herbstzeitlose – die euro-scene 2012

Nun ist sie doch schon wieder ein paar Tage vorbei, die diesjährige euro-scene: 6500 Zuschauer sahen an den sechs Festivaltagen die zwölf Gastspiele aus neun Ländern. Dabei war der Spielplan wie üblich so aufgestellt, dass es dem Besucher bei geschickter Planung (und genügend Ausdauer) möglich war, alle Gastspiele zu erleben. Unser Autor Thomas Pannicke hat im Festivalmarathon  immerhin acht Veranstaltungen gesehen. Und stellt uns sein persönliches „Best Of“ vor.

Bildrechte: Klaus Lefebvre, Hagen © euro-scene Leipzig 2012

Sul concetto di volto nel figlio di Dio: © Klaus Lefebvre, Hagen / euro-scene Leipzig 2012

Societas Raffaello Sanzio – Sul concetto di volto nel figlio di Dio

Die Truppe Societas Raffaello Sanzio von Romeo Castellucci aus Cesena ist dem erfahrenen euro-scene-Besucher schon ein Begriff. Castellucci zeigte „Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn“, das Stück, das nach der Uraufführung 2010 in Essen heftige Proteste christlicher Fundamentalisten auslöste, die z.B. in Paris die Aufführung zu verhindern suchten. Insofern war es eine mutige Entscheidung, das Stück in Leipzig erstmals in einer Kirche zu zeigen. Von Protesten war hier nichts zu spüren. Dafür konnte man einen wirklich beeindruckenden Theaterabend erleben.

Den Großteil der Inszenierung nimmt eine eigentlich simple Geschichte ein – ein junger Mann will die Wohnung, die er gemeinsam mit dem Vater bewohnt, verlassen, seiner Kleidung nach zu urteilen in Richtung Büro. Der Vater hat jedoch offensichtlich Probleme mit der Verdauung und füllt mehrmals die Windeln, die der Sohn dann wechselt. Verstärkt wird die Szene, die so wohl selten auf einer Bühne zu sehen ist, dadurch, dass sie sich vor einem riesigen Jesusporträt abspielt. Castellucci wollte den Besucher mit dem Jesusporträt konfrontieren – und dann tritt plötzlich etwas dazwischen, die jeder, der mit der Pflege alter Menschen zu tun hat, nur zu gut kennt. Danach betritt eine Gruppe Kinder die Bühne und jedes packt eine ansehnliche Menge Handgranaten aus seinem Rucksack. Die werden entsichert und auf das Jesus Angesicht geworfen. Keine davon detoniert wirklich, sie prallen von einem ungerührten Sohn Gottes ab.

Kann  der Mensch mit dem Protest gegen Gott nichts erreichen? Lässt sich Gott von menschlicher Wut nicht beeindrucken?  Das sind nur zwei von vielen möglichen Interpretationen. Der Ausklang gelingt dann recht plakativ: Hinter dem nun mit den Theaterfäkalien begossenen und zerfetzten Jesusporträt erscheinen die Worte You are not my shepherd, wobei not nur zeitweise lesbar ist. Das schmälert aber nicht die starke Wirkung des Abends, die schwer in Worten wiederzugeben ist. Wer eine der beiden Aufführungen in der Peterskirche gesehen hat, wird mir zustimmen.

Miranda:  © Dmitrij Matvejev, Vilnius / euro-scene Leipzig

Oskaras Koršunovas – Miranda

Traditionell sind osteuropäische Produktionen ein Schwerpunkt des Festivals. Oskaras Koršunovas aus Vilnius war schon mit zwei Shakespeare-Adaptionen in Leipzig zu sehen und hat auch in diesem Jahr eine solche dabei: „Miranda“ nach William Shakespeares „Sturm“, wie das Programheft vorsichtig erklärt. Titelgebend liegt bei dieser Inszenierung des Regisseurs Interesse auf Prosperos Tochter Miranda. Die Bühne stellt das Innere einer Wohnung in der Sowjetunion der 70er oder 80er Jahre dar: Dass im Fernsehen eine sowjetische Nachrichtensendung lief, habe ich erkannt, dass aus dem alten Röhrenradio die Stimme von Alla Pugatschowa klingt, zumindest geraten, aber dass es nicht unüblich war, Schlitten und eingelegte Gurken in den obersten Fächern einer Schrankwand aufzubewahren, war mir bislang nicht bekannt. Eine Ausstattung mit viel Liebe zum Detail also. Und sehr realistisch, wie mir eine Dame versicherte, die in der SU aufgewachsen ist.

Prospero und Miranda erscheinen als Vater mit seiner behinderten Tochter. Beide beginnen, Shakespeares „Sturm“  –  Mirandas Lieblingsbuch  – zu lesen. Mit andauernder Lektüre treten die beiden immer mehr in die verschiedenen Rollen des Stückes und durch den Umgang mit Shakespeares Worten, aber  auch durch das, was sie spielt, überwindet Miranda ihre Behinderung und tanzt am Ende sogar als Ballerina. Das Programmheft und die Ausführungen im anschließenden Publikumsgespräch thematisieren vor allem die Versetzung der Handlung – speziell der Verbannung eines Intellektuellen – in die Zeit der Sowjetunion. Airida Gintautaite, die Darstellerin der Miranda, hält das dagegen für nur eine mögliche Interpretation: Durch den Triumph Mirandas über ihre Behinderung würden viel zeitlosere und allgemeingültigere Werte dargestellt. Also durchaus auch ein Abend für Menschen, die das Innere einer sowjetischen Wohnung nicht kennen.

Bildrechte: Antonio Galdamez Muñoz, Witold Meysztowicz, Warschau © euro-scene Leipzig

Tu mówi chór:  © A. Galdamez Muñoz, W. Meysztowicz, Warschau /euro-scene Leipzig

Marta Górnicka – Tu mówi chór

Ebenfalls aus Osteuropa, genauer gesagt aus Warschau, kam „Hier spricht der Chor“. Im Programmheft stand als Gattungsbezeichung Musiktheater und tatsächlich denkt man bei Chor auch zuerst an Gesang. Dass es bei den alten Griechen üblich war, im Schauspiel einen Chor auf der Bühne zu haben, war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Einar Schleef und Volker Lösch haben einiges getan, um den Chor wieder auf die Sprechtheaterbühne zu holen. Und ähnlich, wie man es auch oft bei Lösch sieht, hat die Regisseurin Marta Górnicka einen Laienchor zusammengestellt: einen Chor aus 25 Frauen. Im Text geht es vor allem um Gleichberechtigung und Emanzipation, um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Dass das auf viel überzeugendere Weise beim Publikum ankommt, als es vielleicht mit einer Gesprächsrunde zum gleichen Thema gelungen wäre, beweist die Kraft, die von einem sprechenden Chor ausgehen kann.

Alle drei Vorstellungen – und auch die restlichen, die ich gesehen habe – waren gut besucht.  Insgesamt lag die Auslastung bei über 96 % (!). Trotz diesem  großen Interesse an zeitgenössischem Theater in Leipzig geht die euro-scene, und damit viele großartige Theatermomente und der spannende Blick über den Tellerrand nach Europa, in eine ungewisse Zukunft. Für das nächste Jahr  hat BMW, in den letzten elf Jahren der wichtigste Sponsor, seine Unterstützung aufgekündigt.
Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff schaut trotzdem ambitioniert und optimistisch inach vorn. Der Termin für die nächste euro-scene steht denn auch schon fest: 5. bis 10. November 2013.