Dämonen | Schauspiel Dortmund

die metaphern wegfegen – dostojewski als entfesseltes und fesselndes ensembletheaterfest

Da rennen sie. Von der Bühnenmitte in breiter Front an die Rampe, bremsen abrupt, um gleich zurück zu hasten. Und noch einmal und wieder. In Dostojewskis Dämonen ist jeder angetrieben von den eigenen bösen Geistern, und beinahe keiner weiß, wohin eigentlich in den sich rasch wandelnden Zeiten. Dieses Irren und Suchen ist das Grundmotiv in Sascha Hawemanns Inszenierung, der den 1000-Seiten-Wälzer so größenwahnsinnig wie streitbar und genial auf die Dortmunder Schauspielbühne gestellt hat.

Dortmunder Dämonen © Birgit Hupfeld

Getriebene – Die Dortmunder Dämonen © Birgit Hupfeld

Es gibt momentan so viele neue Ideen, es ist schlechthin unmöglich, sich unter ihnen zurechtzufinden.

… sagt eingangs der Chronist der sich durch nichts auszeichnenden Provinzstadt, in der sich die auch im Buch nur lose miteinander verwobenen Ereignisse zutragen. Die Ideen, die hier so mannigfach herumgeistern, reichen von nach Moskau gehen und einen Verlag gründen bis hin zur kruden Vorstellung einer kollektiven Reinigung des Volkes durch Massenmord. Was kommt, weiß keiner, klar ist nur: das Alte muss zerstört werden. Dabei ist das Leuchten der neuen Zeit am Horizont eigentlich der Widerschein der in Flammen stehenden alten Welt.

Ich kann überall hingehen. Ich muss doch nicht in diesem beschissenen Land leben.

Skrupellose Erneuerer und leidenschaftliche Bewahrer lässt Dostojewski in einer immer explosiver werdenden Atomsphäre aufeinanderprallen. Dabei ist ihm nicht an chronologischem Geschichtenerzählen gelegen. Auch Regisseur Sascha Hawemann und sein Dramaturg Dirk Baumann bauen ihren Abend sehr frei und assoziativ um die Hauptcharaktere. Dabei lassen sie kongenial nicht nur Szenen des Dostojewskischen Gesellschaftspanoramas sinnfällig ineinandergreifen, sondern auch Figuren, Rollen und Gedanken noch einmal ganz neu aufeinandertreffen und schaffen damit ein so kluges wie atemloses Gedankenschwirren, dem man unbedingt folgen möchte, aber damit so heillos überfordert ist, wie das Dämonenpersonal mit der neuen Zeit. Gut und Böse, Volk und Glaube, Materialismus, Identität, Schuld und Liebe werden verhandelt und über allem steht die große, noch heute oder heute besonders aktuelle Frage, wie wir eigentlich miteinander leben wollen und welche Werte dabei gelten sollen.

Worum sich hier aber im Kern alles dreht, zeigt Wolf Gutjahrs Bühne – die Feld, Kirche, Salon und Stadt und alles zugleich ist – mit nur einem Leuchtbuchstaben. Ein übergroßes я steht da und wird von allen sehr gern und oft herumgeschoben. Ums (russische) Ich geht es also in erster Linie. Darum kreist Stepan Trofimowitsch Werchowenskij, der sich von der schönen und reichen Warwara aushalten lässt. Die Wawara selbst natürlich auch, hin und hergerissen zwischen Moderene, Tradition, Verlust der Jugend und großer Eitelkeit. Stawrogin, ihr Sohn, dem Gut und Böse, ja Moral überhaupt keine Kategorien mehr sind und den dennoch die eigene Schuld in epileptischen Anfällen heimsucht. Aber auch Lisa, die ihn liebt und raus will aus dem Nichtstun. Und die hinkende Marja, die er geheiratet hat. Kirillow, der von der Erfüllung im Selbstmord träumt, Gaganow, der alle hasst und nicht zuletzt der völlig desillusionierte Schatow, der mit der Revolution nichts mehr am Hut haben will.

Dortmunder Dämonen © Birgit Hupfeld

Dortmunder Dämonen © Birgit Hupfeld

Je suis ein heruntergekommener Mensch!

