2010-2019 | Intendanz Walburg am Schauspiel Hannover

brennt lichterloh! abschied am schauspiel hannover

Das erste Mal waren wir 2012 am Schauspiel Hannover, als Hagen Oechel die Welt seiner Eltern in sich auferstehen ließ – seine erste Bühnentat als neues Ensemblemitglied. Nun endet nach 10 Jahren mit der Intendanz Lars Ole Walburgs schon so etwas wie eine Ära – geprägt vor allem von einem einmaligen, ideenreichen, übermütigen, spielfreudigen Ensemble mit einer ungeheuren Energie, mit Mut, Neugier und einer großen Liebe für das Theater und für einander.

 

Hagen Oechel war so zuzagen die Vorhut für eine ganze Reihe ehemals Leipziger Künstler, die seit 2013 an der Leine ein neues (künstlerisches) Zuhause gefunden haben. Alex Eisenach, Sascha Hawemann und Martin Laberenz inszenierten in Hannover. Auf der Bühne haben wir mit Sarah Franke, Jonas Steglich, Günther Harder und Carolin Haupt liebe „alte Bekannte“ wieder treffen, aber auch eine Menge Neuentdeckungen machen können.

it is better to burn than to fade away

Nun ist nach 10 Jahren Schluss und man hat sich entschieden, nicht leise, sondern mit einem großen Knall zu verschwinden. Neben dem tränenreichen Abspielen des Repertoires feierte ein 14tägiges Abschiedsfestival noch einmal die gemeinsame Zeit. Als letzte Großtat hat der Intendant mit Martin Mosebachs Rotkäppchen eine Alle-mit-allen-Produktion auf die große Bühne gewuppt. Ob als Fliege, Sessel, Tanne, Hasenlehrer Lampe oder Napfkuchen – hier findet wirklich jeder eine letzte Rolle. Allerdings auch ein Korsett: Denn in dem knapp dreistündigen, gereimten Text bleibt kaum Raum für Spiel.

Sei’s drum, kurzweilig ist das schräge Bildertheater allemal und reich an legendären Auftritten. Wenn Hagen Oechel als Wolf heult, Sarah Franke sich das güldene Haar kämmt und sich ihr rotes Käppchen erträumt oder Günther Harders rammsteinliker Jäger besser röhrt als jeder Hirsch im Wald -das hätten wir um nichts in der Welt verpassen mögen. Wunderbar auch Rainer Frank als engagierter Chorleiter einer Truppe halluzigener Pilze, Jakob Benkhofer als tröstlich-schlagersingende Rotweinflasche und Christoph Müller als schlaue und wolfsleichenhungrige Stubenfliege. Letzterer wird übrigens ab Januar das Leipziger Ensemble verstärken – wir freuen uns!

Mit 20 minütigem stehenden, gegenseitigen Applaus fiel am letzten Samstag Abend der allerletzte Vorhang. Zeit also, Abschied zu nehmen, (nicht nur) ein Tränchen zu verdrücken, alles, alles Gute zu wünschen und Danke zu sagen.

Danke …

… für Anna, die Drei Schwestern und für Johnny Depp. Für we were fuckin‘ born fuckin‘ ready und laufen, rennen, hetzen, kaufen. Für räuberische Ratten und verlorene Brüder. Für Loki und Dylan. Für magic Bullets und die nicht zu bremsende Lust for Life, für Häschenschüler, Kängurus und Schweigefüchse. Für Undercuts und existenzialistische Fönfrisuren. Für Wodka und Konjäkchen aus dem Kanister. Für Cumberlandnahmen, aufstrebende Städte und abgelegene Inseln. Für wilde Kerle und tragikomische Hotelmenschen. Für Knödeleien und den Brunftschrei der nordischen Seekuh. Für all eure Kraft und eure Liebe. Für euer Brennen, das Hannover für uns zu einer zweiten Heimatbühne gemacht hat. Hat einer ein Taschentuch, bitte!?