem Leipziger Publikum auch keine Unbekannte sein dürfte.


» Juli 
von Iwan Wyrypajew. Regie: Leo Skverer. Ausstattung: Agathe MacQueen. Musik/Sound: Martin Hachmann. Dramaturgie: Marcus Peter Tesch. Es spielt Nele Rosetz.

Premiere am 16. Mai, Vorstellungen 17.-19. Mai 2019

 

 

Prinz Friedrich von Homburg | Schauspiel Leipzig

ein traum, was sonst? philipp preuss macht aus kleists homburg einen überwältigenden bilderzauber

Prinz Friedrich von Homburg © Rolf Arnold

Prinz Friedrich von Homburg © Rolf Arnold

Inmitten lichter Nebelschwaden tollt ein junges, verliebtes Paar über die leere Bühne – sich zärtlich neckend, sich übermütig umgarnend. Leicht und vergnügt wirkt das, und doch scheint über allem ein seltsam dunkler Schatten zu liegen: denn zwischen hin- und hergeworfenen, verspielten Liebesschwüren brennt auch ein Dorf im Krieg lichterloh, der Vorhang öffnet und schließt sich vielfach und bedrohlich und immer wieder sinken die beiden, in jungfräuliches Weiss gekleideten Liebenden sanft in die schwarze Umarmung eines hier sechzehnarmigen Todes.

Das ist die Eingangsszene in Philipp Preuss‘ Prinzen von Homburg, der letzten Samstag auf der Leipziger Schauspielhausbühne Premiere hatte. Und sie umreißt schon die Pole, zwischen die sich die Inszenierung aufs Schönste spannt: zwischen dem Leichtesten und dem Schwersten, ungestümster Lebenslust und düsterster Todesnähe. Ein Abend, der in mehrfacher Hinsicht sehr reduziert daherkommt und gerade deshalb zu einer großen Dichte und bildmächtiger, ästhetischer Wucht gelangt.

Reduziert ist das Personal – vier Spieler und ein achtköpfiger Chor reichen aus, um das Drama des Kleistschen Prinzen vielseitig zu befragen. Reduziert auch die Bühne von Ramallah Aubrecht – eine leere, nach hinten von einem Halbrund begrenzte Arena sowohl für die brandenburgisch-schwedischen Kriegsspiele, als auch für den Liebesreigen der beiden Protagonisten. (In einer der intensivsten Szenen des Abends wird beides später verschmelzen.) Dazu ein einziger Spot (Licht: Carsten Rüger), der im Zusammenspiel mit Drehbühne und Nebelmaschine das Geschehen unbarmherzig grell ausleuchtet, die Konturen mal schärft, mal verschwimmen lässt und vor allem tiefe Schatten zeichnet.

Prinz Friedrich von Homburg © Rolf Arnold

Prinz Friedrich von Homburg © Rolf Arnold

Und an Schatten und Grautönen reich ist dieses merkwürdige, vielfältig ver- und sicher oft missverstandene späte Drama Kleists, in dem sein schlafwandlerischer Liebestaumel mit der Fürstennichte Natalie den Prinzen von Homburg derart verwirrt, dass er den Befehl seines Dienstherrn überhört und sich zu früh begeistert ins Kriegsgeschehen stürzt. Zum glücklichen Sieg, immerhin. Dann gibt es Kunde, der Kurfürst sei gefallen.

Mit feiner Ironie lässt Preuss an dieser Stelle seine Mannschaft zu einem (Doch-noch-nicht)-Schluss-Applaus in Slow Motion an die Rampe treten und tatsächlich wäre alles gut und das Drama hier zu Happy-Ende, wäre der Totgesagte tatsächlich tot und würde nicht recht lebendig und gewohnt prinzipientreu den ungestümen Prinzen wegen Befehlsverweigerung zum Tode verurteilen lassen.

Es mangelt auch in Folge nicht an manch kluger Irritation, nicht an feinem Witz, geschickten Vor- und Rückgriffen und schon gar nicht an (alb)traumsatten, düster-berauschenden Theaterzauberbildern. Letztere genügen sich dabei nie selbst, sondern scheinen direkt aus der Befragung des Stoffes zu entstehen. Und Reduktion auch hier, denn der Konflikt, der Preuss interessiert, hat nur am Rande mit Staatsräson, Obrigkeitshörigkeit und Befehlsverweigerung zu tun. Der eigentliche Konflikt liegt im Homburg selbst: Zerrissen zwischen Traum und Wirklichkeit, Verstand und der Macht des Unbewussten hat der schon verloren bevor er überhaupt das erste Mal die Uniformjacke über das unschuldig-weisse Gewand streift.

Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!

Dabei scheint Felix Axel Preißlers Homburg noch lebensgieriger zu sein als sein Gynt. Aber auch noch lebensmüder – oder besser: todessehnsüchtiger – als der Osvald aus den Gespenstern. Und auf unheimliche Weise immer beides zugleich, im selben Augenblick, als würde ein Pendel im gleichen Moment in entgegengesetzte Richtungen ausschlagen wollen. Von reinem Weiss über blutiges Rot bis zu erdigem Schwarz färbt die Geschichte ihm Kostüm und Seele und gebannt folgt man ihm von seligstem Übermut bis in die tiefste Verzweiflung.

An seiner Seite eine großartige und überaus wandlungsfähige Anna Keil: wunderbar, wie sie leichtfüssig als sehr lebendiges Traumgebilde im Liebesreigen tanzt; wie sie in der eingangs erwähnten Liebe-ist-Krieg-ist-Liebe-Szene um alles kämpft, wie sie, eiskalten Blutes und neutraler als die Schweiz, des Liebsten Genick bricht! Die beiden sind nicht einfach nur Homburg und Nataljen, sie sind mindestens auch Heinrich und Henriette, wenn nicht gar Adam und Eva – nach der Vertreibung aus dem Paradies.

Prinz Friedrich von Homburg © Rolf Arnold

Prinz Friedrich von Homburg © Rolf Arnold

Markus Lerch ist dem Prinzen als Graf Hohenzollern ein guter Kamerad, zwischen wissend und verwirrt und wie immer mit wunderbar trockenem Humor. Andreas Keller spielt seinen Kurfürsten gewohnt markant, nie ganz durchschaubar und mit schöner, pointierter Komik. Antipodenhaft und wirkmächtig entgegengesetzt ist diesem tollen Ensemble ein meist schwarzer, gesichtsloser Chor. Achtköpfig und sechzehnarmig lockt der anfangs die so Lebendigen sanft in die tödliche Umarmung, zieht an anderer Stelle eine schwarze Kutsche im unheimlichen Gegenlicht, als wäre sie schon unterwegs in eine andere Welt und scheint am Ende selbst zu jener Erde zu werden, die den Homburg unter sich begraben wird.

Ein Traum, was sonst?

Dazu komponieren Philipp Rohmer und Cornelius Heidebrecht an Bass, Klavier und allerlei mehr analogen Instrumenten und elektronischem Equipement einen vielstimmigen, rhythmischen, bisweilen atonalen, vorantreibenden Sound, der schon vor der ersten Szene durch das Schauspielhaus wummert und nach dem letzten Vorhang noch lange nicht verebben will. Wie Wächter stehen die Musiker links und rechts am Bühnenportal und sind doch ein klingendes Bindeglied zwischen Zuschauerrealität und Bühnentraum.

Die beiden sind auch nicht ganz unschuldig daran, dass es der Abend ein wenig eilig zu haben scheint. Ein atemloses Weiter, weiter liegt in der Luft, kaum bleibt Zeit, den Kleist’schen Worten auch nur ein wenig nach zu lauschen. Wie Ein Traum, was sonst? ist er auch schon vorbei. Aber man kann ja einfach noch mal kommen und eintauchen in diese bildmächtige Welt, die so wunderschön ist wie todtraurig, sehr wirklich, aber doch nicht wirklich greifbar.


» Prinz Friedrich von Homburg
Heinrich Kleist. Regie Philipp Preuss. Bühne: Ramallah Aubrecht. Kostüme: Eva Karobath. Musik: Kornelius Heidebrecht und Philipp Rohmer. Video: Konny Keller. Dramaturgie: Clara Probst. Licht: Carsten Rüger. Mit Felix Axel Preißler, Anna Keil, Andreas Keller, Markus Lerch und dem Chor: Noa Flach, Max Giebel, Magdalene Göök, Ulrike Kase, Jonas Lürig, Hanno Petersen, Lucas Reis, Bastian Renner, Jule Roßberg und Leonore Thiem.

Nächste Vorstellungen: 5., 18. und 30. Mai 2019