charlotte ≠ insel und die liebe eine zweischneidige scheiße

Nis-Momme Stockmanns neuer Theatertext «Charlotte» reibt sich an Goethes «Wahlverwandtschaften». An der Frage, ob man eine Wahl hat. Oder eher: wer aus der Verwandtschaft denn die Wahl hat. (Hier: Die Mutter.) Haben sollte. (Alle?) Und wer sie nicht hat. (Immer: Die Kinder.)

Wahlverwandtschaften ... Foto: Rolf Arnold

Künstlerisches Wort mit dem Schauspielstudio: Wahlverwandtschaften … Foto: Rolf Arnold

So, und jetzt wird’s ein bißchen persönlich: Den ganz schnell erweisen sich Theatertext und Ulrich Rasches Inszenierung als genauso idealer Stoff wie starker Tobak für frisch Getrennte. Genauer: Frisch getrennte Frauen. Frisch getrennte Frauen mit Kindern. Eine frisch getrennte Frau mit Kindern. Mich.

Liebe ist die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung, die ein Mensch einem anderen entgegen zu bringen in der Lage ist. Der Erwiderung bedarf sie nicht. // Wikipedia

Immer alles der Liebe wegen. Von der Nis-Momme im anschließenden Gespräch behauptet, kaum einer würde sie mehr ungebrochen darüber sprechen können – so ohne Ironie und ohne peinlich berührt zu sein. (Ob das so stimmt?) Der Abwesenheit von Liebe wegen. Und während diese wunderbaren Schauspielstudenten mit diesem starken Text buchstäblich Schritt für Schritt den Raum füllen und zu Stimmen derer werden, die übrig bleiben, wenn die Mutter geht, wandern der Zuschauerin Gedanken: Zur Frage, wer die Schuld trägt? Die Schuld an der Liebe, die nicht mehr da ist, wo sie sein sollte. Dem eigenen Egoismus. Versäumnissen. Alternativen. Falschen Entscheidungen? Richtigen? Zu späten?

Wir kämpfen einen müden, zu keinerlei Höhepunkt fähigen Lichtschwertkampf auf einem 11,5 m² großen Todesstern

Stockmanns Text ist traurig, ehrlich, bitter, genau beobachtend, aber nicht humor- und auch nicht hoffnungslos. Die neun Studenten eignen ihn sich an  – mit bedächtig gesetzten Worten und Schritten. So dass ein Rhythmus entsteht, ein Sound, und eine Dichtheit, die erstaunlich ist, weil so wenig passiert. Eine Stimme setzt ein, eine andere kommt dazu, eine dritte wird leiser, ein Chor wiederholt die Worte – Flora, Sina, Kathrin, Klara, Maximlian, Dominik, Jonas, Timo, Heiner – alle neun sind hier ein Ganzes und doch ist jeder ganz bei sich. Und das Zwischen-den-Zeilen, die von Leid, Wut, Angst, Verwirrung und Gefühlschaos erzählen, stellt etwas her zwischen den Spielern und den Zuschauern. Etwas Schönes, Berührendes.

Aus Warte des verlassenen Kindes wagen sich Autor und Spieler an die Befragung von Familie, Verantwortung, von Partnerschaft, Selbstbetrug und Liebe. Klingt ein bißchen kitschig? Mag sein. Am Ende aber steht fest: Liebe? Kann man doch alles erkären! Und hat doch überhaupt keine Ahnung. Ist nicht gerade das das Liebenswerte an der Liebe, dieser zweischneidigen Scheiße … ?