In immer wieder neuen Konstellationen findet sich das Personal zu berührenden, intensiven, mal komischen, mal verstörenden Szenen wieder. Dazwischen flicht Hawemann immer wieder bewegte Ensemblepanoramen von großer Kraft: Ein gemeinsames, stetes Irren im (Bühnen)Nebel, einen Tanz aller, nah am Abgrund, zu Apparats New Error, ein rauschhaftes Fest. Dann funkeln nicht nur die Gedanken, sondern auch die Bilder: das Ich leuchtet; Muttererde landet dort, wo gerade noch die Metaphern zusammengefegt wurden; die Wände werden mit Unendlichkeitszeichen und Blut bemalt; ein bespielbares Kreuz wird aufgefahren; als neue Ikone sammelt eine halbnackte, betrunkene Maus die Kollekte und fast beiläufig wird im Hintergrund geprügelt und gemordet – bis am Ende die ganze kleine Welt brennt und den Figuren nichts bleibt, als den eigenen Tod auch noch selbst zu erzählen. Brutalität und Poesie – hier liegen sie ganz nah beieinander. Immer begleitet von Xell am Klavier, dessen Musik hier wahrlich beunruhigend melodiös und gleichförmig ist – egal was passiert auf Szenerie.

Von den grandiosen Schauspielern mag man nicht einen unerwähnt lassen. Alle gehen permanent aufs Ganze, loten immer wieder die eigenen Grenzen aus, halten über vier Stunden lang Spannung und Fallhöhe, machen aus ihren Figuren Charaktere, die einen noch lange begleiten und sind doch im Zusammenspiel ein herrlicher, großer, so schöner wie schmerzender Ensemble-Leib. Da sind Friederike Tiefenbacher und Andreas Beck als ungleiches Zweiergespann Stepan und Warwara – sie ironisch-scharfzüngig und zupackend, er ganz herrliches Bühnenschwergewicht mit großer Seele und noch größerem Seelenleid, der bei der Verteidigung der Kunst aus dem Jammer zu wahrer Größe findet.

Verdrehen Sie nicht so die Augen, wir sind hier nicht im Theater!

Alexandra Sinelnikova gibt ihrer blutjungen Lisa die Leidenschaft einer alles Suchenden und die Verzweiflung derer, die nichts finden kann mit. Frank Gensers Stawrogin bleibt nicht nur für sie auf beinahe unheimliche Art ungreifbar, sondern ist zugleich Teufel und verlorene Seele und dabei körperlich besessen von seinen eigenen Dämonen. Christian Freund haust als Kirillow in einem Kleiderschrank und verpackt seine Gedankenschärfe in überaus wirkungsvolle Einfältigkeit und verstörende Komik. Jakob Benkhofe gibt den abgebrühten, wild über Gott und Volk theoretisierenden Schatow.

Dortmunder Dämonen © Birgit Hupfeld

Großes Kino mit Erde und Blut: Dortmunder Dämonen © Birgit Hupfeld

Zusammen mit Annou Reiners als hinkende, an Leib und Seele blutig geschlagene Marja gelingt ihm eine der innigsten Szenen des Abends. Uwe Schmieder ist herrlich ein fischelanter Chronist der Ereignisse und in dieser Rolle eine Art roter Faden des Abends, gibt mit entwaffnender Tragikomik und ziemlich skurril die Maus am Kreuz und lehrt einen als mit stummer Brutalität zuschlagender Lebjadkin das Fürchten. Und last but not least: Ekkehard Freye, der seinen egozentrischen Pjotr auf den Punkt unterkühlt und mit bewundernswerter Energie Runde um Runde am Rande des Vulkans tanzen lässt.

Am Schluss sind nicht nur die Metaphern weggefegt. Stepan Trofimowitsch liegt im Sterbebett und mit ihm das alte Russland, während im Hintergrund die Untoten und Übriggebliebenen im Kreuz und in sanftem grünen Licht aneinander Halt suchen. Und der Rezensent reibt sich erschöpft und froh und verwundert die Augen: So unglaublich dicht, wuchtig und überübervoll an großen Bildern und klug funkelnden Gedanken ist dieser Abend, dass sich nach dem letzten Vorhang erst einmal eine erschreckende Leere einstellt. Aber dann dauert es nicht lange und sie kommen zurück, die Dostojewkischen- und Hawemann’schen Bühnen-Geister. Nach und nach und sehr nachhaltig nisten sie sich ein in Kopf und Herz. Zum Glück sind es sind nicht ausschließlich böse.


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Sascha Hawemann und Dirk Naumann nach Fjodor Dostojewski. Regie: Sascha Hawemann. Bühne: Wolf Gutjahr.  Kostüme: Hildegard Altmeyer. Live-Musik: Xell. Dramaturgie: Dirk Baumann. Licht: Sibylle Stuck. Ton: Gertfried Lammersdorf, Jörn Michutta. Regieassistenz: Bjarne Gedrath. Soufflage: Violetta Ziegler. Mit: Andreas Beck, Jakob Benkhofer, Christian Freund, Ekkehard Freye, Frank Genser, Annou Reiners, Uwe Schmieder, Alexandra Sinelnikova und Friederike Tiefenbacher.

Wieder am 6., 13. und 21. Dezember, sowie am 12., 16. und 26. Januar, Schauspiel Dortmund