Süßer Vogel Jugend | Claudia Bauer am Schauspiel Leipzig

forever young? no chance, wayne.

Das Bühnenrund ist bis auf die vierte Wand dunkel verhangen. Wie eine große Höhle kommt das einem vor, oder wie ein finsteres Zirkuszelt. Hinten sind die Plastikplanen-Zeltwände etwas angelupft und geben den Blick frei auf die Künstlergarderobe. Vorn hockt die Personage fast vollzählig im Halbdunkel auf Stühlen (und vor kleinen Kameras) und wartet auf den nächsten Auftritt, die nächste große Szene, die nächste Chance, den Gegenspielern an die Gurgel zu gehen.

Süßer Vogel Jugend © Rolf Arnold

Süßer Vogel Jugend © Rolf Arnold

Fünf weiße Ballons hängen dann und wann am Bühnenhimmel – über dem Geschehen schwebende Projektionsflächen, in denen die Spielergesichter – ihren Rollen durchaus angemessen – hübsch verzerrt erscheinen. Zu den Bilder passen die Stimmen der Spieler – von leicht verzerrt über hysterisch bis zu absolut schrill, wenn Brian Völkner am Piano Forever Young a-toniert. Als Mischung aus schrägem Filmset und bösem Zirkus der Eitelkeiten haben Claudia Bauer und Team (Bühne: Andreas Auerbach) Tennessee Williams‘ Süßer Vogel Jugend auf die Leipziger Schauspielhaus-Bühne gestellt – und lassen – wer hätte anderes erwartet – keine heile Feder an ihm.

Das 1959 am Broadway uraufgeführte und hernach verfilmte Drama mixt zerplatzte Träume, verlorene Jugend, Kleinstadtmief und düstere Geheimnisse in der zutiefst rassistischen und in sommerlicher Hitze aufgeladenen Atmosphäre am Golf von Mexiko zu einem ziemlich hochentzündlichen Stoff.

Chance Wayne hat den Aufstieg zum Hollywoodstar immer um Haaresbreite verpasst und kehrt nach St. Clouds an der Golfküste zurück. Ein Nest, bei dem man gleich leise Zweifel hat, ob die Jugend hier tatsächlich mal süß gewesen sein kann. Seine Jugendliebe wird dort auf ihn warten, denkt er und die alternde Hollywood-Diva, die er im Schlepptau hat, soll für beide die letzte Chance auf einen Platz im Filmbusiness sein. Alexandra del Lago aber ist auf der Flucht vor ihrem gescheiterten Comeback und ihrem alternden Selbst. Und Chance verfängt sich bald immer mehr in den Schatten seiner Vergangenheit: Die Familie seines Mädchens – allen voran Vater und Kleinstadt-Trump Boss Finley – sinnt auf Rache, seit Wayne bei seinem letzten Besuch gleichzeitig Ruf und Gesundheit der Tochter ruinierte.

Süßer Vogel Jugend © Rolf Arnold

Süßer Vogel Jugend © Rolf Arnold

Wenn ich jetzt sage, meine ich JETZT!

Um die zwei, die definitiv weder süß noch unschuldig, sondern nach eigener Aussagen Bestien sind – um Wayne und Del Lago – lässt Claudia Bauer diesen Abend kreisen und macht so alle anderen mehr oder weniger zu Randfiguren. Ist im Stück in der Schwebe gehalten, wer jetzt eigentlich wen mehr benutzt und wer am Ende die Oberhand behält, geht dieser Punkt auf der Bühne eindeutig an die Grand Dame – gespielt von Anita Vulesica. Bei ihr ist die alternde Diva, die sich unliebsame Erinnerungen und Tatsachen am liebsten wegtrinkt bzw. wegkifft, kein jammerndes Abbild einstiger Größe. Im Mieder unterm goldenen Morgenmantel und mit pinken Puschelpantöffelchen ist sie es, die die Spielregeln bestimmt. Je mehr Wodka fließt, desto trockener scheint ihr Humor und desto bestimmender ist der Ton, mit dem sie ihren auch nicht mehr ganz frischen Toyboy zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse kommandiert. Schön geerdet macht sie das und trotz aller Überzeichnung verrät sie ihre Figur dabei aber nie ganz an die Karikatur.

Ich habe einen wilden Traum eingenommen.

Der Wayne Florian Steffens hat es dem gegenüber nicht leicht. Was der Figur an Unterfutter fehlt, ersetzt er mit Aktionismus und landet so bei einem hektischem Zuviel, das weder die ambivalente Beziehung zu seiner Begleitung, noch die düsteren Verwicklungen seiner Vorgeschichte so ganz aufgehen lässt. Auch Julia Preuss als ziemlich gerupfter Süßer Vogel Heavenly kommt trotz gewohnt rotziger Röhre nicht richtig zum Zug. Die anderen Akteure haben an diesem Abend einen noch schwereren Stand: Nur für wenige, kurze, dafür aber umso schrillere Szenen lösen sich aus dem Bühnen-Halbdunkel, in dem sie ansonsten zum Warten verdonnert sind – auf den nächsten Auftritt, auf die nächste Nummer in einer ewigen, clownesken Gruselshow.

Süßer Vogel Jugend © Rolf Arnold

Süßer Vogel Jugend © Rolf Arnold

Der schwarze Diener Charles tritt ab.

Glorifizierung der Jugend? Schein statt Sein? Lauter Egomanen? Falsche Götter? Gruselkabinett des Ewig-Menschlichem? Ja, schon. Aber eben auch: So what? Einzig Boss Finley (Michael Pempelforth mit verrutschtem Alter-weißer-Mann-Bauch) lässt kurz aufhorchen, wenn er in schönster AfD-Manier betont, dass er Gewalt natürlich verurteilt, man aber die Besorgnis der Bürger verstehen müsse … Und Andreas Dyszewskis Schwarzer Diener Charles, der seine Bedeutungslosigkeit klug thematisiert: wo er keinen Text hat, rezitiert er so stoisch wie drohend die Regieanweisungen und rückt so seine Figur und den nicht nur latenten Rassismus immer wieder ins Bewusstsein. Allein, um das süßlich-schwere und durchaus auch bitterböse Melodram über die fast sechzig Jahre ins Heute zu hieven, will das alles nicht so recht reichen.

Dabei ist der Abend keinesfalls langweilig, sondern ganz im Gegenteil hübsch-amüsant und von temporeich-überdrehtem Witz. Und es ist eine große Freude, Anita Vulesica mal wieder auf der Leipziger Bühne zu erleben. Inhaltlich aber bleibt es aber eben doch größtenteils ziemlich … nun ja … egal. Oder, wie die Sitznachbarin das dreifache, melodramatische „Wayne, Waayne …  Waaayne …!“ von der Bühne trocken und schon ein bisschen gemein ergänzt: „… interessiert’s?“.


» Süßer Vogel Jugend
Von Tennessee Williams. Regie Claudia Bauer. Kostüm Vanessa Rust. Musik: Roman Kanonik. Dramaturgie: Katja Herlemann. Licht: Veit-Rüdiger Griess. Mit Florian Steffens, Anita Vulesica, Michael Pempelforth, Roman Kanonik, Julia Preuß, Annett Sawallisch, Sophie Hottinger, Andreas Dyszewski, Thomas Braungardt und Brian Völkner.

Next shows: 13. April und 2. und 16. Mai 2019, Schauspiel Leipzig